Endlich Unruhe! Granit Xhaka lupft's den Hut und das kann der Nati nur guttun
So ruhig wie in diesem Jahr war es rund um die Schweizer Nati noch nie vor einem Turnier. Ende März vor den Testspielen gegen Deutschland (3:4) und Norwegen (0:0) darauf angesprochen, antwortet Granit Xhaka: «Wir liefern momentan wirklich keinen Diskussionsstoff. Wir sind im Vergleich zu früheren Jahren erfahrener und haben uns geschworen: Wir wollen nur noch mit der Leistung auf dem Platz sprechen.» Trotzdem: Kann die nötige Spannung aufgebaut werden, wenn sich alle liebhaben?
Mittlerweile befinden sich die Schweizer seit knapp einer Woche im WM-Basecamp in San Diego, um sich dort den Feinschliff für das erste Gruppenspiel am 13. Juni gegen Katar zu holen. Wichtige Erkenntnisse über den Formstand sollte dabei das finale Testspiel am Samstag gegen Australien liefern. Doch wie sich die Nati beim 1:1 gegen die Ozeanien-Kicker präsentiert, verdient nur in den ersten 25 Minuten das Prädikat «WM-Form». In dieser Phase fällt auch das 1:0 durch den auffälligsten Schweizer Dan Ndoye.
Der Rest ist uninspiriert, der Ausgleich der anfangs überforderten Australier verdient. Mehr noch: Nur weil Gregor Kobel einen Weitschuss von Ex-GC-Leihspieler Irakunda irgendwie noch an die Latte lenkt, gibt es kein zweites Gegentor.
Granit Xhaka lupft's den Hut
Man kann das nun alles andere als dramatisch finden. Etwa, dass Manuel Akanji in einem Ernstkampf ein anderer Spieler ist als Manuel Akanji in einem Testspiel. Diesen Eindruck haben wir nicht erst gegen Australien gewonnen. Aber auch andere wichtige Spieler wie Remo Freuler tauchen zusehends ab. Kommt dazu: Mit Breel Embolo, für den das Australien-Match nach seiner verspäteten Ankunft im WM-Camp zu früh kam, und dem angeschlagenen Ruben Vargas schauten zwei Stammspieler nur zu.
Nach dem zu zwei Dritteln ungenügenden Auftritt schwarz zu sehen für den WM-Auftakt gegen Katar herzuleiten, wäre falsch. Denn Anspannung, Intensität, Leistungs- und Opferbereitschaft werden in einer Woche ganz anders sein. Nur schon, weil dann zehn Mal mehr Zuschauer im Stadion sein werden als die 6107 gegen Australien. Und immerhin haben die Schweizer gezeigt, wenn auch nur während den ersten 25 Minuten, dass sie überzeugende Argumente haben, um an der WM für Aufsehen zu sorgen. Also: Stempel drauf, weiter geht's in die letzte Vorbereitungswoche. Oder?
Nicht mit Granit Xhaka. Nach der Generalprobe bricht es aus dem Captain heraus. Sein Frust bezieht sich nicht nur auf die Leistung gegen Australien. Nein, Xhaka geht das Gebaren im Nati-Camp scheinbar schon seit der Ankunft in den USA gegen den Strich.
Xhaka poltert im Interview mit «SRF»: «Einiges war nicht gut in dieser Woche. Und dann tritt man auch so auf, wie wir aufgetreten sind. Ich habe gelernt, dass ich nicht zu viel sagen darf. Aber wenn wir an der WM so auftreten wie gegen Australien, fahren wir nach drei Spielen nach Hause. Wir müssen aufwachen. Es wäre falsch, zu glauben, wir schaffen diese Gruppe easy. Dieses 1:1 gegen Australien sollte ein Wachruf sein. Es ist aber nicht so, dass diese Mannschaft arrogant ist. Ich glaube daran, dass man im Spiel für die gute Arbeit im Training belohnt wird. Aber das war leider in der vergangenen Woche nicht jeden Tag der Fall.»
Erinnerungen an düsteren Nati-Herbst 2023
Die Worte erinnern an den düsteren Nati-Herbst 2023, als Xhaka nach dem 2:2 im Kosovo ebenfalls die Trainingsqualität in Frage stellte. Und indirekt auch Trainer Murat Yakin angriff. Er sagte Sätze wie: «Es sah aus, als ob wir im Park spielen würden.» Und weiter: «Wir haben nicht so trainiert, wie wir trainieren müssten. Da muss man nicht allzu viel Ahnung von Fussball haben, um das zu sehen.»
Weil zu diesem Zeitpunkt schon länger nicht alles in Minne war zwischen den beiden, fehlte nicht viel zum Bruch zwischen Captain und Trainer. Etliche Einzelgespräche und in der Folge offenere Ohren Yakins für die Inputs von Xhaka führten dann dazu, dass aus der schwierigen Beziehung der beiden Alphatiere eine harmonische wurde. Wenn man so will, legte Xhaka mit seiner Wutrede im Kosovo den Grundstein für die berauschenden Nati-Auftritte an der EM 2024.
Panikmache oder berechtigte Kritik?
Und jetzt? Die Liasion der beiden wird nach Xhakas jüngstem Ausbruch kaum wieder auf die Probe gestellt. Schmecken dürfte er Yakin dennoch nicht. Nach der zwiespältigen WM-Generalprobe findet er denn auch versöhnlichere Worte: «Das Spiel hat einige Erkenntnisse geliefert. Die Startphase war sehr gut und es hat sich kein Spieler verletzt, das ist positiv. Danach schlichen sich viele Abspielfehler ein, so haben wir den Gegner aufgebaut. In der Halbzeitpause haben wir einige Änderungen vorgenommen, was der Plan war. Ohne Embolo und Vargas (geschont; d. Red.) hat uns in der Offensive aber schon etwas das Tempo gefehlt.» Auf Xhakas Schimpftirade angesprochen, sagt Yakin, er wolle sich mit seinem Captain unter vier Augen darüber unterhalten.
Ist Xhakas Zorn Panikmache oder berechtigte Kritik? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Für ein bisschen Unruhe in und um die Nati hat der Captain aber auf jeden Fall gesorgt. Schlecht muss das nicht sein. Denn: Ohne Reibung keine Bewegung. Was in der Physik gilt, zählt auch im Sport: Nur wer Widerstände überwindet, wird besser. Und das muss die Nati nach dem 1:1 gegen Australien definitiv. (riz/aargauerzeitung.ch)
