15 Personen auf 40 Quadratmetern: Edin Dzeko erlebte den Bosnienkrieg hautnah mit
Nach 2014 ist Bosnien-Herzegowina zum zweiten Mal bei einer Weltmeisterschaft dabei. Das Turnier startete ordentlich für die Bosnier: Gegen Co-Gastgeber Kanada konnte das Team gar lange von einem Sieg träumen. Schlussendlich kam es zu einem gerechten 1:1-Unentschieden. Am heutigen Donnerstag (21 Uhr, bei watson im Liveticker) peilt Bosnien den zweiten Sieg an einer Fussball-WM überhaupt an.
Fraglich ist allerdings, ob Superstar Edin Dzeko zum ersten Mal an dieser WM auf dem Platz stehen wird. Der 40-Jährige musste beim ersten Spiel angeschlagen zuschauen. Dzeko war auch bereits vor zwölf Jahren bei der ersten WM-Teilnahme der Bosnier dabei und war schon in Brasilien der grosse Star der Zmajevi (Drachen).
Damals war die WM-Teilnahme eine noch grössere Sache für das Land, als es dies dieses Mal ist. Denn Bosnien-Herzegowina ist noch ein sehr junges Land. Als sich Slowenien und Kroatien 1991 von Jugoslawien abwandten, wollte auch Bosnien eigenständig werden. Die serbische Regierung wehrte sich aber dagegen und gründete in den von ihr kontrollierten Gebieten die Republika Srpska Bosnien und Herzegowina. Der Konflikt mündete im April 1992 im Bosnienkrieg, der bis Dezember 1995 dauerte.
Der heutige Stürmer Edin Dzeko war bei Kriegsausbruch sechs Jahre alt und bekam alles hautnah mit. Für The Players' Tribune schrieb der Rekordspieler der Bosnier einen Brief an alle Kinder von Bosnien und Herzegowina und erzählte, wie er den Krieg in der Hauptstadt Sarajevo miterlebte.
Meistens mussten die Leute drinnen in den Häusern bleiben, da es zu gefährlich war, aber ab und zu durften die Kinder spielen gehen. Dzeko beschrieb dieses Gefühl wie folgt: «Hin und wieder, wenn es ruhig schien, öffnete meine Mutter die Haustür, und ich ging hinaus, um mit den anderen Kindern aus der Nachbarschaft zu spielen. Ich werde nie ihren Blick vergessen, als sie die Tür öffnete. Sie lächelte leicht, weil sie sich so freute, mich spielen zu sehen. Und dann sah ich ihr in die Augen und erkannte ihre Sorge, dass ich nie wiederkommen würde.»
Ab und zu musste Dzeko auch raus, um mit der Familie Wasser zu besorgen. Weil die Lifte nicht funktionierten, mussten die vollgefüllten Eimer in den zehnten Stock getragen werden. «Ich muss das fitteste Kind in ganz Sarajevo gewesen sein», meint Dzeko, der sich immer darauf freute, wenn Militärrationen vom Himmel fielen. «Wir nannten sie unsere Lunchboxen. Wir wussten nicht, woher sie kamen, und es war uns egal. Für uns schmeckten sie unglaublich gut. Wenn man jeden Tag dasselbe isst, ist Erdnussbutter wie ein Geschenk des Himmels.»
Bis zum Kriegsende im Dezember 1995 starben über 100'000 Menschen, was den Bosnienkrieg zu einem der blutigsten in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg macht. Noch heute sind in der Hauptstadt Sarajevo bei Häusern Einschusslöcher aus dem Krieg zu sehen, viele Verbrechen sind noch immer nicht geklärt oder bestraft. Mit den «Rosen von Sarajevo» wird an die Menschen gedacht, welche durch Granaten im Krieg ums Leben kamen.
Erst nach dem Krieg konnte Dzeko dann einem Fussballverein beitreten. Sein Ziel war es damals schlicht, für seinen Heimatverein Zeljeznicar zu spielen. 30 Jahre später kann man sagen: Dieses hat er weit übertroffen. Mit 19 Jahren wechselte Dzeko nach Tschechien und zwei Jahre später gelang ihm beim VfL Wolfsburg der grosse Durchbruch, als er auf dem Weg zum sensationellen Meistertitel 2008/09 in 32 Einsätzen 36 Skorerpunkte sammelte. In den folgenden Jahren gehörte der Stürmer zu den Schlüsselspielern bei Topteams wie Manchester City, der AS Roma oder Inter Mailand.
In diesem Winter wechselte er von Fiorentina zum FC Schalke 04 und stieg mit den Knappen in die 1. Bundesliga auf. Bevor er sich in den Playoffs gegen Italien verletzte, war der Routinier in acht Einsätzen an insgesamt neun Treffern beteiligt. Ob er seine Karriere nach der Weltmeisterschaft fortsetzen wird, ist noch nicht klar. Der S04 wäre daran interessiert, den Vertrag mit dem Bosnier zu verlängern.
Da Dzeko noch immer angeschlagen ist, verfolgte er das bosnische Auftaktspiel gegen Kanada von der Bank aus, aber sein Trainer Sergej Barbarez ist optimistisch, dass der Rekordtorschütze der Bosnier bald auf den Platz zurückkehren wird. Durchaus realistisch, dass Dzeko gegen die Schweiz in der Startelf steht.
- Kongolesen feiern Punkt gegen Portugal mitten in Lissabon – und verhöhnen Ronaldo
- So feierte Englands berühmtestes Public Viewing das 1. Tor +++ Muheim fehlt gegen Bosnien
- Kroatien hält nur bis zur Pause mit – WM-Mitfavorit England startet souverän
- Unangenehmer Fehler bei Portugal gegen DR Kongo: ZDF zeigt minutenlang falsche Flagge
