Die Kehrtwende ist kein Befreiungsschlag: Läuft Gianni Infantinos Zeit ab?
Vor zwei Wochen durfte sich Gianni Infantino bei der WM noch auf dem Gipfel seiner Macht fühlen. Sein krachend gescheiterter Investorendeal hat jetzt aber einen Aufstand gegen den Fifa-Boss entfacht. Kann sich der Walliser halten? Die Rufe nach einem Neuanfang bei der Fifa werden immer lauter. Das Aus des Präsidenten scheint plötzlich denkbar.
Infantino erlebt gerade eine fast schon irre Dynamik im Kampf um Macht und Geld. Noch vor zwei Wochen schien der 56-Jährige an der Spitze des Weltfussballs absolut unantastbar. Die erstmals mit 48 Mannschaften ausgetragene WM-Endrunde in den USA, Kanada und Mexiko konnte der Schweizer trotz aller Empörung als vollen Erfolg verkaufen. Rund 13,1 Milliarden Euro soll die XXL-WM an Einnahmen generiert haben – mehr als jede andere zuvor.
Die Verbindung von Infantino zu Trump
Dann präsentierte Infantino eine Idee, die er selbst für wohl ziemlich genial hielt. Anteile an den Premium-Produkten des Weltverbandes sollten an private Investoren verkauft werden. Geldgeber hätten rund 20 Prozent der Anteile an dem neu zu gründenden Tochterunternehmen Fifa Forward Enterprise (FFE) erwerben können. Die FFE hätte die kommerziellen Rechte an den Fifa-Wettbewerben wie der Männer- und Frauen-WM sowie der Club-WM gebündelt.
Technologieinvestor Joshua Kushner, dessen Bruder Jared mit der Tochter von US-Präsident Donald Trump, Ivanka, verheiratet ist, hätte über seine Investmentfirma Thrive eine Schlüsselrolle übernehmen sollen. Infantino, der schon zuvor mit kontroversen Ideen gescheitert ist, hatte den 211 Fifa-Mitgliedsverbänden für die Zustimmung Berichten zufolge eine Frist bis zum 19. September gesetzt und im Gegenzug Sonderzahlungen in Aussicht gestellt. So sehen Pläne zum Machterhalt aus.
Infantinos nicht einmal mit der Fifa-Führung abgesprochenes Vorhaben platzte aber. Und US-Präsident Trump liess schon mal wissen, mit dem Fifa-Chef über solche Investorenpläne gar nicht gesprochen zu haben. Man geht angesichts des stürmischen Aufstands gegen dessen Herrschaft auf Distanz.
Kritik am Hinterzimmerdeal des Präsidenten
Unter der Führung von Präsident Aleksander Ceferin sieht die Europäische Fussball-Union Uefa nun den Moment für einen Kehraus in der Fifa-Zentrale gekommen und legt Infantino den Abschied nahe. «Die derzeitige Fifa-Führung hat nicht nur das Vertrauen der Uefa verloren, sondern auch das vieler anderer Mitglieder der Fussballfamilie», erklärte der europäische Dachverband, nachdem der angeschlagene Infantino angesichts weltweiter Empörung und unter massivem öffentlichem Druck bei seinem heftig umstrittenen Kommerz-Projekt in der Nacht auf Samstag eine peinliche Kehrtwende vollzogen hatte.
«Der schäbige, hinter verschlossenen Türen ausgehandelte und undurchsichtige Deal, den er eingefädelt und anschliessend durchzusetzen versucht hat, war das genaue Gegenteil von Transparenz», polterte die Uefa. Man werde jetzt mit den Mitgliedsverbänden und «in enger Zusammenarbeit» mit den anderen Konföderationen analysieren, wie es dazu kommen konnte, um eine Wiederholung auszuschliessen. «Diese Überprüfung muss gründlich und umfassend sein. Keine Option darf von vornherein ausgeschlossen werden.» Das soll heissen: Infantino, verschwinde! Die Forderungen nach einem Reformprozess klingen nun so wie jene nach dem Abgang Joseph Blatters – der 2016 von Infantino beerbt wurde.
Ganz offensiv fordert das Spaniens Ligaboss Javier Tebas. «Der Weltfussball braucht eine neue Führung, die seine Governance modernisiert, die Glaubwürdigkeit wiederherstellt und zukunftsweisende Entscheidungen im Konsens mit den beteiligten Akteuren trifft», schrieb er in den sozialen Netzwerken. «Der Rückzug eines Vorschlags macht das Geschehene nicht ungeschehen. Er ist lediglich die Spitze des Eisbergs.»
Folgt ein Misstrauensvotum gegen Infantino?
Und ganz oben thront noch Infantino, gegen den auch Fifa-intern der Widerstand wächst. Ist die kritische Masse schon erreicht, die ihn gefährden könnte? Die «Times» schrieb davon, dass sich der Spitzenfunktionär einer ausserordentlichen Sitzung des Fifa-Rats stellen könnte, auf der er zum Rücktritt aufgefordert werden solle. Als weitere Möglichkeit wurde genannt, dass mindestens 43 der 211 Fifa-Mitgliedsverbände einen ausserordentlichen Kongress einberufen und dort ein Misstrauensvotum stellen.
Und dann? Müsste ein Nachfolger bereitstehen. Uefa-Boss Ceferin wäre ein logischer Herausforderer. Der slowenische Rechtsanwalt hat aber schon eine erneute Kandidatur 2027 für den europäischen Dachverband ausgeschlossen. Nach einer gewissen Zeit brauche jede Organisation «frisches Blut», sagte er. Diese Erkenntnis ist aber mittlerweile schon mehr als zwei Jahre alt. Und ob sie auch für ihn und die Fifa gilt, ist eine andere Frage.
Dem Vorsitzenden des für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständigen Kontinentalverbands CONCACAF, Victor Montagliani, werden höchste Ambitionen nachgesagt. Der Kanadier watschte Infantino schon mal ab. «Diese jüngste einseitige und ungeheuerliche Handlung, die von schlechter Regierungsführung und Führungsschwäche zeugt, reiht sich ein in eine Reihe von Fehltritten und ähnlichem Verhalten», polterte Montagliani.
Man darf aber nicht vergessen, dass Infantino die Verbandsapparate bestens kennt. Die Organisation von Stimmen, von Rückhalt, beherrscht er. Infantino war schliesslich lange Generalsekretär bei der Uefa, ehe er im Zuge eines Korruptionsskandals zum Nachfolger Blatters zum Fifa-Boss gewählt wurde. Dem «Guardian» zufolge hat Infantino als Soforthilfemassnahme eine Beratungsfirma engagiert, um die Beziehungen zu den Nationalverbänden zu glätten.
Isoliert ist Infantino trotz der immer schärferen Kritik noch nicht. Der Rechtswissenschaftler, der sich eigentlich im März nächsten Jahres in Rabat (Marokko) auf dem 77. Fifa-Kongress ein letztes Mal für vier Jahre zum Präsidenten wählen lassen will, bekommt noch Zuspruch. Ägypten, Marokko, Libanon und Katar bekräftigten jüngst ihre Unterstützung. Ob das reicht? (schweizheute.ch)
