«Wir würden die WM-Qualifikation für das Ende des Krieges im Kongo eintauschen»
Charles Pickel schickt ein Foto aus einer Eistonne in Houston, wo er mit dem Kongo sein WM-Basecamp aufgeschlagen hat. «Ich melde mich, wenn wir wieder im Hotel sind», sagt der 29-jährige Solothurner. Zwei Stunden später nimmt sich der ehemalige FCB-Junior und GC-Spieler ausführlich Zeit, obwohl in zwanzig Minuten die Schweiz gegen Katar spielt. Im Gespräch geht es nicht nur ums kongolesische Nationalteam und die WM, sondern auch um den Bürgerkrieg in der Heimat seiner Mutter und das neue Leben als Nationalheld.
Die Schweiz spielt gleich. Haben Sie noch Kontakt zum Team?
Charles Pickel: Ja, täglich. Breel Embolo und Manuel Akanji gehören zu meinen engsten Freunden. Wir unternehmen auch viel zusammen mit unseren Frauen und Kindern. Auch an der WM gamen wir in der Freizeit zusammen online und tauschen uns dabei aus. Dabei analysieren wir auch unsere Spiele. Das ist für das Fussball-Business eigentlich aussergewöhnlich, weil der Kontakt oft abbricht, wenn der Klub oder das Land gewechselt wird.
Breel Embolo durfte erst mit Verspätung in die USA einreisen. Wie verlief die Reise der kongolesischen Nationalmannschaft?
Auch bei uns wurde es hektisch.
Wegen der im Kongo grassierenden Ebola-Epidemie?
Ja, das tangierte aber vor allem unsere Vorbereitung. Diese wollten wir ursprünglich im Kongo abhalten, was wegen des Ausbruchs der Epidemie nicht möglich war. Doch die Verantwortlichen haben professionell reagiert und so konnten wir in Europa bleiben. Wir mussten auch nicht in Quarantäne, weil alle Spieler in Europa oder Asien unter Vertrag stehen. Da es auch in Belgien viele Kongolesen gibt, war die Vorbereitung fast wie in der Heimat. Das Stadion in Lüttich war beim Testspiel gegen Dänemark voll. Das zweite Testspiel war dann ursprünglich in Spanien angesetzt, wo wir wegen Ebola-Ängsten nicht spielen durften. So wurde die Partie gegen Chile kurzfristig nach Frankreich verschoben.
Ihr reist mit einem 0:0 gegen Dänemark und einem 1:2 gegen Chile an. Wie bereit ist der Kongo für die WM?
Sehr bereit. Wir konnten in den Testspielen gute Ansätze zeigen, sind noch mehr zu einer Einheit geworden und auch die Niederlage gegen Chile kam zum richtigen Zeitpunkt. Sie hat uns gezeigt, dass wir für den Erfolg noch mehr geben müssen.
Was liegt in der Gruppe mit Portugal, Usbekistan und Kolumbien drin?
Natürlich ist für den Kongo schon das erstmalige Dabeisein seit 52 Jahren ein Riesending. Doch wir sind nicht hier, um einfach nur mitzuspielen. Wir wollen die Spiele gewinnen und haben vor keinem Gegner Angst, auch nicht vor Portugal und Cristiano Ronaldo. Viele unserer Spieler sind in Top-Ligen unter Vertrag und dort Stammspieler.
Sie debütierten 2023 für das Heimatland Ihrer Mutter und absolvierten bisher 34 Länderspiele. Was wird an der WM Ihre Rolle sein?
Ich habe schon den Anspruch, zu spielen. Am besten über 90 Minuten. Aber für den Kongo würde ich an der WM auch in nur zwei Minuten in der Nachspielzeit mein ganzes Leben auf dem Platz lassen.
Spielen Sie an der WM auch um einen neuen Klub? Ihr Vertrag bei Espanyol Barcelona läuft aus.
Meine Zukunft ist noch offen. Wir haben zusammen mit dem Klub und der Familie entschieden, dass wir das Kapitel Barcelona beenden, obwohl wir uns sehr wohlgefühlt haben und vielleicht auch nach der Karriere dort heimisch werden könnten. Doch für das nächste Kapitel benötige ich etwas mehr Stabilität. Ein Dreijahresvertrag mit einem Projekt, wo ich mich noch einmal beweisen kann, wäre ideal.
Drei Jahre spielen Sie auch für den Kongo. Welche Aktien hat Trainer Sébastien Desabre an der positiven sportlichen Entwicklung?
Er hat uns Stabilität und Struktur gebracht. Wir arbeiten seit drei, vier Jahren mit fast dem gleichen Team zusammen. Wir kennen uns in- und auswendig und haben einen klaren Plan.
Was spielt der Kongo für einen Fussball?
Er ist vom Kampf geprägt. Wir sind eine Mannschaft, und wir werden nie lockerlassen. Wir haben in der Offensive gefährliche und schnelle Stürmer und Flügelspieler. Und physisch sind wir über dem europäischen Standard. Wir haben einige echte Schränke im Team.
Wie kommen Sie mit der kongolesischen Leichtigkeit, die man aus Tanz- und Gesangsvideos beim Weg ins Stadion oder zum Training kennt, zurecht?
Das ist unsere Kultur. Viele von uns benötigen das, um gut ins Spiel reinzukommen und fokussiert zu sein. Es gibt aber auch bei uns Spieler, welche die Kopfhörer aufsetzen und sich abschotten.
Wie handhaben Sie es?
Ich bin nur gelegentlich dabei, wenn getanzt wird. Den Rhythmus habe ich dank meiner Mutter aber schon im Blut.
Die Helden von Zaire, die 1974 an der WM in Deutschland dabei waren, werden im Kongo heute noch gefeiert. Wie verlief die WM-Quali-Party 2026?
Nachdem wir im Playoff Jamaika 1:0 besiegen konnten, sind wir zu den WM-Feierlichkeiten in den Kongo geflogen. So etwas habe ich noch nie erlebt. Da war das ganze Land auf der Strasse. Wirklich jeder. Für einen Weg, den man normalerweise in zwei Stunden schafft, haben wir zwölf Stunden benötigt. Wir fuhren auf einem offenen Wagen durch die Strassen und feierten. Die Emotionen, die ich dort erleben durfte, sind übermenschlich.
Im September 2025 war die Situation eine andere.
Sie sprechen das Senegal-Spiel an?
Ja, als der Kongo 2:0 führte und noch 2:3 verlor. Dadurch wurde die direkte WM-Qualifikation verspielt.
Es war ein ausverkauftes Heimspiel. 80'000 haben im Nationalstadion in Kinshasa Platz. Aber ich schätze, dass sich noch 20'000 weitere reingeschlichen haben. Die Stimmung war unglaublich. Man konnte den Nebenmann auf dem Platz nicht hören. Doch mit dem Schlusspfiff kippte die Stimmung. Wir wurden beschimpft und mit Stühlen beworfen, weil wir trotz 2:0-Führung noch verloren hatten. Gefühlt war kein Sitz mehr an seinem Platz nach dem Abpfiff. Wir mussten vier Stunden in der Garderobe bleiben, ehe wir das Stadion verlassen konnten.
Mit Siegen gegen Kamerun (1:0), Nigeria (4:3 nach Elfmeterschiessen) und Jamaika (1:0 nach Verlängerung) gelang die Qualifikation doch noch.
Das waren drei wilde Spiele. Mit Kamerun und Nigeria konnten wir zwei afrikanische Fussballgrössen schlagen. Im Elfmeterschiessen wurde mit Timothy Fayulu dann mein Schweizer Freund zum Helden. Der Ex-Sion-Goalie wurde kurz vor Schluss eingewechselt, weil er ein Elfmeterkiller ist, und hat drei Versuche pariert. Das Jamaika-Spiel war dann kein gutes, weil beide Teams wussten, dass viel auf dem Spiel stand.
Mit Axel Tuanzebe traf ausgerechnet ein Spieler, der gegen Nigeria noch einen Elfmeter verschossen hatte, per Oberschenkel nach einer Ecke zum entscheidenden 1:0 in der 110. Minute.
Das war die grosse Erlösung. Ein unbeschreibliches Gefühl. In der Nachspielzeit stand ich auch noch auf dem Platz, um den Sieg ins Trockene zu verteidigen. Und nach Schlusspfiff brachen überall die Freudentränen aus. Solche Emotionen gibt dir nur der Fussball.
Kennen Sie Ihre Vorgänger, die 1974 mit Zaire erstmals eine WM spielten und gegen Jugoslawien 0:9, gegen Brasilien 0:3 und gegen Schottland 0:2 verloren?
Ja, ich konnte einige von ihnen im Rahmen unserer WM-Qualifikations-Feierlichkeiten kennenlernen. Geschichte ist immer wichtig. Ich habe grossen Respekt vor dem, was sie vor 52 Jahren geleistet haben. Die Spieler sind heute immer noch Nationalhelden.
Und Sie treten jetzt in deren Fussstapfen.
Das konnte ich bisher noch nicht realisieren. Das Fussball-Business dreht sich zu schnell weiter. Das nächste Spiel steht schnell vor der Tür. Doch es wird der Moment kommen, an dem auch ich mir der Bedeutung dieser WM-Qualifikation bewusst werde. Dennoch ist es mir ein Anliegen, dass ich auch trotz des Rummels, den es im Kongo um uns Nationalspieler immer gibt, immer der Charlie aus Solothurn bleiben werde. Ich bin immer noch ein Junge, der gerne Fussball spielt und den Sport liebt.
Der aber im Kongo nicht auf die Strasse kann, ohne Selfies zu machen,.
Mich erkennt man auch wegen meiner helleren Hautfarbe schnell. (lacht) Grundsätzlich bleibe ich gerne stehen und gebe den Fans etwas zurück, aber der Trubel kann auch stressig werden. Vor allem, wenn die Familie darunter leidet.
Was fordern die Fans von euch an der WM?
Sicher mal einen Sieg zum Auftakt gegen Portugal. (lacht) Die Erwartungen sind riesig. Wir haben Millionen Menschen hinter uns. Doch wir sind auch für viele die einzige Hoffnung in einem Land, in dem Krieg herrscht. Das ist ein übermenschlicher Druck, aber mich spornt das an.
Inwieweit beschäftigt der Bürgerkrieg im Kongo die Nationalmannschaft?
Wir bekommen täglich News von Angehörigen, die in Kriegsgebieten leben. Das auszublenden und sich auf den Sport zu konzentrieren, ist nicht einfach. Wir wünschen uns alle, dass der Krieg beendet wird. Wenn wir die WM-Qualifikation gegen Frieden eintauschen könnten, würden wir das sofort machen.
Am Afrika-Cup 2024 setzten Sie bei der Hymne vor dem Halbfinal ein Zeichen für den Frieden. Ist auch an der WM, der grösstmöglichen Bühne, etwas geplant?
Bis jetzt nicht. Damals haben wir das auch recht spontan entschieden. Ich befürworte es, dass wir als Nationalteam die Bühne nutzen. Über die Aufmerksamkeit, die unsere Geste am Afrika-Cup medial erhalten hat, habe ich mich gefreut.
Didier Drogba hat mit seinen Äusserungen mitgeholfen, dass der Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste 2007 beendet wurde.
Auch im Kongo stoppt der Krieg, wenn wir spielen. Das zeigt, welche Kraft der Fussball hat, und motiviert meine Teamkollegen und mich, unser letztes Hemd auf dem Platz zu lassen.
Auch Kongo-Fan Michel Nkuka Mboladinga, der mit seiner versteinerten Haltung Patrice Lumumba, den ersten Premierminister des unabhängigen Kongo, imitierte und ehrte, wurde am Afrika-Cup weltbekannt.
Auch ihn durfte ich kennenlernen. Er ist jemand, der Zeichen setzt und etwas bewegen will. Für solche Menschen kann ich nur Gutes sagen. Wie ich gehört habe, wird er auch an unseren WM-Spielen im Stadion sein. (schweizheute.ch)
