Visa, Proteste, Politik: Irans WM-Auftakt ist viel mehr als nur ein Fussballspiel
Nichts ist ausgeschlossen. Aber so wie es wenige Stunden vor dem Anpfiff aussieht, kann das WM-Spiel des Iran gegen Neuseeland, in der Nacht auf Dienstag um 3 Uhr morgens Schweizer Zeit in Los Angeles, stattfinden.
Das ist keine Selbstverständlichkeit, schliesslich befinden sich der Iran und der WM-Gastgeber USA im Krieg, oder – je nach Stand der Verhandlungen und wen man fragt – in einem kriegsähnlichen Zustand. Lange war deshalb unklar, ob die Mannschaft zur Weltmeisterschaft reisen kann.
Stürmer Taremi spricht von «angespannter Stimmung»
Die Vereinigten Staaten sagten schliesslich zu, die Spieler ins Land zu lassen, aber mit Auflagen. Sein Basislager musste der Iran entgegen den ersten Planungen in Mexiko aufschlagen, die Mannschaft darf nur zu den Spielen in die USA. Und sie muss das Land nach dem Schlusspfiff subito wieder verlassen. Die Umstände würden seine Arbeit erschweren, sagte Trainer Amir Ghalenoei. Mehrere Offizielle durften nicht einreisen.
Der iranische Stürmer Mehdi Taremi sprach am Tag vor dem Spiel von einer «angespannten Stimmung». Man erlebe nicht dieselbe schöne Atmosphäre wie an früheren Turnieren. «Es betrifft nicht nur den Iran, sondern auch andere», sagte er und wies auf Schiedsrichter Omar Artan aus Somalia hin, dem die USA die Einreise verweigerten. Taremi war schon Teil des iranischen Teams an den Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar.
Topstürmer kaltgestellt
Doch nicht nur aussenpolitische Diskussionen begleiten den Auftritt der Mannschaft. Für Exil-Iraner ist sie nicht die sportlich beste Auswahl, sondern ein aus jenen Spielern, die der politischen Führung genehm sind. Als Beispiel führen sie den erfahrenen Torjäger Sardar Azmoun auf, der laut Transfermarkt einen höheren Marktwert aufweist als alle aufgebotenen Spieler.
Azmoun, der nach Stationen in Leverkusen und bei der AS Roma nun in den Vereinigten Arabischen Emiraten engagiert ist, könnte ein Anfang Jahr geteiltes Foto zum Verhängnis geworden sein. Es zeigt ihn beim Handschlag mit Dubais Herrscher, Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum. Für die iranische Revolutionsgarde ein No-Go. Das sei eine Zusammenarbeit mit einem Feind des Irans, schrieb sie auf Telegram. «Ich bin traurig», sagte der 91-fache Nationalspieler nach der Nichtnominierung. «Ich habe einiges zu sagen, aber vorerst behalte ich es für mich.»
Gericht entscheidet über verbotene Flagge
Fans aus dem Iran durften nicht einreisen. Dennoch rechnet man mit rund 35'000 Iranern im Stadion, denn im Spielort Los Angeles leben mehrere hunderttausend Emigranten. In Anlehnung an die iranische Hauptstadt Teheran wird das Gebiet, in dem sie vorwiegend leben, «Tehrangeles» oder «Little Persia» genannt. «Wir werden trotz allem ein Heimspiel haben», ist Trainer Ghalenoi überzeugt.
Diese Iraner wollen, und wir sind bei einem weiteren Problemfeld angelangt, aus Protest gegen das Regime in der Heimat die alte Flagge des Landes zeigen. Die FIFA untersagte dies, was sich die Fans wiederum nicht gefallen lassen wollen. Eine Organisation, die sich für das iranische Volk und dessen Meinungsfreiheit einsetzt, reichte vor Gericht eine Klage ein. Über sie wird heute, wenige Stunden vor dem Anpfiff, verhandelt.
Wie streng werden die Sicherheitskontrollen vor dem Stadion sein? Die FIFA beruft sich beim Verbot auf ihre Liste mit Gegenständen, die nicht mitgeführt werden dürfen. Dort ist unter anderem die Rede von Materialien, die politischer Natur sind. Der iranische Verband verlangte vom Weltverband sicherzustellen, dass die Flagge des Irans respektiert werde.
WM-Duell mit den USA?
Trainer Ghalenoi fand diplomatische Worte für die Situation, dass iranische Fans sein Team gleichzeitig unterstützen werden, wie auch gegen die Führung des Landes protestieren wollen. «Wir sind hier, um Fussball zu spielen und das iranische Volk zu vertreten, seien es die Iraner im Iran selbst oder die Diaspora. Das Motto der FIFA lautet, dass Fussball nichts mit Politik zu tun hat. Wir respektieren jeden einzelnen Iraner.»
Wobei der iranische Verband zuletzt selber eine politische Botschaft teilte. Bei der Ankunft in Mexiko trugen die Spieler einen Pin am Sakko mit dem Hashtag #168. Das ist die Opferzahl eines US-Angriffs auf eine Schule im Iran.
Sportliche Fragen mussten der Trainer und seine Spieler vor dem WM-Auftakt kaum beantworten. Dabei steht viel auf dem Spiel. In der Gruppe mit Belgien, Ägypten und Neuseeland ist Rang 2 ein realistisches Ziel.
Sollten auch die USA in ihrer Gruppe den zweiten Platz belegen, kommt es in der ersten K.o.-Runde … zum Duell des Irans mit dem Kriegsgegner. Es wäre eine Begegnung, die wohl beinahe die Aufmerksamkeit des WM-Finals erhalten würde.
