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Iran vs. USA an der WM 1998: Urs Meier sorgt für legendäres Foto

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Dieses Bild ging um die Welt: Die Teams der USA und des Iran vor dem Anpfiff des WM-Spiels 1998. Als Zweiter von links stehend der Schweizer Schiedsrichter Urs Meier, den die FIFA eigentlich nicht auf dem Gruppenfoto wollte.Bild: IMAGO/APL
Interview

Iraner und Amerikaner Arm in Arm: Wie Schiri-Legende Urs Meier dieses Kunststück gelang

1998 treffen in der WM-Gruppenphase der Iran und die USA aufeinander. «Ein magischer Moment», erinnert sich der Schweizer Unparteiische Urs Meier. Heute herrscht Krieg zwischen den Ländern, doch an der WM 2026 kündigt sich das nächste Duell auf dem Fussballplatz an.
04.03.2026, 21:0304.03.2026, 21:03
sebastian wendel / ch media

Die USA führt Krieg gegen den Iran. Und dann ist da der Blick auf den Spielplan der in 100 Tagen beginnenden Fussball-Weltmeisterschaft. Der besagt: Schliessen sowohl die USA (Gruppe D) als auch der Iran (Gruppe G) die Vorrunde auf Rang 2 ab, kommt es am 3. Juli in Dallas zum direkten Aufeinandertreffen im Sechzehntelfinal. Aus sportlicher Sicht durchaus realistisch, gemessen an den jüngsten Ereignissen aber ist es ein surreales Szenario, dass sich in drei Monaten die zwei spinnefeinden Kriegsparteien in einem WM-Spiel duellieren könnten.

Falls doch, wäre es das vierte Länderspiel zwischen der USA und dem Iran. Das erste war ein Gruppenspiel an der WM 1998 in Frankreich. Es gilt bis heute als brisanteste und politischste WM-Partie aller Zeiten. Weil es das erste Duell jener zwei Nationen auf dem Fussballplatz war, die 1980 ihre diplomatischen Beziehungen eingestellt haben. Schiedsrichter war der Schweizer Urs Meier – im Interview mit CH Media erinnert sich der heute 67-Jährige an den «speziellsten Tag meiner Karriere».

Welche Erinnerungen haben Sie an den 21. Juni 1998 in Lyon?
Urs Meier: Als erstes kommt mir ZDF-Kommentator Béla Rethy in den Sinn. Er hat mich als «doppelt neutral» und darum ideal für dieses Spiel bezeichnet: Schiedsrichter und Schweizer. Als bei der Auslosung die USA und der Iran in die gleiche Gruppe kamen, wünschte ich mir sofort, dieses Spiel zu leiten. Ich wusste, das wird keine normale Partie, da wird Geschichte geschrieben. Aber ich musste erst noch für die Weltmeisterschaft nominiert werden.

Was Sie dann auch wurden. Wie haben Sie sich auf das Spiel vorbereitet?
Wie auf jedes andere auch. Vor jeder Reise ins Ausland habe ich mich über Land und Leute informiert. Mit dem Wissen über die kulturellen Eigenheiten kann man ein Spiel mit dem nötigen Fingerspitzengefühl leiten. Ich erfuhr zum Beispiel, dass die Iraner kurz vor Anpfiff beten wollen und musste daher den Ablauf vor dem Einmarsch der Teams ins Stadion etwas anpassen.

01.03.2024, Freiburg, Germany, Europa-Park Stadion, SC Freiburg vs FC Bayern Muenchen - 1.Bundesliga, Urs Meier Schaut Foto H. Langer DFB/DFL REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUE ...
Heute ist der frühere Spitzenschiedsrichter Urs Meier TV-Experte.Bild: IMAGO/Langer

Wie gross war im Vorfeld die Nervosität?
Vor allem bei der FIFA und den französischen Behörden, die sich um die Sicherheit sorgten, herrschte grosse Aufregung. Unter uns Akteuren war alles ruhig. Jeweils am Abend vor WM-Spielen trafen sich kleine Delegationen der beiden Teams. Der ehemalige Schweizer Fussballer und Nationaltrainer René Hüssy war der FIFA-Delegierte für dieses Spiels – er hat am Tisch mit den Iranern und den Amerikanern eigentlich nur einen Satz gesagt, dafür immer wieder und mit seiner unverkennbaren Brummstimme: «Gentlemen, tomorrow it's only about football!»

Wie haben Sie vor der Partie geschlafen?
Gut. Ich wusste, ich darf die Unruhe nicht an mich heranlassen. Ich muss frei sein im Kopf. Das war nicht einfach, bei der Ankunft im Stadion war die Anspannung in jeder Ecke spürbar. Die löste sich vor dem Anpfiff, als die Spieler für das Gruppenbild posierten, das danach um die Welt ging. Den Vorschlag für das Foto habe ich an der erwähnten Sitzung am Vorabend gemacht.

Das war Ihre Idee?
Das Spiel fand am 21. Juni statt, den die FIFA zuvor zum «Tag des Fairplay» ausgerufen hat. Also habe ich mir gedacht: Zeigen wir der Welt doch, dass politische Differenzen kein Hindernis für Fairness auf dem Platz sind. Ich wollte aber nicht, dass die Teams schnell zusammenstehen, sondern immer ein Iraner neben einem Amerikaner. Die FIFA hat den Vorschlag angenommen, aber gesagt, meine Linienrichter und ich dürfen nicht auf das Bild.

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Iranische und US-Fans schütteln auf den Tribünen die Hände.Bild: imago/Belga

Warum sind Sie dann doch dabeigestanden?
Irgendwie habe ich das vor dem Spiel geregelt. Aber es gibt offizielle FIFA-Bilder, auf denen das Schiedsrichter-Trio wegretuschiert ist. Kein Witz! Mir ist das egal, denn auf den Bildern in den Zeitungen waren wir alle drauf. Die Reaktionen aus der ganzen Welt waren gigantisch, dieser Moment hatte riesigen Symbolcharakter. Übrigens...

Ja?
Als die zwei Länder an der WM 2022 erneut in die gleiche Gruppe gelost wurden, habe ich FIFA-Präsident Gianni Infantino geschrieben, er solle doch wieder ein solches Gruppenfoto arrangieren. Er hat leider nicht darauf reagiert – eine verpasste Chance.

A police dog checks the Iranian bench searching for explosives, Sunday, June 21, 1998, before the USA v Iran, Group F, World Cup match at Gerland Stadium. Other teams in Group F are Germany and Yugosl ...
Angst vor versteckten Bomben: Sogar die iranischen und amerikanischen Spielerbänke wurden von Polizeihunden abgeschnüffelt.Bild: AP

Wie gingen die iranischen und amerikanischen Spieler während der Partie miteinander um?
Eine Stunde vor Anpfiff schaute ich in den beiden Kabinen vorbei und spürte sofort: Das kommt gut heute! Die Iraner haben beim Handshake jedem Amerikaner eine weisse Nelke als Zeichen des Friedens und der Freundschaft überreicht. Die Stimmung im Stadion war magisch. An der Seitenlinie standen doppelt so viele Fotografen wie sonst an einem WM-Spiel. Die Spieler, die Trainer, die Zuschauer – alle haben gespürt, dass hier gerade Geschichte geschrieben wird. Auf dem Platz war es dann hart, aber herzlich.

Also einfach für den Schiedsrichter?
Von wegen! Ich musste von Anpfiff bis Schlusspfiff hochkonzentriert bleiben. Schauen Sie: Es gibt im Fussball 17 Grundregeln, in diesem Spiel war Nummer 18 gefragt: der gesunde Menschenverstand.

Referee Urs Meier of Switzerland shows the yellow card to US David Regis (6) as Iran's Hamid Estili looks on during , Sunday, June 21, 1998, Iran vs USA Group F World Cup match at Gerland Stadium ...
Viele gelbe Karten musste Urs Meier nicht zeigen.Bild: AP

Sie haben nur drei Mal Gelb gezeigt – mit Absicht?
Nein, mehr war nicht nötig. Jedes Fussballspiel ist wie ein Gemälde: Auf dem einen hats viele gelbe und auch rote Flecken, auf einem anderen weder noch. Dieses Spiel hat keine rote Farbe gebraucht, alles hat gepasst. Auch für mich persönlich: Ich habe nämlich ein klares Penaltyfoul der Amerikaner übersehen. Zum Glück hat der Iran trotzdem 2:1 gewonnen. Stellen Sie sich die Reaktionen vor, wenn nicht...

Wo ordnen Sie das Spiel in ihren insgesamt 883 Schiedsrichter-Einsätzen ein?
Emotional gesehen an erster Stelle. 21 Jahre zuvor habe ich mir nach meinem ersten Schiri-Kurs gesagt: 1998, mit 39, pfeife ich an der WM. Dass der Traum dann mit diesem geschichtsträchtigen Spiel in Erfüllung ging, hat einfach alles getoppt. (aargauerzeitung.ch)

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