Ich wollte es nicht, muss aber sagen: Panini-Bildli sind (wieder) das Allerbeste
Die Liebe war eigentlich erloschen. Nur ein kleines Flämmchen wehrte sich noch gegen das Unvermeidliche. Längst strahlte es nicht mehr in kräftigem Gelb und Orange. Bläulich versuchte es, sich unter akutem Sauerstoffmangel von Endrunde zu Endrunde zu retten.
Seit der WM 1986 sammle ich Panini-Bilder. Ich füllte seither jedes EM- und WM-Heft. Selbst im Erwachsenenalter hielt ich an der Tradition fest. Klar, die Euphorie wurde immer kleiner.
Die Irrungen und Wirrungen im Profifussball, die gestiegene Anzahl Bilder, die erhöhten Kosten und das Wissen, wie unnötig das alles eigentlich ist, sorgten für nachlassendes Sammelfieber. Bei den letzten Endrunden war es nur noch ein Durchhalten, damit die Serie nicht endete. Die Topps-Bilder der EM sammelte ich nicht. Da wurde keine Nostalgie mitverkauft.
Auch vor der WM 2026 fragte ich mich: Braucht es das wirklich noch? Fast 1000 Bilder für nichts ausser schräge Blicke meiner Frau, dass ich die noch sammle?
Ich heckte einen Plan aus. Vielleicht helfen mir meine drei Jungs. Den Ältesten interessiert Fussball nicht, der Mittlere ist in der Unterstufe, der Kleinste im Kindergarten – sie sind beide Fussballfans. Ziemlich emotionslos wie immer in den letzten Jahren besorge ich mir zum Verkaufsstart eine 100er-Schachtel der Bilder. Ich nehme 20 Päckchen und lege sie zusammen mit dem Heft bei uns in der Wohnung so hin, dass die Jungs darüber stolpern müssen.
Ich sage nichts und warte, was passiert.
Bleibt ihr Interesse weg, werde ich die Bilder halt selbst noch ein letztes Mal auspacken und fein säuberlich einkleben. Die fehlenden Bilder im Büro tauschen oder irgendwo im Internet anonym bestellen. Es wäre ein für mich passabler Abschluss. Denn spätestens nach der WM 2030, wenn Panini aussteigt, würde ich eh aufhören. Packt es meine Jungs aber, lasse ich sie machen.
Es dauert nicht lange, da entdecken die Jungs das Heft. Ich erkläre, dass man die Bilder auspacken und dann ins Heft kleben könne. Sie stürmen freudig ins Zimmer und legen los. Ich höre all die «Wow, lueg mal ä Goldigs!», «Ich han än Schwiizer!», «Was isch dänn das füres Land?», «Lueg wie dä da luschtig usgseht!». Es versetzt mich augenblicklich 40 Jahre in die Vergangenheit. Nach wenigen Minuten kommen sie zu mir gestürmt und fragen, ob ich noch mehr Päckchen habe. Es sei so aufregend.
Ich erkläre, dass sie erst die Bilder einkleben sollen. Natürlich nicht ohne genau zu zeigen, wie das fachmännisch geht: Nummer doppelt kontrollieren, die Bilder nicht irgendwie reinknallen, sondern schön in den Ecken beginnen, ja keine Falte machen und schon gar nicht so einkleben, dass zwei Bilder sich überlappen.
Sie nicken eifrig. Auch der 5-Jährige. Ich weiss, das kommt nicht gut. Aber ich lasse sie machen.
Bald ist das halbe Album gefüllt. Die Begeisterung kennt keine Grenzen. Selbst mein Ältester wird kurzzeitig vom Fussballfieber erfasst. Das Einzige, was er normalerweise in Zusammenhang mit Fussball macht, ist, mich mit der Frage zu nerven, wer gewinnen soll, wenn Bayern München gegen den FC Zürich spielt. Er weiss, dass ich beiden nicht mal ein Tor gönne, geschweige denn einen Sieg. Dieses Mal jubelt er: «Vo dänä, wo du am meischte Fan bisch, händmer vill: Düütschland.» Auch das ist ironisch gemeint.
Fast das Herz bricht es mir, als ich das halbvolle Heft zum ersten Mal begutachten darf. Sie warnen schon vorausschauend: «Die einte sind nöd so schön. Da hät dä Nachbärsbueb au ghulfe.» Ich glaube nicht, dass «dä Nachbärsbueb» die Hälfte der Bilder einklebte.
Denn so viele sind schräg im Heft. Manchmal nur ein bisschen, manchmal überlappend. Einige Bilder haben Falten, drei wurden nebeneinander doppelt eingeklebt – im Fall der Tunesier beide schräg, beide mit Falten.
Und die Krönung: Sie verwechselten Senegal und Ghana. Schmerzt mich als Afrika-Fan natürlich besonders. Es fühlt sich an, wie wenn du in der 80. Minute 0:3 hinten liegst. Aber ja: ausreissen und neu einkleben. Es gibt immer einen Weg. Das Paniniheft wird zur Lebensschule.
Wer braucht schon ein schönes Heft? Dass Ghana dasjenige mit dem schwarzen Stern ist, werden die Jungs kaum mehr vergessen.
Das ist sowieso ein grosser Spass. Die Fahnen, Abkürzungen und Länder zu lernen. Und dass es Nationen wie Curaçao, Kap Verde oder Jordanien gibt, lernte ich sicher noch nicht mit sieben Jahren. Das Lesen wird ebenfalls etwas gefördert, und dass es Kanadier heisst und nicht Kanadaer. Deutscher und nicht Deutschländer und Senegalese, nicht Senegaler. Ich glaube, sie lernen hier auch fürs Leben.
Das Beste aber: Diese Freude, welche das Sammelfieber auslösen kann, ich hatte sie fast vergessen. Jetzt sehe ich mich zurückversetzt ins Jahr 1986, als ich das erste Mal Panini-Bilder sammelte. Wie wir damals, blättern sie das Album 100-mal durch und müssen auf jeder Seite sagen, welcher Spieler man sein will und welcher überhaupt nicht.
Täglich mehrmals ordnen wir die doppelten Mannschaftsbilder wahlweise nach Stärken oder Sympathie und freuen uns, wenn jemand Österreich wieder ans Ende setzt.
Die Jungs blättern im Album und lachen über Nazon («dä hät Schuum ide Haar»), ...
... finden Thomas gut («dä hät ebe so än Schnauz»), ...
... sagen bei Nico Williams «Lug, dä gseht so schlimm us» und bezeichnen Yamals Haare als «Spaghetti».
Saudi-Arabien habe schöne Trikots, und was mich besonders freut: Bei Ghana weiss der Mittlere, dass da mal Abedi Pelé spielte (von dem er ein Shirt hat) und er findet seine beiden Söhne im Heft.
Paraguay sei das Popcorn-Team, weil die Spieler Shirts wie Popcorn-Packungen tragen:
Und beim paraguayischen Goalie sagt der Kleinste zu mir: «Du bisch dä, will dä glotzt so wie du, wänn du öpis Ernschts wotsch sägä.» Solche Dinge hätte ich ohne Panini nie erfahren.
Und dann soll natürlich getauscht werden. Dafür schreiben wir eine Liste mit den fehlenden Nummern. Jahrelang hatte ich die online eingegeben und verschickt. Es war so steril, so ohne Liebe. Jetzt wird alles wieder handschriftlich aufgeführt und abgestrichen. Es sind allerdings so viele Teams, dass ich ab Frankreich bis Österreich kurz helfen muss, weil beim Junior die Hand vom Aufschreiben schmerzt.
Die Beige der doppelten Bilder stapelt sich. Ich versuche da immer wieder Ordnung reinzubringen. Aber das ist schwierig. Denn zum Tauschen in der Schule können die Jungs nicht alle mitnehmen.
Mein Mittlerer sagt: «Wenn die Lehrerin die Beige sieht, nimmt sie mir diese weg bis nach der Schule.» Ich weiss nicht, ob das stimmt. Aber er besteht darauf, dass er nur so viele Bilder mitnehmen kann, wie in seinem Hosensack unauffällig Platz haben. Und er nimmt meist die goldenen Bilder mit, Stars wie Yamal, Haaland oder Ronaldo und Messi und Teams, von denen er weiss, die sind beliebt. So könne er besser tauschen.
Was die Panini-Bilder auch können: Sie sorgen für Ruhe. Bei drei Jungs in ähnlichem Alter eine Rarität. Selten sind sie so konzentriert und harmonisch bei der Sache wie dann, wenn sie neue Päckchen aufreissen, sortieren und die Bilder einkleben können. Leider füllt sich das Heft und ich wünschte mir manchmal, dass Infantino die WM auf noch mehr Teams ausgeweitet hätte. Dann gäbe es noch mehr dieser Momente der Ruhe.
Ich freue mich schon, wenn wir während der WM die Resultate ins Heft schreiben können. Mein Panini-Feuer ist definitiv wieder da. Es zündelt wieder wild und feuerrot. Hoffentlich braucht es für das nächste Heft noch mehr Bilder. Und Topps-Bilder sind ja vielleicht auch gar nicht so schlecht.
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