Der Schweizer Verband und Marc Lüthi machen sich mit ihrer Feigheit lächerlich
Gut Ding will Weile haben? Nicht bei Swiss Ice Hockey. Fast eine Woche, nachdem der Internationale Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne entschieden hat, dass die von der IIHF vorgelegten Argumente für einen weiterlaufenden Ausschluss der russischen Nationalteams nicht reichen, hat sich auch Verbandspräsident Marc Lüthi noch zum Thema geäussert.
Und wer nun vom langjährigen SCB-Funktionär ein flammendes Plädoyer gegen den Entscheid oder über einen möglichen Boykott Russlands erwartet hatte, wurde enttäuscht. Lüthis Stellungnahme hat nicht mal die Bezeichnung «heisse Luft» verdient, sie ist allerhöchstens lauwarm. Der Präsident bediente sich des gutschweizerischen Klischees der Neutralität und schob den Ball dem internationalen Verband (IIHF) zu.
Sobald Klarheit über das weitere Vorgehen der IIHF besteht, werden wir die Situation in der Schweiz sorgfältig analysieren und uns mit den zuständigen politischen Stellen sowie weiteren relevanten Akteuren austauschen. Einen Entscheid von solcher Tragweite wird die Swiss Ice Hockey Federation nicht im Alleingang treffen. Zum jetzigen Zeitpunkt vorzupreschen, wäre der falsche Weg. Entscheidend ist, dass wir die verschiedenen Perspektiven berücksichtigen und die Situation nüchtern, sachlich und ohne vorschnelle oder emotionale Schlussfolgerungen beurteilen.»
Das ist nicht nur feige, der Schweizer Verband macht sich so auch zur Zielscheibe für jede Menge Spott. Lüthi argumentiert, dass es um Sport gehe und nicht um Politik. Das ist schon einmal fundamental falsch, wenn es um Nationalteams geht, die nun mal Länder und im weiteren Sinn auch deren politische Interessen repräsentieren.
Wer glaubt, dass sich Sport und Politik trennen lassen, lebt in einer Traumwelt. Sport war schon immer politisch und wird es auch bleiben – da gibt es in der Geschichte genügend Beispiele, seien es die Fäuste von Tommie Smith und John Carlos bei der Siegerehrung der Olympischen Spiele 1968, der US-Boykott der Spiele 1980 in Moskau oder der Kniefall von NFL-Star Colin Kaepernick 2016.
Lüthi argumentiert zudem, man müsse zuerst klären, «ob weiterhin Gründe für einen Ausschluss [Russlands] bestehen». Selbst wenn man die brutale Realität des Krieges und die Tatsache, dass Russland am Montag bei einem Luftangriff humanitäre Hilfe bei einer Schule in Saporischschja 24 Menschen getötet hat, ignoriert, so gab es in den letzten Tagen viele Argumente, die einen weiteren Ausschluss der Sbornaja rechtfertigen. Und diese Argumente kamen allesamt von Verbänden und Organisationen mit mehr Rückgrat als ihr Schweizer Pendant.
Die Eishockeyverbände von Schweden, Finnland, Tschechien, Dänemark, Norwegen, Lettland und Österreich kündigten an, bei allfälligen Spielen gegen Russland nicht anzutreten. Der kanadische Premierminister Mark Carney erklärte, dass russische Athleten, die ihr Land vertreten, in Kanada nicht willkommen seien.
Diverse Sponsoren, darunter WM-Hauptsponsor Skoda, drohten im Falle einer russischen Rückkehr mit dem Rückzug. Nur schon, dass die Eishockey-Welt nicht derart im Chaos versinkt, wäre ein gutes – und ein sportliches, nicht politisches – Argument, um die Russland-Verbannung zu verlängern.
Doch Marc Lüthi sagt: «Jetzt vorzupreschen wäre der falsche Weg.» Selbst wenn die Schweiz sich dafür entschieden hätte, bei Spielen gegen Russland ebenfalls nicht anzutreten, wäre das kein Vorpreschen gewesen. Swiss Ice Hockey hätte als eine der letzten der grossen Hockey-Nationen noch Farbe bekannt und wäre nur einem Trend gefolgt, den andere, mutigere Verbände vorgegeben haben.
Bekanntermassen kam es anders. Verbandspräsident Lüthi brach seine selbst auferlegte Frist von den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit, in denen er sich nicht öffentlich äussern wollte. Und das bloss, um einige leere Phrasen loszuwerden.
