Afrika gegen die FIFA – als das letzte Mal ein Kontinent eine WM boykottierte
Der europäische Fussballverband UEFA hatte einen flächendeckenden Boykott gegen sämtliche FIFA-Wettbewerbe wie Weltmeisterschaften oder andere Spiele unter der Ägide des Fussball-Weltverbands beschlossen. Dies passierte als Reaktion auf die Pläne der FIFA, Teile der kommerziellen Rechte an Fussball-Weltmeisterschaften sowie der Klub-Weltmeisterschaften sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen an private Investoren – wohl mit Involvierung der Trump-Familie – verkaufen zu wollen.
Mittlerweile hat FIFA-Präsident Gianni Infantino kalte Füsse gekriegt und nach der weltweiten Kritik das Investoren-Projekt wieder zurückgefahren. Denn auch ihm dürfte bewusst gewesen sein, dass der Blick in die Vergangenheit zeigt: Ein WM-Boykott eines ganzen Landes kann einiges auslösen.
Wir schrieben das Jahr 1966. Die Fussball-WM findet in England statt. Damals nehmen 16 Teams an der WM teil. Die FIFA unter dem englischen Präsidenten Stanley Rous plant mit zehn Startplätzen für Europa, vier für Südamerika und einem für Nord- und Mittelamerika. Afrika, Asien und Ozeanien kämpfen dann um den letzten Startplatz.
Daran stört sich insbesondere Ghana. 1957 erreichte die damalige Kolonie als erste in Subsahara-Afrika die Unabhängigkeit von Grossbritannien. In der Folge investiert die Regierung in die Nationalmannschaft und hatte Erfolg – 1963 und 1965 gewann Ghana den Afrika-Cup. Mit dem Selbstvertrauen dieser Erfolge hagelt es Kritik für die FIFA. «Afro-asiatische Länder, die sich durch mühsame und kostspielige Qualifikationsrunden kämpfen müssen, um letztlich mit nur einem Endrundenteilnehmer vertreten zu sein: Das ist so erbärmlich wie bedenklich», sagt der ghanaische Sportfunktionär Ohene Djan, der damals Mitglied im Exekutivkomitee der FIFA war.
Gemeinsam mit Äthiopien fordert die ghanaische Regierung einen fixen Startplatz für eine afrikanische Mannschaft. Die FIFA lehnt ab. Also spannen die 15 afrikanischen Teams (Ägypten, Algerien, Äthiopien, Gabun, Ghana, Guinea, Kamerun, Liberia, Libyen, Mali, Marokko, Nigeria, Senegal, Sudan und Tunesien), die sich für die WM-Qualifikation angemeldet haben, zusammen und beschliessen einen Boykott der WM.
So findet das Turnier in England ohne afrikanische Beteiligung statt – zumindest fast. Portugals Superstar Eusebio – er wächst in «Portugiesisch-Ostafrika» auf, dem heutigen Mosambik – lässt sich auch von der häufig rassistisch geprägten Berichterstattung in England nicht aus der Ruhe bringen und wird Torschützenkönig. Der Titel geht zum ersten und bislang einzigen Mal an England dank des legendären Wembley-Tores von Geoff Hurst im Final gegen Deutschland.
Der Protest der Afrikaner ist am Ende auch ein Erfolg. Vier Jahre später bei der nächsten WM in Mexiko profitiert Marokko als erstes afrikanisches Team von einem fixen Startplatz. Und die Fussball-Revolution in der Wiege der Menschheit hat noch weitere Auswirkungen. 1974 wird der Brasilianer Joao Havelange als erster Nichteuropäer FIFA-Präsident. Die nötigen Stimmen holt er vorwiegend aus Afrika und Asien. Den jeweiligen Mitgliederverbänden verspricht er eine demokratischere FIFA sowie Turniere, Seminare und den Bau von Fussballplätzen auch ausserhalb Europas und Südamerikas.
Havelange ist 24 Jahre oberster Fussballfunktionär der Welt. Unter ihm entwickelt sich die FIFA zu den gewaltigen Ausmassen, die sie heute noch innehat. 1998 wird er dann von Sepp Blatter abgelöst – der Schweizer stellt sicher, dass mit der WM 2010 in Südafrika der grösste Sportevent der Welt 44 Jahre nach dem CAF-Boykott erstmals in Afrika ausgetragen wird.
