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Der Leoprint ist zurück und damit jede Menge Missverständnisse

Ein Model trägt Leo-Print. Aber was ist das für ein Auto?
Ein Model trägt Leo-Print. Aber was ist das für ein Auto?Bild: Shutterstock
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So heiss finden wir Männer den Leo-Print wirklich

Der Leoprint ist wieder in – und damit auch die Frage, wie sehr uns Männern das Muster den Kopf verdreht. Es ist Zeit, die Frage ein für alle Mal zu klären.
06.05.2026, 18:1006.05.2026, 18:10

Vieles spricht ja nicht dafür, dass ich mich zu Damenmodetrends äussere. Ich bin ein alter Mann. Ich besitze zwei Paar Jeans und trage stets das T-Shirt, das im Kasten gerade zuvorderst liegt. Mein stärkstes Fashionstatement besteht darin, beim Betreten des Supermarkts den Velohelm abzunehmen.

Gleichzeitig arbeite ich aber im Ressort «Debatte». Ich muss von Berufs wegen eine Meinung vorgaukeln. Sonst gibt's im Jahresgespräch ein C. Der Getränkemann im Supermarkt, der selbst bloss Hahnenwasser trinkt, kann sich ja auch nicht weigern, das Nocco-Gestell aufzufüllen. Auch wenn er es wirklich nicht versteht.

Meine Chefin Seline hatte auch eine Nocco-Phase. Die ist gottlob vorbei. Nun ist sie besessen vom Leo-Print. Irgendwer hat ihr eingetrichtert, dass «alle Männer darauf stehen»: «Toggi, du musst einen Text zum Leo-Print schreiben», whatsappte sie mir in den Ferien. «Es wäre hilarious».

Na dann.

Es ist ja nicht so, dass ich mich ungern zu Stil- und Modethemen äussere. Höhöhö.

Übrigens: Entschuldigung für den Titel und dass ich hier das Wort für alle Männer ergreife. Selbstverständlich vertrete ich nicht die Meinung aller Männer. Sondern nur die derer, die wissen, dass ein Nylon-Anzug in Zartrosa nicht automatisch mehr Klasse versprüht, wenn man dazu barfuss in weisse Mokassins steigt. Ich vertrete also maximal eine Minderheit.

Es ist übrigens wichtig, dass man Mokassins auch so ausspricht, wie man es schreibt. Nicht irgendwie Moggassä. Wer Moggassä sagt, läuft Gefahr, von der Bachelor-Polizei aufgegriffen und nach Thailand ins Rosenparadies verschleppt zu werden. Aber wenn man Moggassä sagt, verdient man es auch nicht besser.

Seit Paul Watzlawick wissen wir: Man kann nicht nicht kommunizieren. Und Kleider eignen sich ganz besonders gut, um nicht nicht zu kommunizieren. Ein schwarzer Kapuzenpulli am Montagmorgen sagt mir freundlich: «Behalte deine dumme Wochenend-Story für dich und lass mich in Ruhe.» Eine weisse Hose hingegen transportiert ebenso freundlich die Botschaft: «Wenn man dabei dreckig werden könnte, soll's ein anderer erledigen.» Kein Wunder erfuhr die weisse Hose ausgerechnet mit der *hüstel* Generation Z *hüstel* ein Revival.

Und der Leo-Print? Was sagt der? Er sagt: «Roarr, ich bin ein starkes, gefährliches, wildes Tier, manchmal auch ein bisschen verschmust – aber dafür musst du mich vorher schon zähmen.» Wer einen Leo-Print trägt, cosplayt quasi ein Raubtier.

Es ist eine Botschaft mitten ins Sehnsuchtszentrum vieler Männer. Viele von uns wären wahnsinnig gerne der starke Dompteur, dem es gelingt, das wilde Raubtier zu zähmen. Vielleicht sogar mit Peitsche in der Hand. Du glaubst mir nicht? Dann lies mal alte Motorradtests: «Obwohl sie bockt, gelingt es mir, sie in die Kurve zu zwingen», «Nach diesem wilden Ritt wird sie erst richtig heiss», «Von vorn wirkt sie bieder, aber von hinten zeigt sie, was sie hat». So klang das damals.

Der Schreibstil hat sich geändert, die Sehnsucht ist geblieben. Selines Annahme, dass viele Männer Animal-Print «hawt» finden, ist deshalb nicht ganz unberechtigt. Doch die Sache hat verschiedene Haken. Einer davon fusst im weit verbreiteten Irrtum, dass Kleider Leute machen.

Wenn's bloss so einfach wäre! Kleider machen nur Leute, wenn diese der Garderobe auch gerecht werden.

Einfaches Beispiel: Als Mann kannst du kein T-Shirt der Marke Boxeur des Rues tragen und dann an der Chilbi einfach am Boxautomaten vorbeigehen. Nein, da muss Münz rein und mindestens 900 Punkte auf die Anzeige. Wenn du das nicht hinkriegst, musst du dich zu Hause präventiv bandagieren und sagen, du seist verletzt. Blessé des Rues. All die Fussballtalente, denen es «wirklich haarscharf» nicht zum Profi reichte, machen es ja auch so. Auf jeden Fall aber darfst du nicht durchblicken lassen, dass du nur so tust, als wärst du ein gefährlicher Boxer.

Anderes Beispiel: Wenn deinen Hals ein Künstler-Tüchli ziert, dann musst du im Minimum «More than words» von Extreme auf der Klampfe begleiten können. Hast du das nicht drauf, kann dich nur noch ein beglaubigter WhatsApp-Dialog mit Stephan Eicher retten. Der zählt auch. Sonst aber bist du ein laufender Etikettenschwindel.

Auch dem Animal-Print muss Frau gerecht werden. Mit einer aufrechten Körperhaltung, einem stolzen Gang und einer selbstbewussten Ausstrahlung. Stehst du als Trägerin hingegen so verkrümmt da wie ein abgefackeltes Zündholz, springt der Funke nicht über. Sämtliche Hotness verglüht.

Nehmen wir aber mal an, dass es zwischen dir und dem Animal-Print keine Aussageschere gibt und deine Erscheinung der Tiercamouflage tatsächlich gerecht wird. Leider habe ich auch in dem Fall schlechte Nachrichten: Auch so gibt es einen Botschaftenkonflikt. Sogar einen unausweichlichen.

Zwar war der Animal-Print nie ganz weg – aber er trendet gerade wieder. Ich mutmasse mal: auch wegen des ganzen KI-Theaters. Die Sehnsucht nach einer Gegenreaktion zur Computerintelligenz ist in der Gesellschaft förmlich spürbar. Und wenig steht ihr so diametral entgegen wie die animalische Natur eines wilden Raubtiers.

Anyway.

Was ich sagen will: Der Leo- und andere Animal-Prints sind gerade im Trend. Und Trend tragen sagt immer: Ich orientiere mich an den Leitlinien der Masse. Oder noch etwas schärfer formuliert: Ich bin auf den Schutz der Herde angewiesen … Trend tragen bedeutet Unsicherheit signalisieren. Und das ist genau das Gegenteil der eigentlichen Intention eines Animal-Prints.

Ja, was bist du jetzt? Ein wildes Raubtier oder ein Herdenschaf?

Du siehst den Konflikt.

Die eigentlich sexy Botschaft wird komplett verwässert. Das Ding ist tot. Verscharrt auf dem Trend-Opfer-Friedhof. Neben dem Nirvana-Shirt und weggelaserten Tattoos.

An der Stelle aber noch ein Wort zur Unsicherheit: nichts gegen Unsicherheit. Unsicherheit ist absolut okay. Wir sind alle unsicher – ich auch. Aber mit der Unsicherheit verhält es sich wie mit der Unwissenheit. Erkennt und akzeptiert man sie, hat man sie schon fast besiegt – und das eigene Ego gleich mit dazu.

Und wenn du jetzt Angst hast, dass du deinen Kleidern nicht gerecht wirst: Auch das ist nicht schlimm. Das passiert vielen Menschen – auch stinkreichen und solchen mit einer Heerschar von Beratern. Bestes Beispiel sind die Eheleute Bezos – oder Mark Zuckerberg.

Der Meta-Chef ist ein besonders plakatives Beispiel. Jahrelang trug er nur graue T-Shirts. Diesen wurde er gerecht – und sie ihm. Dann entschied er sich zu einem radikalen Stilwechsel und erschien plötzlich in MMA-Alpha-Chad-Outfits. Statt männlicher wirkte er verzweifelter. Was ein Befreiungsschlag hätte werden sollen, schickte sein Image endgültig auf die Bretter, weil der aalglatte Mark plötzlich der gesamten Welt offenbarte, wie sehnsüchtig er nach Anerkennung im Männerclub der kalifornischen Tech-Szene hechelt. Immerhin ein Ausdruck von Gefühl, lässt sich dem Desaster wenigstens noch etwas Positives abgewinnen.

Ich bin etwas abgeschweift.

Das einfache Resümee zum Animal-Print lautet: Die denkende Mannschaft findet Animal-Print halt einfach einen Animal-Print. Wenn du cool bist, kannst du ihn tragen. Sonst auch. Aber eine spezielle Wirkung hat er nicht. Die kannst nur du selbst haben.

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Ballermann6
06.05.2026 18:25registriert Dezember 2015
Liste der Dinge, an denen Leopardenmuster gut aussehen:

- Leoparden

Ende der Liste.
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FaktenImFondue
06.05.2026 18:15registriert Oktober 2025
Leo-Print finde ich bei 99% der Frauen eher abturnend.
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Toltec
06.05.2026 18:33registriert Dezember 2018
ich trag gerne Katzenprint - Muster meiner Katze - brandschwarz - jawoll
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