Was kurze Hosen im Büro über dich aussagen (und über ihre Gegner)
Zack, und es ist Sommer. Fast noch mehr als der drohende Super El Niño erhitzen nun die kurzen Hosen die Gemüter. Präziser: kurze Hosen bei Männern im Büro, kurz: Shorts.
Darf man sie im Büro tragen? Soll man? Oder sollte man lieber nicht, obwohl man dürfte?
Je kürzer die Hose, desto länger der Fragenkatalog. Dabei ist es eigentlich sehr einfach.
Ganz im Gegensatz zum weitverbreiteten Glauben ist das Theater um kurze Hosen keine Stildebatte. Die wurde längst und abschliessend geführt – und das Verdikt ist klar: Kurze Hosen haben nie Stil. Nicht bei dir, nicht bei mir. Die Ausnahme, welche die Regel bestätigt, lautet Pharrell Williams. Der 53-jährige Musiker hat in Stilfragen den God Mode gezündet und ist damit unantastbar. Er würde auch in einer Jacke aus Schlachthofabfällen eine gute Figur abgeben.
Wir anderen Männer sehen, wie Philipp Löpfe im letzten Sommer korrekt bemerkte, in kurzen Hosen aus wie Pfadibuben. Ist halt so. Es hilft auch nichts, wenn du dein Socken-Game gemaxxt hast. So nennt man heute besondere Treffsicherheit bei der geschmackvollen Auswahl der Strümpfe. Der Einsatz von Füsslingen ist ebenfalls maximal Makulatur. Wie wenn man seinen Wagen mit 50 in die Wand donnert, aussteigt und dann versucht, die Türe vorsichtig zu schliessen.
Sehr vielen Shorts-Trägern ist das aber bewusst. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Shorts-Träger priorisieren ihren eigenen Körperkomfort über ein makelloses Erscheinungsbild – und damit über den Eindruck, den sie visuell auf andere Leute machen.
Shorts sind eine textilgewordene Unabhängigkeitserklärung.
Shorts im Büro sagen «Ja» zur persönlichen Wohlfühlzone und «Nein» zu fremden Richtern. Mir doch egal, wie die meine Storchenbeine judgen, Hauptsache, es läuft kein Schweiss daran herunter. Weniger Stoff, mehr Freiheit. Büroshorts sind nicht bloss ein Zeichen gegen die Volksseuche Gefallsucht. Sie sind die Emanzipation davon.
Wie jede Form von Emanzipation braucht auch diese ein bisschen Eier. Shorts sind deshalb auch ein Manifest einer gesteigerten Robustheit – und einer eigenständigen Geisteshaltung.
Wenn ich eine Top-drei der Männer im Büro erstellen müsste, denen ich am meisten zutraue, dass sie anno 1934 in Berlin keine Nazis geworden wären, dann beinhaltet sie ausschliesslich Shorts-Träger.
Wenn ich eine Top-drei der eigenständigsten Denker unserer Redaktion erstellen müsste, dann beinhaltet sie ausschliesslich Shorts-Träger.
Aus Gründen kann ich hier natürlich keine Namen nennen – aber es gibt genügend andere gute Beispiele.
Wer ist der eigenständigste Denker in der Tech-Branche? Wer liess sich nie korrumpieren, schlug lukrative Jobs bei der Konkurrenz aus, um der eigenen Idee treu zu bleiben und die Seele nicht an den Teufel zu verkaufen?
Richtig: Linus Torvalds. Eine Google-Bilder-Suche des Linux-Erfinders zeigt ihn auf der ersten Seite einmal mit ausgestrecktem Mittelfinger und zweimal in Shorts. Die Bilder sind urheberrechtlich geschützt, also muss ich auf Imago ausweichen. Dort gibt es 22 Fotos des US-Finnen – darunter folgende Perle:
Und wer ist der unabhängigste Denker der Musikszene? Wer kann sowohl Hip-Hop als auch Metal – und alle anderen Genres dazwischen? Wer flösst totgeglaubten Bands neues Leben ein, lässt komplett neue Sounds kreieren?
Richtig! Rick Rubin. Auch ihn googeln wir. Zeigt er Beinkleid, ist es mindestens in der Hälfte der Fälle kurz. Erneut schlagen uns die Bildrechte ein Schnippchen – doch was spuckt uns Imago als Erstes aus? Voilà!
Erneut: Stil geht anders. Aber Stil bedeutet Regeln. Und es braucht Souveränität und Unabhängigkeit, um diese zu brechen.
An der Stelle noch eine Randbemerkung: Stil ist wie Coolness. Wer zu angestrengt daran arbeitet, dreht die erhoffte Wirkung ins Gegenteil. Es kann also nicht schaden, Stilfragen eher mit dem Handgelenk und Pi als mit dem Präzisionswerkzeug zu begegnen.
Selbstverständlich gefällt die Demonstration der eigenen Unabhängigkeit nicht allen. Man kann es in sämtlichen Geschichtsbüchern nachlesen, aber leider ist für gewisse Menschen die Freiheit anderer ein Affront. Dazu gehören Menschen, die vielleicht selbst gerne freier wären. Es sind Neider – aber harmlose Neider.
Perfider ist eine andere Gruppe. Sie ist beleidigt. Jemand wagt es, auf ihren Like zu pfeifen. Auf ihren majestätischen Narzissten-Like. Dabei weiss sie doch immer haargenau, was für alle gilt. Und jetzt kommt jemand, der das mit einer passiv-aggressiven Hose infrage stellt!
Des einen Unabhängigkeit, des anderen Machtlosigkeit.
Die eigene Machtlosigkeit in Form von kurzen Hosen unter die Nase gerieben zu erhalten, ertragen primär jene nicht, die gerne Macht über andere haben – oder sich gar darüber definieren. Es erstaunt deshalb wenig, dass die Kurzhosengegner fast ausschliesslich in den Chefetagen zu finden sind. Je höher die Position, desto dezidierter (und negativer) die Haltung gegenüber Shorts. Natürlich gilt das nicht für alle Chefs. Für Chefs, die Eigenständigkeit bei ihren Mitarbeitern schätzen, sind kurze Hosen selten ein Problem.
Die Shortsfrage wird deshalb von Chefs auch gerne dafür eingesetzt, die biegsamen von den charakterfesten Mitarbeitern zu trennen. Eine Taktik, wie sie auch Hermann Gessler anno 1470 in Schwyz und Uri anzuwenden versuchte – einfach mit Hut.
Das bringt uns zur letzten Frage: Wer hat als Symbol für die Schweizer Unabhängigkeit Weltruhm erreicht? Wer steht wie kein anderer dafür, dass man sich nicht von einem Stück Stoff kleinkriegen lassen sollte? Schon gar nicht, wenn die Idee von fremden Richtern stammt?
Richtig! Wilhelm Tell!
Und jetzt dürft ihr raten, wie lang des Tells Hose ist.
