Eine ketzerische Frage: Soll sich eine Schweizerin für Audrey Werro opfern?
Die jüngsten Leistungen machen Audrey Werro zur grössten Schweizer Goldhoffnung für die Leichtathletik-Europameisterschaften. Die 22-jährige Freiburgerin absolvierte im Juni in Stockholm und Paris die 800 m so schnell wie seit 40 Jahren keine Frau mehr. Ihr neuer Schweizer Rekord von 1:53,80 liegt nur 52 Hundertstelsekunden hinter dem Uralt-Weltrekord der Tschechoslowakin Jarmila Kratochvilova von 1983. Damals hatte das Doping in den Ostblock-Staaten Hochkonjunktur.
Mit Blick auf Werros Fabelzeiten lautet die Frage: Wer soll den Shooting-Star der Schweizer Leichtathletik am Freitag im EM-Final schlagen? Die Antwort ist nicht so eindeutig, wie man im ersten Augenblick meinen könnte. Denn im Feld der besten Europäerinnen laufen auch zwei hochdekorierte Stars der Szene mit, die beide in Paris Olympiagold gewannen und über eine beeindruckende Endschnelligkeit verfügen: Die Britin Keely Hodgkinson und die erst in diesem Frühjahr von den Hürden auf die 800 m gekommene Niederländerin Femke Bol.
Die Warnung vor voreiligen Golderwartungen bei Audrey Werro ergibt sich nicht nur aus der Reputation der Konkurrenz. Sie liegt vielmehr an zwei Feststellungen, welche die Schweizerin betreffen. Bei ihren Traumläufen in der Diamond League absolvierte Werro die erste Runde im Windschatten einer perfekt anlaufenden Tempomacherin und kaufte danach mit ihrem umwerfenden Stehvermögen Hodgkinson und Bol den Schneid ab. An der EM gibt es keine «Hasen» und die zwei Rivalinnen werden aufgrund ihrer jüngsten Erfahrungen kaum Tempo für Werro machen wollen.
Audrey Werro kennt nur eine Erfolgstaktik
Die Freiburgerin hat ihre Siege mit der Taktik der Frontläuferin gewonnen. Noch hat Audrey Werro nicht bewiesen, dass sie auch in einem langsamen, taktischen Rennen alle schlagen kann. Deshalb sei ein ketzerischer Gedankengang erlaubt: Falls sich mit Valentina Rosamilia oder Veronica Vancardo eine zweite Athletin von Swiss Athletics für den Final über 800 m qualifiziert, müsste sich diese mit Blick auf eine beinahe sichere Schweizer Goldmedaille nicht als Tempomacherin für Werro opfern?
Im Radsport kennt man diese Helferrolle nicht nur bei den Profiteams. Auch an Weltmeisterschaften bestimmt der Nationaltrainer einen «Captain», für den die restlichen Fahrer ihre eigenen Ambitionen zurückstecken.
Christiane Berset Nuoffer trainiert Audrey Werro und ist neu auch Verbandstrainerin. Louis Heyer ist der Betreuer von Valentina Rosamilia und war bis vor zwei Jahren Schweizer Mittelstrecken-Nationalcoach. Die Antworten der Beiden gleichen sich aufs Haar: «Eine solche Überlegung hat keinen Hauch einer Berechtigung. Das entspricht einer völlig falschen Logik. Es ist EM – ein Karriere-Highlight – und unsere Athletinnen betreiben einen Einzelsport mit ganz individuellen Karrieren», sagt der Bieler Heyer. «Es gibt keinen Team-Schweiz-Gedanken.»
Auch Christiane Berset Nuoffer sagt, dass es in der Leichtathletik eine solche Denkweise nicht gibt. Für mich ist klar, dass jede Athletin ihre eigenen Karten ausspielen will.» Für die Freiburgerin ist diese Einstellung sogar Teil der Erfolgsgeschichte mit aktuell drei starken Athletinnen im EM-Aufgebot. «Früher gab es nur einzelne Ausnahmetalente. Dass sich dies geändert hat, liegt auch daran, dass diese jungen Frauen versuchen, ihre Grenzen zu verschieben und persönlich sehr viel dafür investieren.»
Es gewinnt, wer nach 600 Meter am wenigsten kaputt ist
Und doch gibt es in der Geschichte der Leichtathletik vereinzelte Beispiele einer Teamtaktik bei Grossanlässen. Der Marokkaner Yousef Baba fungierte an den Olympischen Spielen 2000 in Sydney über 1500 m als Hase für seinen Landsmann Hicham El Guerrouj, um mit einem Tempolauf die endschnelleren Konkurrenten weich zu kochen. Das Vorhaben gelang nur bedingt: El Guerrouj holte Silber.
Heyer sagt, dort herrsche diesbezüglich eine andere Kultur. «Und beim Velofahren spielt der Windschatten eine ungleich wichtigere Rolle.» Der erfolgreiche Trainer, der in Birmingham vier Athletinnen aus vier Nationen am Start hat, erinnert daran, dass der Begriff «Endschnelligkeit» über 800 m so eine Sache sei. «Die letzten 100 m sind zumeist die langsamsten. Es gewinnt jene Läuferin, die nach 600 m am wenigsten kaputt ist.»
Heyer sagt, Werros Taktik tauge durchaus auch für EM-Gold. «Sie kann das. Und es gibt für eine Frontläuferin auch Vorteile. Man geht den Positionskämpfen aus dem Weg. All die Läuferinnen hinter Audrey leiden bei einem Tempolauf mindestens ebenso.»
Wie beurteilen Audrey Werro und ihre Trainerin die beste Taktik für die EM? Die Athletin sagt, dass sie sich an der Spitze «am besten fühlt», gibt aber zu bedenken, dass sie wohl an der EM im Vorlauf, Halbfinal und Final nicht dreimal ganz alleine vorausrennen können. «Es gilt auch, die Kräfte einzuteilen und die Konkurrentinnen im Auge zu behalten.»
Christiane Berset Nuoffer möchte ihrem Schützling keine taktischen Fesseln anlegen, «denn Audrey bleibt eine Athletin, die es liebt, in den Rennen schnell zu laufen». Gleichzeitig spricht sie von einem Lernprozess in der Hallensaison. In den viel taktischeren Rennen auf der kürzeren und engeren Bahnrunde habe sie grosse taktische Fortschritte gemacht. «Es war für Audrey wichtig, neue taktische Erfahrungen zu sammeln, denn bei Nachwuchswettkämpfen lief sie tatsächlich zumeist ihren Gegnerinnen einfach davon.»
Wieso nicht auch gegen die Besten Europas? Schliesslich denkt selbst Audrey Werros Trainerin: «Das gehört auch ein wenig zur Mentalität einer Siegerin. Auf Abwarten zu laufen, entspricht nicht Audreys Charakter.»

