Die Entscheidungen fallen wohl erst kurz vor dem Start. Zum einen, ob die Triathleten am Dienstagmorgen um 8 Uhr aufgrund der kritischen Wasserqualität überhaupt in die Seine eintauchen können. Oder ob sie zu Duathleten degradiert werden.
Zum anderen, ob Titelverteidiger Kristian Blummenfelt tatsächlich mit dem neuen Wunderschuh seines Ausrüsters On auf die Laufstrecke geht. Der Cloudboom Strike LS wurde mit der revolutionären neuen LightSpray-Technologie produziert, kommt ohne Schnürsenkel aus und wiegt rekordtiefe 170 Gramm. «Der Schuh fühlt sich an wie eine zweite Haut», sagt On-Mitgründer und Ex-Profitriathlet Olivier Bernhard: «Ich bin überzeugt, dass er dank seiner ausgesprochenen Verbundenheit mit der Haut und der Sensorik des Obermaterials punkto Leistung und Ermüdung einen Vorteil bringt.»
Blummenfelt war einer von fünfzehn Athletinnen und Athleten, die in den vergangenen drei Jahren bei der Entwicklung des neuen Wunderschuhs Hand in Hand mit dem stetig wachsenden Innovationsteam von On mitgewirkt haben. Die kenianische Marathonläuferin Hellen Obiri gewann bei der Wettkampfpremiere des neuen Schuhs Ende April gleich den Boston-Marathon.
Weil On seine Schuhrevolution unbedingt zu den Olympischen Spielen lancieren wollte, war nicht nur die Entwicklungszeit einer derart neuen Technologie mit total vier Jahren unüblich ambitioniert. Nike blickte bei seiner 2016 vorgestellten neuen Laufschuhsohlenkonstruktion mit Carbonplatten auf eine doppelt so lange Entwicklungsphase zurück.
Und der Termin der Markteinführung des Cloudboom Strike LS lag nur drei Monate vor den Olympischen Spielen, beim Bahnmodell mit Spikes sogar erst einige wenige Wochen. Zeit für ausgiebige Testphasen blieb da nicht. Bei On rechnet man, dass von den 65 unter Vertrag stehenden Olympia-Athletinnen und -Athleten aus 25 Ländern 5 bis 10 das neue Produkt in Paris tatsächlich verwenden werden.
Darunter vielleicht auch Blummenfelt. Sollte er reüssieren, wäre es der erste Olympiasieg für die Schweizer Sportbekleidungsmarke. Bislang hat Nicola Spirig On 2016 mit ihrem zweiten Platz in Rio die einzige Olympiamedaille der noch jungen Firmengeschichte beschert.
Der Norweger Blummenfelt verblüffte jüngst mit seiner Aussage, dass er sich in Zukunft mit 90-prozentiger Sicherheit ganz auf den Radrennsport konzentrieren möchte: Bereits 2025 will er die Tour de France bestreiten und sie im Jahr 2028 gewinnen. Dannzumal wäre er 34 Jahre alt.
Zurück zu On. Olivier Bernhard tippt optimistisch darauf, dass das Unternehmen nach den Olympischen Spielen drei Olympiasieger und insgesamt fünf Medaillengewinner unter Vertrag haben wird. Neben Blummenfelt gehören auch Tennisspielerin Iga Swiatek, Marathonläuferin Hellen Obiri und Bahnläufer Dominik Lobalu zu den Aushängeschildern des Schuhherstellers und Ausrüsters der Schweizer Olympia-Delegation.
Bernhard betont, man stehe in der Entwicklung der LightSpray-Technologie erst am Anfang einer langen Reise. Entsprechend schwierig sei es, jetzt schon zu beurteilen, wohin der Weg konkret führt. «Was man sagen darf: die Prozess- und die Materialentwicklung sind revolutionär.»
Der Schuh besteht noch aus sieben verschiedenen Teilen, bei traditionellen Sportschuhen sind es 34 und mehr. Er wird dadurch auch 30 Gramm leichter. Und die Kohlenstoffemissionen des elastischen Obermaterials werden im Vergleich zu herkömmlichen Laufschuhen um 75 Prozent verbessert. Das Verfahren minimiert den Abfall und eliminiert den Bedarf an Klebestoffen.
Das Produkt kann theoretisch an einem Ort hergestellt werden. Zwar wird die Sohle nach wie vor in Vietnam fabriziert, aber mit der neuen Gerätschaft ist man punkto Produktionsstandard beim Obermaterial flexibel. Man wolle weiter auf den Grundsatz hinarbeiten, so nah wie möglich beim jeweiligen Absatzmarkt zu produzieren, sagt Bernhard.
Das Obermaterial besteht aus einer 1,5 km langen Faser, die im neuen Verfahren mittels Roboterarm und Sprüheinrichtung innerhalb von drei Minuten auf eine Schablone gesprayt und mit der Sohle verschweisst wird. Der ultraleichte Schuh soll 500 Kilometer halten, was nach wenig tönt, aber sich durchaus mit anderen Wettkampfschuhen im Marathonbereich vergleichen lässt. Der derzeit ausverkaufte Schuh wird ab Herbst/Winter 2024 zum Preis von 380 Franken wieder erhältlich sein. (aargauerzeitung.ch)