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Olympia 2024: Wie Simone Biles sich nach Albtraum in Tokio zurückkämpfte

July 28 2024: Simone Biles United States of America competes during the vault at Bercy Arena, Paris, France. /CSM. Paris France - ZUMAc04_ 20240728_zma_c04_170 Copyright: xUlrikxPedersenx
Zurück in überragender Verfassung: US-Turnerin Simone Biles.Bild: www.imago-images.de

Sie galt als Versagerin – nun will Simone Biles ihren Olympia-Albtraum vergessen machen

Die Olympischen Spiele 2021 liefen für die Überturnerin alles andere als erwartet. Nun erzählt die Doku «Simone Biles Rising» den Kampf der 27-Jährigen mit ihren Dämonen und ihren Weg zurück an die Spitze – und nach Paris, wo sie am heutigen Dienstag ihre erste Goldmedaille gewinnen kann.
30.07.2024, 08:5630.07.2024, 16:06
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Die Geschichte war eigentlich schon geschrieben: Simone Biles sollte der grosse Superstar der Olympischen Spiele in Tokio werden. Die Kunstturnerin sollte in jedem Wettkampf, in dem sie antrat, Gold holen. Auf Rekorde von der US-Amerikanerin wurde nicht gehofft, sie wurden erwartet. Doch es kam anders – selbst diese Überathletin musste merken: «Im Sport ist keine Geschichte im Vorhinein geschrieben.»

Für Biles wurden die Olympischen Spiele 2021 zum Albtraum. Gleich im ersten Wettkampf, dem Teammehrkampf, misslang ihr der Sprung. Statt der geplanten zweieinhalb Umdrehungen machte sie nur anderthalb. Sie und ihr Trainer merkten sofort, dass etwas nicht okay war. Danach zog sie sich aus dem Wettbewerb zurück. Ihre Teamkolleginnen holten für die USA noch Silber, doch für Biles war bereits klar, dass der geplante Siegeszug an Olympia zu Ende war, bevor er überhaupt angefangen hatte. Erst eine Woche später sollte sie dann noch Bronze auf dem Schwebebalken holen – die restlichen Wettkämpfe bestritt die damals 24-Jährige nicht.

Simone Biles, of the United States, reacts after performing on the uneven bars during the women's artistic gymnastic qualifications at the 2020 Summer Olympics, Sunday, July 25, 2021, in Tokyo. ( ...
Die Olympischen Spiele in Tokio wurden für Simone Biles zum Albtraum.Bild: keystone

Schon vor den Spielen im Sommer vor drei Jahren hatte Biles kein gutes Gefühl, wie sie in der kürzlich erschienenen Netflix-Doku «Simone Biles Rising» erzählt. War es der grosse Druck? War es die Tatsache, dass in Tokio weder Fans noch Angehörige dabei sein konnten? Ihre Mutter Nellie Biles konnte erstmals bei einem grossen Anlass nicht dabei sein. Nellie ist eigentlich Simone Biles’ Grossmutter, doch adoptierte sie gemeinsam mit Ehemann Ronald zwei der Töchter seiner suchtkranken Tochter. Eine davon war eben Simone, die nun ohne die Unterstützung ihrer Familie im weit entfernten Japan mit grossen Problemen kämpfte.

«Ich dachte nicht, dass ich nach Tokio nochmal Wettkämpfe bestreiten könnte.»
Simone Biles

Was auch immer die Ursache dafür, klar war: «Etwas war kaputt», wie ihr Trainer Laurent Landi sagt. «Sie konnte ihren Geist nicht mit ihrem Körper synchronisieren.» Oder wie Cécile Canqueteau-Landi, Landis Ehefrau und ebenfalls Trainerin der US-Athletin, erklärt: «Ihr Körper machte nicht das, was ihr Kopf wollte.» «Twisties» nennt man dieses Problem bei Turnerinnen, wenn sie in der Luft die Orientierung verlieren. Es ist etwas anderes als eine körperliche Verletzung, bei der man weiss, wo man dran ist. Weiss, wie man es behandeln kann und vor allem, wie lange das dauert. Denn die Ursache für Twisties liegt im mentalen Bereich.

Der Trailer zur Simone-Biles-Doku.Video: YouTube/Netflix

Und dies musste auch Biles akzeptieren. Erst einmal musste sie sich aber eine Menge Kritik anhören. Von TV-Moderatoren, Expertinnen und auch einfachen Leuten in den sozialen Medien. Die beste Turnerin der Geschichte galt plötzlich als Versagerin, als «Quitter» – also Person, die schnell aufgibt. «Ich dachte nicht, dass ich nach Tokio nochmal Wettkämpfe bestreiten könnte», gesteht Biles. Zu laut seien die Stimmen in ihrem Kopf gewesen.

Eines von 265 Opfern von Team-Arzt Nassar

Diese zum Schweigen zu bringen, benötigte viel Arbeit. Biles begann, einen Psychotherapeuten zu besuchen. Sie merkte, dass sie die Dinge nicht mehr in sich hineinfressen konnte. Zuvor hatte sie immer gedacht, dass sie diese dann nach ihrer Karriere regeln könne. Nun wurde ihr aber bewusst, dass diese mentalen Probleme auch die Folge von Missbrauch waren. Biles war eines von 265 Opfern des im Januar 2018 verurteilten Sexualstraftäters Larry Nassar, der als Arzt der US-Turnerinnen fungiert hatte.

«Ich dachte 500'000 Mal darüber nach, aufzuhören. Ohne meine Teamkolleginnen hätte ich es getan.»
Simone Biles

Die Therapie half ihr auch dabei, diese Erfahrungen zu verarbeiten. Ausserdem arbeitete sie Methoden aus, um besser mit Druck und Nervosität umzugehen. Trainer Laurent Landi glaubt, dass es im Training besser wurde, als Biles häufiger mit ihrem Psychotherapeuten sprach. Auch ihr Ehemann Jonathan Owens, den sie 2020 kennenlernte und im April 2023 heiratete, unterstützte sie stark. Owens ist American-Football-Profi und spielt seit sechs Jahren in der NFL, er kennt den Spitzensport also aus eigener Erfahrung.

Am meisten haben Biles gemäss eigener Aussage aber ihre Teamkolleginnen geholfen. Nach den Olympischen Spielen in Tokio tauchte sie nämlich nur unregelmässig im Trainingsgebäude der US-Turnerinnen auf. «Ich war nicht gern dort. Die Mädels waren sich die selbstbewusste, kichernde Simone gewohnt und nun sass ich weinend da, weil ich Angst hatte», so Biles in ihrer zweiteiligen Doku. Doch immer, wenn sie kam, baten die anderen Turnerinnen Biles, am nächsten Tag wiederzukommen. «Ich dachte 500'000 Mal darüber nach, aufzuhören. Ohne sie hätte ich es getan», glaubt die vierfache Olympia-Siegerin von 2016.

Im Herbst 2023 dann das beeindruckende Comeback

Mit der Unterstützung ihrer Teamkolleginnen erarbeitete sie sich Schritt für Schritt ihr Selbstvertrauen zurück. Sie musste mit den Grundlagen anfangen, sich erst einmal wieder mit den Umdrehungen anfreunden, Twisties loswerden. Erst anderthalb Jahre nach ihren zweiten Olympischen Spielen begann Biles dann wieder mit regelmässigem Training. «Jeden Tag musste ich Dämonen bekämpfen», sagt sie darüber. Dies gelang ihr aber immer besser. An der WM im Oktober 2023 feierte sie dann ihr Comeback auf der grossen Bühne.

August 5, 2023, Hoffman Estates, Illinois, US: LAURENT LANDI celebrates with SIMONE BILES during the competition held at the NOW Arena in Hoffman Estates, Illinois. Hoffman Estates US - ZUMAs146 20230 ...
Biles mit ihrem Trainer Laurent Landi.Bild: www.imago-images.de

«Ich musste mir beweisen, dass ich es kann», sagt sie nun darüber und fügt an: «Ich war wohl so nervös wie nie.» Also traf sie einige Vorkehrungen: Sie kommunizierte nicht mit Medien, stellte die Kommentarfunktion unter ihren Instagram-Posts aus, löschte Twitter. Kurz gesagt: Sie fokussierte sich ausschliesslich auf das Turnen. Und das zeigte Wirkung. Viermal Gold und einmal Silber gewann die jetzt 23-fache Weltmeisterin in Antwerpen. Und allen war klar: Simone Biles, die «Greatest Of All Time», ist zurück.

«An diesem Punkt bin ich selbst meine grösste Konkurrenz.»
Simone Biles

In Paris hat sie jetzt noch ein letztes Ziel. «Ich will mein eigenes Ende schreiben», sagt Biles, deren letzte Olympia-Erfahrung ein echter Albtraum war. Wie dies aussehen könnte, zeigte die älteste Olympia-Teilnehmerin der USA im Turnen seit 1952 bereits in der Qualifikation. In drei der vier Disziplinen war sie die beste Athletin. Insgesamt distanzierte sie die Konkurrenz ebenfalls um knapp zwei Punkte und mehr – trotz einer Verletzung an der Wade. Nach der geschafften Qualifikation für alle sechs Medaillenentscheidungen berichtete sie: «Mir geht es so gut, wie es könnte.»

Am heutigen Dienstag (ab 18.15 Uhr) tritt sie mit den USA im Teammehrkampf zur ersten Medaillenentscheidung bei den Turnerinnen an diesen Olympischen Spielen an. Von einer Verletzung lässt sie sich davon nicht abhalten – und auch nicht von ihren Dämonen. Denn wie die mittlerweile 27-jährige Simone Biles am Ende ihrer Doku sagt: «An diesem Punkt bin ich selbst meine grösste Konkurrenz.»

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29 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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TRN
30.07.2024 08:08registriert Dezember 2021
"Sie galt als Versagerin..." - Simone Biles hat 7 Olympiamedaillen, davon 4 goldene. Sie hat 30 Weltmeisterschaftsmedaillen, davon 23 goldene. Sie gilt als die grösste Kunstturnerin aller Zeiten. Wie kann man nur zu so einer Überschrift kommen.
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Bee89
30.07.2024 09:22registriert Mai 2018
Genau solche Überschriften sind doch Teil des Problems! Was diese Frau leistet ist unbeschreiblich, und dann zerbricht sie doch einmal am Druck, was absolut menschlich ist. Und schon wird sie als Versagerin, als „quitter“ abgestempelt.
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goschi
30.07.2024 08:10registriert Januar 2014
Bei wem halt sie als Versagerin?

Nie irgendwo gelesen oder gehört.
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