Die Geschichte war eigentlich schon geschrieben: Simone Biles sollte der grosse Superstar der Olympischen Spiele in Tokio werden. Die Kunstturnerin sollte in jedem Wettkampf, in dem sie antrat, Gold holen. Auf Rekorde von der US-Amerikanerin wurde nicht gehofft, sie wurden erwartet. Doch es kam anders – selbst diese Überathletin musste merken: «Im Sport ist keine Geschichte im Vorhinein geschrieben.»
Für Biles wurden die Olympischen Spiele 2021 zum Albtraum. Gleich im ersten Wettkampf, dem Teammehrkampf, misslang ihr der Sprung. Statt der geplanten zweieinhalb Umdrehungen machte sie nur anderthalb. Sie und ihr Trainer merkten sofort, dass etwas nicht okay war. Danach zog sie sich aus dem Wettbewerb zurück. Ihre Teamkolleginnen holten für die USA noch Silber, doch für Biles war bereits klar, dass der geplante Siegeszug an Olympia zu Ende war, bevor er überhaupt angefangen hatte. Erst eine Woche später sollte sie dann noch Bronze auf dem Schwebebalken holen – die restlichen Wettkämpfe bestritt die damals 24-Jährige nicht.
Schon vor den Spielen im Sommer vor drei Jahren hatte Biles kein gutes Gefühl, wie sie in der kürzlich erschienenen Netflix-Doku «Simone Biles Rising» erzählt. War es der grosse Druck? War es die Tatsache, dass in Tokio weder Fans noch Angehörige dabei sein konnten? Ihre Mutter Nellie Biles konnte erstmals bei einem grossen Anlass nicht dabei sein. Nellie ist eigentlich Simone Biles’ Grossmutter, doch adoptierte sie gemeinsam mit Ehemann Ronald zwei der Töchter seiner suchtkranken Tochter. Eine davon war eben Simone, die nun ohne die Unterstützung ihrer Familie im weit entfernten Japan mit grossen Problemen kämpfte.
Was auch immer die Ursache dafür, klar war: «Etwas war kaputt», wie ihr Trainer Laurent Landi sagt. «Sie konnte ihren Geist nicht mit ihrem Körper synchronisieren.» Oder wie Cécile Canqueteau-Landi, Landis Ehefrau und ebenfalls Trainerin der US-Athletin, erklärt: «Ihr Körper machte nicht das, was ihr Kopf wollte.» «Twisties» nennt man dieses Problem bei Turnerinnen, wenn sie in der Luft die Orientierung verlieren. Es ist etwas anderes als eine körperliche Verletzung, bei der man weiss, wo man dran ist. Weiss, wie man es behandeln kann und vor allem, wie lange das dauert. Denn die Ursache für Twisties liegt im mentalen Bereich.
Und dies musste auch Biles akzeptieren. Erst einmal musste sie sich aber eine Menge Kritik anhören. Von TV-Moderatoren, Expertinnen und auch einfachen Leuten in den sozialen Medien. Die beste Turnerin der Geschichte galt plötzlich als Versagerin, als «Quitter» – also Person, die schnell aufgibt. «Ich dachte nicht, dass ich nach Tokio nochmal Wettkämpfe bestreiten könnte», gesteht Biles. Zu laut seien die Stimmen in ihrem Kopf gewesen.
Today would be a great day for the “average person does Olympic sport to see how good Olympians are” theory. Get one of those dummies who wrote an article calling Simone Biles a quitter to try a layout on beam or a Yurchenko double-pike.
— Rachel Doerrie (@racheldoerrie) July 28, 2024
Let’s go @TimConstantine1. You’re up. pic.twitter.com/njKhUbHK2Q
Diese zum Schweigen zu bringen, benötigte viel Arbeit. Biles begann, einen Psychotherapeuten zu besuchen. Sie merkte, dass sie die Dinge nicht mehr in sich hineinfressen konnte. Zuvor hatte sie immer gedacht, dass sie diese dann nach ihrer Karriere regeln könne. Nun wurde ihr aber bewusst, dass diese mentalen Probleme auch die Folge von Missbrauch waren. Biles war eines von 265 Opfern des im Januar 2018 verurteilten Sexualstraftäters Larry Nassar, der als Arzt der US-Turnerinnen fungiert hatte.
Die Therapie half ihr auch dabei, diese Erfahrungen zu verarbeiten. Ausserdem arbeitete sie Methoden aus, um besser mit Druck und Nervosität umzugehen. Trainer Laurent Landi glaubt, dass es im Training besser wurde, als Biles häufiger mit ihrem Psychotherapeuten sprach. Auch ihr Ehemann Jonathan Owens, den sie 2020 kennenlernte und im April 2023 heiratete, unterstützte sie stark. Owens ist American-Football-Profi und spielt seit sechs Jahren in der NFL, er kennt den Spitzensport also aus eigener Erfahrung.
Am meisten haben Biles gemäss eigener Aussage aber ihre Teamkolleginnen geholfen. Nach den Olympischen Spielen in Tokio tauchte sie nämlich nur unregelmässig im Trainingsgebäude der US-Turnerinnen auf. «Ich war nicht gern dort. Die Mädels waren sich die selbstbewusste, kichernde Simone gewohnt und nun sass ich weinend da, weil ich Angst hatte», so Biles in ihrer zweiteiligen Doku. Doch immer, wenn sie kam, baten die anderen Turnerinnen Biles, am nächsten Tag wiederzukommen. «Ich dachte 500'000 Mal darüber nach, aufzuhören. Ohne sie hätte ich es getan», glaubt die vierfache Olympia-Siegerin von 2016.
Mit der Unterstützung ihrer Teamkolleginnen erarbeitete sie sich Schritt für Schritt ihr Selbstvertrauen zurück. Sie musste mit den Grundlagen anfangen, sich erst einmal wieder mit den Umdrehungen anfreunden, Twisties loswerden. Erst anderthalb Jahre nach ihren zweiten Olympischen Spielen begann Biles dann wieder mit regelmässigem Training. «Jeden Tag musste ich Dämonen bekämpfen», sagt sie darüber. Dies gelang ihr aber immer besser. An der WM im Oktober 2023 feierte sie dann ihr Comeback auf der grossen Bühne.
«Ich musste mir beweisen, dass ich es kann», sagt sie nun darüber und fügt an: «Ich war wohl so nervös wie nie.» Also traf sie einige Vorkehrungen: Sie kommunizierte nicht mit Medien, stellte die Kommentarfunktion unter ihren Instagram-Posts aus, löschte Twitter. Kurz gesagt: Sie fokussierte sich ausschliesslich auf das Turnen. Und das zeigte Wirkung. Viermal Gold und einmal Silber gewann die jetzt 23-fache Weltmeisterin in Antwerpen. Und allen war klar: Simone Biles, die «Greatest Of All Time», ist zurück.
In Paris hat sie jetzt noch ein letztes Ziel. «Ich will mein eigenes Ende schreiben», sagt Biles, deren letzte Olympia-Erfahrung ein echter Albtraum war. Wie dies aussehen könnte, zeigte die älteste Olympia-Teilnehmerin der USA im Turnen seit 1952 bereits in der Qualifikation. In drei der vier Disziplinen war sie die beste Athletin. Insgesamt distanzierte sie die Konkurrenz ebenfalls um knapp zwei Punkte und mehr – trotz einer Verletzung an der Wade. Nach der geschafften Qualifikation für alle sechs Medaillenentscheidungen berichtete sie: «Mir geht es so gut, wie es könnte.»
Am heutigen Dienstag (ab 18.15 Uhr) tritt sie mit den USA im Teammehrkampf zur ersten Medaillenentscheidung bei den Turnerinnen an diesen Olympischen Spielen an. Von einer Verletzung lässt sie sich davon nicht abhalten – und auch nicht von ihren Dämonen. Denn wie die mittlerweile 27-jährige Simone Biles am Ende ihrer Doku sagt: «An diesem Punkt bin ich selbst meine grösste Konkurrenz.»
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