Die Schweiz ist zu gut: Warum Ski-Talente deswegen um die halbe Welt reisen müssen
Die Schweiz ist die Skination Nummer 1. Die Fahrerinnen und Fahrer sammelten vergangene Saison 50 Podestplätze im Weltcup, dominierten im Europacup mit 56 Fahrten in die Top 3 und feierten in den letzten zehn Jahren 59 Medaillen an Nachwuchs-Weltmeisterschaften. Sechsmal seit 2020 haben die Alpinen zudem die Nationenwertung des Weltcups gewonnen und damit ihren kollektiven Status an der Spitze der Sportart untermauert.
Diese Bilanz macht zuallererst einmal viel Freude. Noch grösser allerdings sind die damit verbundenen Herausforderungen. Denn die Entwicklungsleiter bis nach oben an die Weltspitze erweist sich aufgrund der teaminternen Konkurrenz für immer mehr Talente als schier unüberwindbar.
Im Weltcup dürfen pro Rennen acht Athletinnen und Athleten eingesetzt werden. Zusätzlich werden die ersten drei in der Jahreswertung der jeweiligen Europacup-Disziplin mit Fixplätzen belohnt. Gerade im Speedbereich der Männer mit den Aushängeschildern Von Allmen, Odermatt und Monnet hat es auf dieser Stufe wenig Luft für Talententwicklung.
Noch anspruchsvoller ist es für Schweizer Talente allerdings, sich bis an die Spitze des Europacups und damit in den Dunstkreis des Weltcups hinaufzukämpfen. Auch hier bleibt die Anzahl der Startplätze beschränkt. Allerdings gilt für Rennen im eigenen Land die doppelte Startquote. Um seinen Talenten die sportliche Perspektive zu erhalten, investiert Swiss Ski deshalb viel in die Durchführung von Europacup-Rennen. Dass beispielsweise jeweils in Zinal die ersten Riesenslaloms des Winters ausgetragen werden, folgt gemäss Alpinchef Hans Flatscher einem grossen strategischen Interesse. Früh wertvolle Resultate für gute Startplätze zu sammeln, lohnt sich für den weiteren Saisonverlauf.
Junioren-Weltmeister startet mit Nummer 72
Die Challenge liegt auch bei Heimrennen nicht darin, die Startplätze zu besetzen. Die aktuell 104 Kaderathletinnen und Athleten brennen auf Einsätze. Sondern in der Tatsache, dass jüngere Fahrerinnen und Fahrer in den im Vergleich zum Weltcup viel grösseren Teilnehmerfeldern oft mit sehr hohen Startnummern ins Rennen gehen müssen. Zu einem Zeitpunkt also, in welchem die Pistenverhältnisse zumeist keine Spitzenleistungen mehr zulassen. In den technischen Disziplinen bleibt so bereits die Qualifikation für den zweiten Lauf eine aussichtslose Hürde. «Der Europacup ist die am härtesten umkämpfte Stufe im Skisport», sagt Flatscher.
Einen besseren Startplatz im Europacup ergattert man sich über gute Resultate in den FIS-Rennen, der dritten Stufe der Rennpyramide. Wegen der vor zwei Jahren eingeführten neuen Regeln des internationalen Skiverbandes, welche das Punktesystem von FIS-Rennen im Vergleich zu den Rennserien in Nordamerika und Asien – zwei von insgesamt sechs Pendants zum Europacup – benachteiligen, wird diese Kluft grösser.
Die FIS will damit Skirennen in anderen Gebieten der Welt aufwerten und den Sport dadurch globaler gestalten. Das mag zwar die geografische Vielfalt des Starterfelds im Weltcup fördern, wertet aber zugleich die FIS-Rennen ab und bestraft damit die dominierenden Schweizer Talente. Sie können ihre Position faktisch gar nicht verbessern.
Doch nun macht Swiss Ski aus der Not eine Tugend und einen Teil der Talente, die auf der Karriereleiter ins Stocken zu geraten drohen, zu Weltenbummlern. Man teilt das C-Kader in zwei Gruppen auf und schickt einen Teil dieser ganz jungen Fahrerinnen und Fahrer während der Saison noch regelmässiger und konsequenter auf Fernreisen. Wenn immer möglich verbunden mit Trainingslagern, sollen diese Zukunftshoffnungen durch gute Resultate im North-America-Cup und im Far-East-Cup (Asien) ihren Status für Europacup-Einsätze entscheidend verbessern und damit die Chance auf dem Weg nach oben nicht verlieren. Dies als Alternative zu Europacup-Einsätzen mit hohen Startnummern. «Wir wollen unsere Talente möglichst gut unterstützen und ihnen eine Perspektive bieten, um sportlich vorwärtszukommen», sagt Hans Flatscher.
Bestes Beispiel dafür ist der 21-jährige Giuliano Fux, der im vergangenen Winter Junioren-Weltmeister im Slalom wurde. Während der Walliser in seinen sechs Europacup-Einsätzen in dieser Sparte im Verlauf der Saison – mit Startnummern zwischen 64 und 72 – keinen einzigen ersten Lauf ins Ziel brachte, sammelte er bei insgesamt vier Rennen am South America Cup und acht Einsätzen im Far-East-Cup wertvolle Resultate für das Ranking. In knapp drei Monaten werden wieder junge Schweizer Skifahrer in Colorado um attraktive NorAm-Punkte kämpfen.
Finanzielle Unterstützung durch WM-Legacy
Bereits im Frühling 2026 absolvierten sieben Talente nach dem Europacup-Final Ende März solche Renneinsätze in Nordamerika. Künftig will das Planungsteam rund um Hans Flatscher diesen Weg strukturell noch konsequenter und weitsichtiger angehen. Allerdings ist der Aufwand für diese spezielle Art der Talentförderung gross. Auch finanziell. Um die Belastung für die jungen Fahrer zu mindern, hat Swiss Ski im Zusammenhang mit der bevorstehenden Heim-WM ein Legacy-Projekt ins Leben gerufen, das einen Teil der Kosten für diese Reisen übernimmt. Um Starts am anderen Ende der Welt in den Sommermonaten nicht zu einer reinen Frage der persönlichen Finanzkraft verkommen zu lassen, berücksichtigt Swiss Ski diese Resultate übrigens nicht für die Kadereinteilung, wie Hans Flatscher erklärt.
Zeitgleich weibelt Swiss Ski hinter den Kulissen bei der FIS mit Vorschlägen. Die konzeptionellen Bestrebungen hin zu kleineren Startfeldern im Weltcup, um die Stars der Szene noch mehr zu pushen und dank kürzerer TV‑Übertragungen besser zu präsentieren, will man für eine Stärkung des Europacups nutzen. Zugleich soll der Wert einer guten Leistung bei FIS-Rennen gesteigert werden. Nur so könne das Gleichgewicht zwischen grossen Namen und kleinen Nationen im Skisport fair wiedergegeben werden. Denn bei aller Sehnsucht nach einem globalisierten Sport fährt die Nummer 25 der Schweizer Rangliste in den allermeisten Fällen immer noch besser über die Rennpiste als der hoffnungsvollste Exot aus einem Ski-Entwicklungsland. Selbst wenn sich das Schweizer Talent auf dem Weg nach oben bei seinen Renneinsätzen am anderen Ende der Welt bisweilen selbst als Exot fühlen muss. (schweizheute.ch)

