Was das neue Wundermittel an der Tour de France bewirken soll
So zugeschlagen wie Tadej Pogacar hat höchstens Box-Champ Mike Tyson. Der Slowene hat am Donnerstag in der 6. Etappe der Tour de France das Maillot Jaune erobert und all seinen Gegnern zweieinhalb Minuten und mehr abgenommen. Schon nach wenigen Tagen der dreiwöchigen Rundfahrt scheint deren Sieger festzustehen.
Unterwegs zum Etappensieg flog Pogacar förmlich den Tourmalet, diesen mythischen Pyrenäenpass, hinauf. Den bisherigen Rekord für die schnellste Befahrung schlug er um 2:20 Minuten – eine kleine Weltreise. Während fast einer Dreiviertelstunde war der vierfache Tour-Sieger in der Lage, mit rund 6,4 eWatt/kg in die Pedale zu treten.
Das e steht für étalon (französisch für Standard). Die tatsächlich erreichten Werte werden auf ein Gewicht von 60 kg berechnet, womit der eW/kg-Wert bei allen Fahrern vergleichbar ist.
#TourdeFrance, Stage 6
— ً (@Na1chaca) July 9, 2026
🇸🇮 TADEJ POGACAR
Col du Tourmalet (17,00km; 7,46%; 1268m)
43'12min
23,61km/h
1761 VAM
6,39ᵉw/kg
654 aSLP
CLIMBING RECORD pic.twitter.com/YGnpfQKVQI
Rätselraten um Anwender
Pogacar sagte hinterher, es habe schon am Abend zuvor gekribbelt und am Morgen vor der Etappe sei er «heiss» erwacht. Doch womöglich spielt in diesem Sommer nebst der richtigen Einstellung noch ein weiterer Faktor eine Rolle: ein neues Sportgel, über das im Peloton offenbar rege diskutiert wird. ExoLactate heisst das Produkt. Wer es tatsächlich einsetzt, ist allerdings unklar.
Laut dem Portal «Velo» haben sich mehrere Teams dafür interessiert, es an der Tour de France einsetzen zu können. Wegen des grossen Potenzials, das man dem Mittel zuschreibt, habe eine Equipe eine namhafte Summe bezahlt, um ExoLactate als einzige verwenden zu können.
«Es kann ein Game-Changer sein»
Auf solche vertraglichen Details ging Aitor Viribay, der Erfinder des Gels, im Gespräch mit dem Portal nicht ein. Der im Bereich der Sporternährung angesehene Spanier sprach dafür über die Wirkung des Gels. «Es kann ein Game-Changer sein. Und ich bin Wissenschaftler, kein Geschäftsmann, der versucht sein Produkt anzupreisen», sagte er. Er forsche schon seit etwa sieben Jahren daran und andere vor ihm hätten sich Jahrzehnte damit beschäftigt.
Nun glaubt Viribay, einen entscheidenden Schritt geschafft zu haben. Er sagt, die Obergrenze der Kohlenhydrate, die der Körper pro Stunde aufnehmen kann, sei wohl erreicht. «Die einzige Möglichkeit, die Leistungsgrenzen durch die Energiezufuhr derzeit weiter zu verschieben, ist exogenes Laktat. Das steht fest.» Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) erlaubt das Präparat.
Die ersten Rückmeldungen sind verheissungsvoll
Wer das Wort Laktat hört, denkt oft an Erschöpfung und brennende Muskeln. Die Sportwissenschaft hat das Bild schon länger korrigiert und Laktat gilt heute als wichtiger Energieträger mit einer zentralen Rolle im Stoffwechsel. ExoLactate führt dem Körper Laktat von aussen zu, es soll die Energieversorgung unterstützen und möglicherweise die Regeneration fördern.
Das Potenzial ist gross. Konnte laut Forscher Viribay bislang Laktat nur in winzigen Mengen im Milligramm-Bereich zugeführt werden, sollen neu 20 Gramm Laktat pro Stunde möglich sein. Glaubt man seinen Worten, könnte es sich tatsächlich um ein legales Wundermittel handeln: «Die Rückmeldungen deuten bislang darauf hin, dass die Fahrer eine geringere Anstrengung und eine bessere Ausdauer empfinden.»
Noch steckt ExoLactate allerdings in einem frühen Stadium. Aitor Viribay spricht von einem Produkt, das ihn träumen lasse, räumt aber selbst ein, dass es noch keine belastbaren Studien zur Wirkung im Wettkampf gibt. Die Tour de France dürfte deshalb zum grossen Praxistest werden. Gut möglich, dass in den nächsten Wochen weitere Rekordzeiten an Frankreichs Bergen purzeln – ob ExoLactate daran tatsächlich einen Anteil hat, ist derzeit aber noch unklar.
