Diese Grafik zeigt die Autokrise, von der fast niemand spricht
Chinas Automarkt, der grösste der Welt, ist im ersten Halbjahr 2026 um 20 Prozent geschrumpft. Das entspreche «einem Absatzrückgang von 5 Millionen Einheiten im Vergleich zum Vorjahr», schreibt Automobilindustrie-Analyst Michael Dunne. Der Rückgang sei «enorm» und entspreche «der Grösse des gesamten japanischen Automarktes», der einfach weggebrochen sei.
Besonders dramatisch ist die Situation für Marktführer BYD, dessen Personenwagen-Verkäufe in China um 46 Prozent einbrachen. Dunne bezeichnet die chinesische Autokrise als «grösste Automobil-Story des Jahres, über die kaum jemand spricht».
Die folgende Grafik verdeutlicht, dass von der Absatzkrise fast alle in China aktiven Autohersteller betroffen sind.
Chinas Autokrise auf einen Blick
Hinter BYD lassen auch VW (Rang 2) und Toyota (Rang 3) Federn. Während BYD ausschliesslich Elektro- und Plug-in-Hybrid-Modelle produziert, verkaufen VW und Toyota in China weiterhin primär Verbrenner-Modelle. Von der Krise sind sowohl Elektro- als auch Hybrid- bzw. Verbrenner-Autos betroffen. Reine E-Autos kommen mit einem Minus von 6 Prozent aber vergleichsweise glimpflich davon.
Darum steckt China in der Autokrise
Elektroautos und teilelektrische Plug-in-Hybride werden seit Anfang Jahr vom chinesischen Staat weniger gefördert. Dazu kommt seit dem Ende der Corona-Pandemie eine schleichende Wirtschaftskrise, die sich mit der Ölkrise akzentuiert hat. Die Kosten und die Arbeitslosigkeit steigen, die Konsumlust schwindet. Zuletzt haben mit dem Irankrieg auch die Preise an den Tankstellen stark angezogen. All diese Faktoren dämpfen die Nachfrage nach neuen Autos.
Chinesische und ausländische Autohersteller sind gleichermassen von der Krise betroffen, allerdings macht die Grafik gut sichtbar, dass chinesische Hersteller inzwischen den Ton angeben. In den Top 10 finden sich mit VW, Toyota und Tesla (Rang 10) nur noch drei ausländische Marken. VW und die Tochtermarke Audi (Rang 11) kämen zusammen zwar noch auf Rang 1 vor BYD, aber westliche Marken verlieren kontinuierlich Marktanteile. Davon betroffen sind die deutschen Premium-Hersteller Audi, BMW und Mercedes, aber auch die japanischen Volumenhersteller Honda und Nissan. US-Hersteller wie Ford wurden aus den Top 20 gespült und General Motors (GM) ist nur noch knapp mit der Marke Buick (Rang 18) vertreten.
Zu den wenigen Gewinnern zählen die chinesischen Elektroautohersteller Leapmotor und Xiaomi. Leapmotor ist inzwischen auch in der Schweiz aktiv, während Xiaomi seine E-Autos ab 2027 in Europa anbieten will. Xiaomi wurde als Smartphone-Anbieter bekannt und produziert erst seit 2024 Elektroautos. Trotzdem verkaufen sie in China bereits mehr Autos als Mercedes-Benz.
China-Hersteller drängen nach Europa
Aufgrund der Absatzkrise und des extrem intensiven Preiskampfes im Heimmarkt verstärken chinesische Hersteller ihre Bemühungen, in Europa rasch Fuss zu fassen. Der europäische Markt verspricht höhere Margen und der Export ist für sie trotz EU-Strafzöllen die beste Option, teure Modelle zu verkaufen.
In den vergangenen beiden Jahren haben chinesische Autobauer in Europa beinahe aus dem Stand einen Marktanteil von rund 10 Prozent erobert. Allerdings sind chinesische Autos bislang nicht auf europäische Kunden zugeschnitten. Während in China beispielsweise grosse Touch-Bildschirme als das Nonplusultra gelten, präferieren viele Europäer klassische Bedienelemente wie physische Tasten und Knöpfe. Dazu kommt, dass europäische Hersteller zwar einen Kostennachteil haben, aber den chinesischen Technologievorsprung bei E-Autos teils aufgeholt haben.
Die USA wiederum fallen für chinesische Anbieter weg, da die Vereinigten Staaten ihren Markt mit Strafzöllen von über 100 Prozent fast gänzlich abschotten. Über die Zölle hinaus hat das US-Handelsministerium ein Verbot für chinesische Soft- und Hardware in vernetzten Fahrzeugen erlassen. Da moderne Autos stark vernetzt sind, schliesst dies chinesische Autos faktisch vom US-Markt aus.
(oli)
