«Die KI-Satelliten von Elon Musk ergeben Sinn»
Wir haben wieder einmal ein neues Schlagwort. Es heisst «cyber economy» (Cyber-Wirtschaft). Ist dies mehr als ein Hype?
Meiner Meinung nach ist es kein Hype. Alle notwendigen Technologien existieren bereits. Deshalb sprechen wir hier nicht von Science Fiction, sondern von realen wirtschaftlichen Gleichungen.
Wovon sprechen wir konkret?
Wir sprechen von Datacentern im All, die ihren enormen Energiebedarf mit Gratis-Solarenergie decken. Das kann enorme ökonomische Konsequenzen haben, wenn es gelingen sollte, die dafür notwendigen Satelliten in die ideale Umlaufbahn zu bringen. Die wirtschaftliche Gleichung ist daher sehr simpel: Wenn wir die Lebensdauer eines Satelliten – derzeit vier bis fünf Jahre – plus die Kosten für seine Lancierung addieren und dem den Gratisstrom aus dem All gegenüberstellen, dann geht die Rechnung auf. Wir erhalten so weit günstigere Energiekosten.
Wie lautet der gegenwärtige Stand dieser Rechnung?
Die Kosten für die Lancierung eines Satelliten sind bereits um ein Mehrfaches gesunken. Elon Musk verspricht, mit seinen neuen Raketen diese Kosten nochmals massiv zu senken. Daher wird es bald wirtschaftlich sehr vernünftig sein, Satelliten auf die Umlaufbahn zu schicken.
Es gibt allerdings auch Kritiker, die sagen, die Technologie sei noch gar nicht vorhanden und werde es so schnell auch nicht sein.
Elon Musk bestreitet das. Er macht geltend, dass er alle notwendigen Komponenten bereits zur Verfügung hat. Er hat bereits die Solarpanels und die Satelliten – er nennt sie KI-Satelliten – sowie die Technologie zur Wärmeableitung im Vakuum des Weltraums (mit Radiatoren) und zur Datenübertragung zwischen den KI-Satelliten und zurück zur Erde.
Elon Musk will ja auch auf den Mars. Ist das nicht der Traum eines Teenagers, der zu viele Science-Fiction-Romane gelesen hat?
Nicht nur Musk verfolgt dieses Ziel, auch von Jeff Bezos hört man ähnliche Töne. Bevor man jedoch Menschen auf den Mars schicken kann, muss ein dichtes Satelliten-Netz gebaut werden. Nur so kann eine Expedition auf den Mars finanziert werden. Deshalb hat Musk auch Starlink geschaffen. Und deshalb will er auch Datacenters im All erstellen. Nur so kann er genügend Einkommen erzielen, um sein Programm zur Erforschung des Alls zu finanzieren.
Wird Musk mit diesem Projekt Erfolg haben?
Dieses Thema befindet sich noch in einem frühen Stadium, und ich bin kein absoluter Experte für KI-Satelliten, aber wir haben uns mit einigen Technologie-Experten darüber unterhalten. Sie glauben, es sei machbar. Die Satelliten werden von Generation zu Generation besser. Und vergessen wir nicht: Musk ist zu vielem fähig. Wir haben gesehen, was er mit Tesla und SpaceX erreicht hat. Denken Sie nur an die wiederverwertbaren Raketen. Niemand hat ihm das zugetraut. Wenn er sagt, die Technologie funktioniert, dann können wir davon ausgehen, dass sie es tatsächlich tut.
Trotzdem halten ihn viele für verrückt. Andere vergleichen ihn mit Henry Ford. Wie sehen Sie das?
Was er mit Tesla und SpaceX erreicht hat, spricht eine klare Sprache. Einen Server in einen Satelliten zu integrieren, ist zudem nicht sehr schwierig. Ich glaube daher, dass es nicht eine Frage sein wird, ob es funktionieren wird, sondern wann. Voraussetzung dazu sind die nächsten Generationen der Starship-Raketen. Sobald sie vorhanden sind, wird das Netz von KI-Satelliten aufgebaut werden.
Wann können wir mit Datacentern im All rechnen?
Die meisten Experten gehen davon aus, dass SpaceX in den nächsten drei bis fünf Jahren sein KI-Satellitennetz massiv ausbauen wird. Das ist auch nötig, da die Kapazitäten auf der Erde innerhalb der nächsten fünf Jahre an ihre Grenzen stossen könnten (Zugang zu Strom und zum Stromnetz, Wassernutzung usw.).
Heisst dies auch, dass die hohe Börsenkapitalisierung von SpaceX gerechtfertigt ist, und dass Musk es verdient, der erste Billionär der Welt zu sein?
Derzeit verfügt Musk in etwa über die gleiche KI-Kapazität wie OpenAI oder Anthropic. So gesehen ist eine Börsenkapitalisierung von rund zwei Billionen Dollar ein bisschen hoch. Gehen wir jedoch davon aus, dass SpaceX schon nächstes Jahr dank Starlink und anderen KI-Aktivitäten 30 oder 40 Milliarden Dollar Umsatz erzielen wird, dann ist die Marktkapitalisierung angesichts des für die nächsten Jahre erwarteten erheblichen Wachstums nicht mehr abwegig.
Allerdings herrscht derzeit Skepsis an den Börsen. Die sogenannten «glorreichen Sieben» – Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet, Meta, Nvidia und Tesla – haben im Juni an den Aktienbörsen mehr als zwei Billionen an Wert eingebüsst. Wie erklären Sie das?
Die Hyperscalers und Tesla investieren riesige Summen in ihre Datacenter, um ihre Zukunft zu sichern. Das verringert ihren Cashflow in der Gegenwart. Möglicherweise haben Anleger ihre Positionen auch reduziert, um am Börsengang von SpaceX teilzunehmen.
Bankanalysten sagen: Die hohen Kurse der Tech-Aktien sind rational, weil sie im Einklang mit den Gewinnen stehen. Die Makro-Ökonomen hingegen sagen, sie seien irrational, weil sie viel zu viel Hoffnung in sich tragen. Wer hat Recht?
Derzeit ist es sehr schwierig, dies abzuschätzen, denn wir wissen nicht, wie sich die Produktivität entwickeln wird. Das Produktivitätswachstum zu messen ist sehr schwierig. Vielleicht werden wir ja dereinst bessere Massstäbe diesbezüglich haben. Was wir kennen, sind die Zahlen der wichtigsten KI-Unternehmen. Anthropic beispielsweise gab noch im September letzten Jahres einen annualisierten wiederkehrenden Umsatz in Höhe von mehreren Milliarden Dollar an. Ende Mai war dieser Wert auf 47 Milliarden Dollar gestiegen. Ähnlich sieht es bei Google Cloud, Amazon AWS und anderen aus. Für Tech-Investoren sind dies erfreuliche Signale.
Allerdings mischt sich die Politik zunehmend ins Geschäft ein. So haben die USA Anthropic verboten, die jüngsten Modelle ins Ausland zu verkaufen.
Das ist nicht neu. Die Amerikaner haben schon mehrmals solche Verbote ausgesprochen, beispielsweise auch gegen Nvidia. Es geht primär um China. Wir haben erlebt, dass die Chinesen amerikanische Modelle reengineert haben, um danach ihre eigenen Modelle zu trainieren. Die USA versuchen ganz einfach, ihren Vorsprung auf den Rest der Welt zu erhalten.
Derzeit streiten sich die USA und China um die KI-Vorherrschaft. Was bedeutet dies für Europa?
Geht es um die Produktion von Halbleitern – sie sind für die KI entscheidend –, ist Europa kein Spezialist. Das Einzige, das wir gut können, ist die Herstellung der Werkzeuge, die dafür benötigt werden. Aber wir haben weder die Designer noch die Fabriken, die es braucht, um die hochwertigsten Chips zu produzieren. Deshalb ist es schwierig zu sehen, wie Europa Anschluss an das KI-Rennen gewinnen könnte. Weil wir über ein grosses Know-how in der industriellen Fertigung verfügen, hat Europa vielleicht noch eine Chance, wenn es um physische KI geht, um Roboter.
Heisst dies, dass Europa langfristig auch an Wohlstand verlieren wird?
Es heisst vor allem, dass wir alles unternehmen müssen, um auch in Europa Rechenleistung aufzubauen, was sich auf die Souveränität des Kontinents auswirken wird. Wir müssen in den kommenden Jahren alles unternehmen, um KI-Initiativen zu unterstützen.
Wir haben von der Cyber Economy gesprochen. Es gibt ein weiteres Schlagwort, das derzeit die Runde macht, «die KI-basierte Weltordnung». Wird sie unsere Zukunft bestimmen?
Wahrscheinlich. Das hat man inzwischen auch in Brüssel begriffen, deshalb setzt die EU mehr Geld ein, um innovative Unternehmen zu fördern. Ein paar davon gibt es zum Glück noch. Es sind jedoch viel zu wenige.
