Wer in der Schweiz wie viel Steuern zahlt – und wohin das Geld fliesst
Einmal im Jahr flattert die Steuerrechnung ins Haus. Darin stecken gar nicht eine Forderung, sondern drei: Der Bund verlangt einen Teil, der Kanton einen Teil, die Gemeinde einen Teil. Eine Übersicht, wer davon wie viel bekommt und ausgibt.
Die Schweiz teilt ihre Staatsaufgaben auf drei Ebenen auf: Bund, Kantone und Gemeinden. Jede Ebene erhebt eigene Abgaben, jede Ebene übernimmt eigene Aufgaben. Als Faustregel gilt: Je näher eine Aufgabe an den Menschen liegt, desto tiefer sitzt sie in der Föderalismus-Pyramide.
- Gemeinden betreiben Primarschulen, zahlen Sozialhilfe aus, entsorgen den Abfall, bauen lokale Infrastruktur, führen Kitas und Alterspflege.
- Kantone führen Sekundarschulen, Gymnasien und Universitäten, betreiben Spitäler, stellen die Polizei und bauen Kantonsstrassen.
- Der Bund unterhält die Armee, vertritt die Schweiz im Ausland, baut Nationalstrassen und Bahninfrastruktur, lenkt die Landwirtschaftspolitik und fördert die Forschung.
Daneben gibt es die Sozialversicherungen, die AHV- und IV-Renten sowie Arbeitslosengeld auszahlen. Sie spielen in diesem Artikel eine kleinere Rolle: Das Geld kommt dort von Lohnbeiträgen von Arbeitnehmenden und Arbeitgebenden, plus einem Bundesbeitrag. Es fliesst direkt wieder zu den Versicherten.
Woher kommt das Geld?
Zusammen bilden Bund, Kantone, Gemeinden und Sozialversicherungen den «Staat». Dessen Total von 266 Milliarden ist aber nicht einfach die Summe der vier Budgets. Der Grund: Die Ebenen zahlen sich gegenseitig Geld, etwa wenn der Bund die AHV mitfinanziert oder finanzstarke Kantone an finanzschwächere zahlen.
Diese Geldverschiebungen rechnet die Statistik heraus. Übrig bleibt nur, was von aussen ins System fliesst.
2024 kamen über 85 Prozent der Gesamteinnahmen aus Steuern. Die grösste Einzelkategorie waren die direkten Steuern natürlicher Personen mit über 30 Prozent. An zweiter Stelle stehen die Sozialversicherungsbeiträge mit knapp 21 Prozent.
Bund
Der Bund hat 2024 86,5 Milliarden Franken eingenommen. Am meisten bringt die direkte Bundessteuer ein. Sie macht rund 35 Prozent der Einnahmen aus. Der Bund besteuert damit das Einkommen von Privatpersonen: also Lohn, Rente oder Erträge aus Vermögen wie Zinsen und Dividenden.
Zudem besteuert der Bund auch Gewinne von Unternehmen. Das Verhältnis zwischen den Einnahmen von Privatpersonen und Unternehmen ist fast ausgeglichen: 48 zu 52 Prozent.
Die Mehrwertsteuer folgt knapp dahinter mit rund 31 Prozent. Sie trifft jede Person beim Einkaufen, unabhängig vom Einkommen. Dann kommen Mineralölsteuer, Verrechnungssteuer, Stempelabgaben und Tabaksteuern. Die Verbrauchssteuern (Mehrwert, Mineralöl, Tabak etc.) sind zusammengerechnet die grösste Position in der Grafik (43 Prozent).
Kantone
Die Kantone erheben ihre Steuern unabhängig vom Bund. Sie besteuern neben Einkommen auch das Vermögen von Privatpersonen – sowie Gewinn und Kapital von Unternehmen. Jeder Kanton legt dabei eigene Sätze fest, deshalb zahlt eine Familie in Zug oft deutlich weniger als eine Familie mit gleichem Einkommen und Vermögen in Genf.
Wie stark Einkommens- und Vermögenssteuer ins Gewicht fallen, ist von Kanton zu Kanton höchst unterschiedlich. Klar ist aber: Bei den kantonalen und kommunalen Einnahmen macht die Einkommenssteuer schweizweit ein Mehrfaches der Vermögenssteuer aus.
Der Nationale Finanzausgleich verteilte rund 5,9 Milliarden Franken um. Der Bund zahlt einen Teil seiner Steuereinnahmen an die Kantone zurück. Zudem geben finanzstarke Kantone Geld an finanzschwächere ab. Bei den Kantonen ist deshalb der Bereich «Übrige Einnahmen» besonders gross.
Der Steuerausschöpfungsindex veranschaulicht die Unterschiede zwischen den Kantonen ebenfalls. Dieser zeigt, wie stark ein Kanton sein wirtschaftliches Potenzial über Steuern abschöpft. Oder einfacher: Wie viel vom gesamten Kuchen (Einkommen, Vermögen, Unternehmensgewinne) nimmt sich der Kanton als Steuer?
Gemeinden
Die Gemeinden greifen auf dieselben Steuerarten zurück wie ihr Kanton, erheben aber einen eigenen Zuschlag: den Steuerfuss. Er wird als Prozentsatz auf die Kantonssteuer aufgerechnet und kann sich innerhalb eines Kantons stark unterscheiden.
Der Gemeinderat oder die Gemeindeversammlung setzt ihn jedes Jahr neu fest, je nach Budget. Zusätzlich erheben viele Gemeinden Gebühren, etwa für Wasser oder Abfall, und erhalten teils einen fixen Anteil am kantonalen Steuerertrag.
Wofür wird das Geld ausgegeben?
2024 gaben Bund, Kantone und Gemeinden zusammen rund 263 Milliarden Franken aus, bereinigt um gegenseitige Transfers.
Beim Bund ist Soziale Sicherheit der grösste Posten: mehr als ein Drittel des Budgets von rund 86 Milliarden. Der Grossteil davon ist der Bundesbeitrag an die AHV, also eine Weiterleitung.
Weitere grosse Bereiche beim Bund sind Verkehr, Bildung sowie Sicherheit und Verteidigung, also unter anderem auch die Armee.
Bei Kantonen und Gemeinden ist Bildung der grösste Posten. Die Gemeinden geben von ihrem Budget von rund 61 Milliarden allein rund 18 Milliarden für Schulen aus, die Kantone von ihren 110 Milliarden rund 31 Milliarden.
Bei den Kantonen ist auch die Gesundheit eine grosse Position: Rund 16 Milliarden ihres Budgets fliessen in Spitäler.
Wer bezahlt am meisten?
35 Prozent der Einnahmen auf Bundesebene kommen von der direkten Bundessteuer. Davon die Hälfte zahlen natürliche Personen. Doch nicht alle gleich viel – und nicht alle überhaupt etwas. Wer wenig verdient, fällt dank Abzügen unter die Schwelle der Steuerpflicht und zahlt null Franken. Rund ein Drittel aller Steuerpflichtigen betrifft das.
Der Rest zahlt unterschiedlich, wie die Zahlen aus 2022 zeigen: Die untere Hälfte aller Steuerpflichtigen erwirtschaftet 19 Prozent des Einkommens, trägt aber 2,4 Prozent der Steuer. Das oberste 1 Prozent verdient 11,5 Prozent des Einkommens – und zahlt fast 40 Prozent der Steuer. Grund ist der Tarif: Er ist progressiv, hohe Einkommen zahlen einen höheren Prozentsatz.
Die andere Hälfte der Einnahmen über die direkte Bundessteuer kommt von Unternehmen, die in Gewinnklassen sortiert sind.
Aktiengesellschaften (AG) und Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH) leisteten 2022 mit über 98 Prozent den mit Abstand grössten Anteil der Steuererträge.
Die Daten zeigen: Auch bei den juristischen Personen kommt der grösste Teil der Steuern von den profitabelsten Unternehmen. Aber: Ihr Anteil an der Steuerlast (77 %) bleibt deutlich unter ihrem Gewinnanteil (90 %). Ihre effektive Steuerquote ist damit tiefer als die der kleineren Firmen.
Der tiefere Steueranteil der Grosskonzerne hat eine Erklärung: den Beteiligungsabzug. Hält eine Firma Anteile an anderen Unternehmen, zieht sie deren Erträge vom steuerbaren Gewinn ab. Damit vermeidet der Staat doppelte Besteuerung. Je grösser und verschachtelter der Konzern, desto stärker drückt dieser Abzug den steuerbaren Gewinn.
Offiziell sind die über 460'000 Unternehmen in 28 Reingewinnklassen unterteilt. Der Übersichtlichkeit halber fasst die folgende Tabelle die Zahlen in sechs Kategorien zusammen.
Bei der Mehrwertsteuer dreht sich das Bild. Sie trifft jede Person beim Einkaufen, unabhängig vom Lohn oder Vermögen. Ein Rentner zahlt denselben Satz wie eine Spitzenverdienerin.
Damit wirkt sie regressiv: Wer sein ganzes Einkommen für den Alltag ausgibt, verliert einen grösseren Anteil davon an die Mehrwertsteuer als jemand, der einen Teil seines Einkommens spart oder investiert.
Fast ein Drittel der Bundeseinnahmen stammt aus dieser Steuer – gleich viel wie aus der progressiv wirkenden direkten Bundessteuer.
Am Ende zeigt sich: Ein grosser Teil der Staatseinnahmen stammt aus den Einkommen und Vermögen der Bevölkerung. Auch die Unternehmen sind bei den Einnahmen prominent vertreten. Und schliesslich sind da die Verbrauchssteuern wie die Mehrwertsteuer, die alle bezahlen, egal, wie viel sie verdienen.
Zusammen landen sie dort, wo sie für Soziale Sicherheit, Bildung, Sicherheit, Verkehr, Gesundheit und Co. gebraucht werden.
