KI-Euphorie schlägt um: ABB-Aktien fallen trotz sehr starker Geschäftszahlen
Die ABB-Aktien sind eine KI-Story. Konzernchef Morten Wierod bemüht sich zwar redlich, den Elektrotechnikkonzern mit seinen 100'000 Mitarbeitenden in einem weniger einseitigen Licht erscheinen zu lassen. Doch es ist so sinnlos wie Don Quichotes Kampf gegen Windmühlen. Das haben die am Dienstag vorgelegten Geschäftszahlen zum dritten Quartal des laufenden Jahres besonders eindrücklich gezeigt.
ABB befindet sich auf einem beispiellosen Wachstumskurs. Der Bestellungseingang ist in den drei Berichtsmonaten um 40 Prozent auf 12 Milliarden Dollar hochgeschnellt. Das Tempo nimmt laufend zu. In den ersten 9 Monaten des Jahres beschleunigte sich das vergleichbare Auftragswachstum zum Vorjahr um 31 Prozent. So viel wie ABB Monat für Monat an Bestellungen erhält, kann der Konzern gar nicht liefern, geschweige denn fakturieren.
Immerhin: Der Umsatz ist heuer um weitere 14 Prozent angeschwollen auf fast 28 Milliarden Dollar im Neunmonatszeitraum. Das Unternehmen erwirtschaftete in dieser Periode ganze 3,7 Milliarden Dollar (+22 Prozent), die es nicht für Investitionen benötigt und dereinst für Dividendenausschüttungen für die Aktionäre verwenden könnte. So oder ähnlich soll es weitergehen. ABB hat für 2026 die Umsatzprognose von 10 bis 13 Prozent auf über 13 Prozent erhöht und gleichzeitig eine Verbesserung der operativen Profitmarge von 19 Prozent im Vorjahr auf fast 23 Prozent angekündigt.
Leistung top, Kurs flop
Trotz diesem eindrücklichen Zahlenkranz sind die ABB-Aktien am Dienstagmorgen an der Six Swiss Exchange gefallen – und wie! In den ersten Handelsstunden erreichten die Verluste mehr als 7 Prozent, im späteren Tagesverlauf pendelten sie sich bei fast 6 Prozent ein. Das steht nicht nur im Kontrast zu der gezeigten operativen Leistung.
Herausragend schlecht ist die Aktienperformance auch für einen Konzern, dessen Börsenwert mehr als 125 Milliarden Franken beträgt. 6 Prozent weniger bedeutet eine Werteinbusse für die Investoren von 7,5 Milliarden Franken.
Der einzige plausible Grund für die negative Börsenreaktion ist ironischerweise der, dass ABB im Geschäft mit Rechenzentren sehr viel Geld verdient und vor allem dort sehr schnell wächst. Viele Investoren hegen Zweifel über die Solidität dieses Wachstums. Derweil betonte ABB-Chef Morten Wierod in der Telefonkonferenz aber deutlich, dass er unter den Kunden im Geschäft mit Rechenzentren keinerlei Zurückhaltung erkenne und auch im kommenden Jahr mit einer anhaltend hohen Investitionsneigung rechne. Diese Investitionen haben es in sich.
Amazon, Meta, Microsoft und Alphabet geben allein in diesem Jahr mehr als 700 Milliarden Dollar aus, um Rechenzentren auf- und auszubauen. Der Hintergrund ist die schnelle Verbreitung von Anwendungen künstlicher Intelligenz. Mehr und mehr treibt Investoren nun aber die Frage um, ob sich diese immensen Investitionen dereinst im erhofften Mass auszahlen werden. Das weiss auch Morten Wierod nicht. Sicher ist nur, dass Rechenzentren relevant sind für sein Geschäft.
Hohe Abhängigkeit
Ben Uglow, ein Industriekenner und langjähriger ABB-Analyst bei der Londoner Research-Firma Oxcap, schätzt, dass in dem mit Abstand grössten ABB-Geschäftsbereich Elektrifizierung rund die Hälfte der Aufträge im dritten Quartal im Geschäft mit Rechenzentren hereingeholt wurden.
Die Elektrifizierungssparte hat im Berichtsquartal neue Aufträge im Umfang von 3,1 Milliarden Dollar erhalten. Das waren gut 90 Prozent des zusätzlichen Auftragsvolumens des Gesamtkonzerns im 3. Quartal. ABB selbst kommuniziert, dass das Bestellungswachstum der Rechenzentren im Dreimonatsabschnitt im dreistelligen Prozentbereich gewachsen sei.
Eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob ABB mit dem KI-Boom in eine Blase aufgestiegen ist, wird es allerdings erst dann geben, wenn diese tatsächlich platzen sollte. Die Märkte sind nervös. Vergangene Woche verloren die Aktien des Cloudanbieters Coreweave an der New Yorker Nasdaq 25 Prozent ihres Wertes, nachdem der Kapitalmarkt die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens infrage gestellt hatte.
Nicht besser erging es gestern Nacht dem südkoreanischen Cloudanbieter Elice, dessen Aktien an der Börse zeitweise ein Drittel verloren hatten.
Starkes Fundament
Doch abseits von der Börse spricht manches dafür, dass das gedeihliche Wachstum von ABB weitergehen kann. Nach Branchenprognosen wird sich der Strombedarf von Rechenzentren bis 2030 weltweit auf rund 220 Gigawatt verdreifachen. Der Projektion liegt die Annahme zugrunde, dass etwa 70 Prozent des Nachfragewachstums von Anwendungen künstlicher Intelligenz ausgehen.
Stromintensive KI-Anwendungen erfordern den Umbau vieler Rechenzentren von einer bisherigen 400-Volt Wechselstrom- auf eine neue 800-Volt Gleichstrom-Architektur. Die verdoppelte Spannung vermindert die Verluste bei der Stromübertragung und lässt beträchtliche Einsparungen zum Beispiel beim Einsatz von teuren Kupferkabeln zu. Hier hat ABB anerkanntermassen viel zu bieten. Darum setzt nun auch Mitsubishi im Geschäft mit Elektrifizierungsprodukten auf ABB. Die beiden haben am Dienstag die Gründung eines Joint-ventures angekündigt, an dem ABB 51 Prozent halten wird. (schweizheute.ch)

