Schweizer KMU werden immer öfter ins Ausland verkauft – das sind die Gründe
Die Schweizer Industriefirma hatte alles richtig gemacht. Ihre Komponenten waren bei grossen Konzernen nachgefragt, sie betrieb Standorte in Deutschland, China und den USA und sie hatte gerade erst einen neuen Hauptsitz bezogen. Ein Neubau, der dem Wachstumsbedarf der Firma entsprach, ausgelegt auf eine Belegschaft von 180 Personen. Diese Mitarbeiterzahl wurde nie erreicht.
Zwei Jahre nach dem Umzug vom bernischen Huttwil nach Zell im Kanton Luzern wurde die Firma Afag 2023 verkauft – und die neue amerikanische Eigentümerin kam nach wenigen Monaten zum Schluss, dass die Lohn- und Fixkosten in der Schweiz zu hoch seien. Von den damals 120 Mitarbeitenden wurden 90 entlassen, darunter auch Lernende.
Mehrere ähnliche Fälle hat die Arbeitnehmervertretung Angestellte Schweiz in den vergangenen Jahren begleitet. Die Wahrscheinlichkeit für Produktionsverlagerungen oder Schliessungen nach einer Übernahme sei typischerweise dann hoch, wenn verschiedene Werke im Konzern ähnliche Produkte herstellten und der Schweizer Standort primär als Kostenfaktor wahrgenommen werde, erklärt Sprecherin Laure Fasel.
Neue Regeln ab 2027
Solche Extrembeispiele wie in Zell sind selten. Doch Übernahmen von Schweizer KMU durch ausländische Käufer nehmen zu. Gemäss einer kürzlich erschienenen Studie des Unternehmensberaters Deloitte ist die Zahl der sogenannten Inbound-Transaktionen im vergangenen Jahr um 65 Prozent auf 104 gestiegen, gesamthaft wurden 157 Transaktionen gezählt.
Damit gingen 2025 zwei von drei verkauften Schweizer KMU an einen Käufer aus dem Ausland. Bei der Zahl der Inbound-Transaktionen handelt es sich um den höchsten Wert seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2013, wie Kristina Faddoul, Co-Autorin der Studie, auf Anfrage sagt. Investoren aus dem Ausland suchten in einem global unsicheren Umfeld gezielt «nach Stabilität, Innovationskraft und hoher Resilienz» – und fänden diese Anforderungen in der Schweiz.
Beim Schweizerischen Gewerbeverband (SGV) sieht man weitere Faktoren für die rekordhohe Zahl der Übernahmen: «Für Investoren ausserhalb Europas ist die Schweiz oft ein zentral gelegener Testmarkt für Europa und ideal, um das europäische Hauptquartier hier zu etablieren», sagt etwa Patrick Dümmler, Leiter Wirtschaftspolitik des SGV. «Nachvollziehbar» findet Angestellte Schweiz die Entwicklung, schliesslich seien Schweizer KMU für ausländische Käufer attraktiv.
Losgetreten durch die Übernahme des Basler Chemiekonzerns Syngenta durch ChemChina 2017 fand in den vergangenen Jahren eine breite politische Diskussion über den Ausverkauf der Heimat statt.
In einer 2018 eingereichten Motion forderten Ständeräte von SVP, Mitte und FDP eine Investitionskontrolle ausländischer Direktinvestitionen in Schweizer Unternehmen. Ein entsprechendes Investitionsprüfgesetz wurde vom Parlament im Dezember 2025 verabschiedet, in Kraft treten wird es voraussichtlich 2027. Davon betroffen sind Schweizer Unternehmen, die in einem besonders kritischen Bereich tätig sind, und die von staatlichen ausländischen Investoren übernommen werden sollen.
Gegen die ursprünglich vorgesehene Ausweitung der Regel auf private Investoren hatte sich der SGV gewehrt. Dies, da eine allgemeinere Regelung eine «erhebliche bürokratische Mehrbelastung» zur Folge gehabt hätte.
Schweizer Firmen kaufen auch im Ausland ein
Dass Schweizer Unternehmen attraktiv für ausländische Investoren seien, sei «grundsätzlich positiv» zu werten, so Patrick Dümmler vom Gewerbeverband. Mit einem «Ausverkauf der Heimat» habe dies nichts zu tun. Im Gegenteil: «So wie die Schweiz ein wichtiger Direktinvestor in wichtigen Märkten ist, so sind auch ausländische Unternehmen wichtige Investoren in der Schweiz.» Dass «Swissness» trotz ausländischer Inhaber möglich sei, zeige etwa Ovomaltine, deren Herstellerin Wander zu einem britischen Unternehmen gehöre.
Auch bei Angestellte Schweiz wird betont, dass nicht die Herkunft des Eigentümers entscheidend sei, sondern die Frage, wie verantwortungsvoll dieser mit Standorten, Mitarbeitenden und Ausbildungsplätzen umgehe. Zudem investierten Schweizer Unternehmen auch aktiv im Ausland. «Vor diesem Hintergrund sollte das Thema nicht als Einbahnstrasse verstanden werden», so Sprecherin Laure Fasel. Tatsächlich zeigt die Auswertung von Deloitte, dass Schweizer KMU in den vergangenen Jahren auch immer häufiger an Transaktionen im Ausland beteiligt waren.
Um die Dynamik hinter der Übernahme von Schweizer Unternehmen zu verstehen, müssen neben der Nachfrage- auch die Angebotsseite betrachtet werden, sagt Kristina Faddoul von Deloitte. So gebe es viele Unternehmer aus der Babyboomer-Generation, die eine Nachfolgelösung suchten. Auch Private-Equity-Fonds, oder Beteiligungsfirmen, seien an Käufen und Verkäufen interessiert. Denn diese stünden unter Druck:
Diese doppelte Dynamik werde die Zahl der Verkäufe von Schweizer KMU künftig weiter erhöhen, ist Faddoul überzeugt.
(aargauerzeitung.ch)

