Swissness-Pionier Kybun schiebt 40 Jobs nach Italien wegen On – die Erklärung irritiert
Kybun-Co-Chef Claudio Minder ist stolz darauf, dass viele seiner Gesundheitsschuhe in Sennwald SG gefertigt werden. Und er ist stolz auf seine illustren Kunden auf der ganzen Welt. Darunter sei auch der Kronprinz von Saudi-Arabien, Mohammed bin Salman, erklärte Minder am Dienstag vor den Medien. Dieser trägt zu offiziellen Empfängen weisse Sandalen aus der Ostschweiz.
Dass Minder den saudischen Autokraten und mutmasslichen Kriegsverbrecher als Vorzeigekunden präsentierte, war nur ein irritierendes Element eines ungewöhnlichen Auftritts. Der Schuh-Chef und Ex-Mister-Schweiz (2000) verkündete nämlich an der Pressekonferenz des Gewerbeverbands auch, dass er wegen der neuen Swissness-Regeln 40 Stellen von Sennwald nach Italien verlagert. Schliesslich könnte er nun auch diese Schuhe mit dem Schweizerkreuz bewerben.
Zur Erinnerung: Der Turnschuhgigant On hatte kürzlich erwirkt, dass er Schuhe aus Vietnam mit dem Schweizerkreuz schmücken darf. Zulässig ist das etwa in Kombination mit dem Hinweis «Swiss Engineering». On hatte dafür massiv beim Institut für Geistiges Eigentum lobbyiert («Schweiz heute» berichtete).
Zunächst ist es äusserst ungewöhnlich, dass ein Firmenchef wie Claudio Minder einen Verlagerungsentscheid an einem Verbandsanlass bekanntgibt. Bei Kybun sorgt noch ein weiterer Aspekt für Fragezeichen. Die Firma hat sich seit ihrer Gründung 2006 Swissness auf die Fahne geschrieben. Sie ist angetreten, die Schuhproduktion zurück in die Schweiz zu holen.
Jetzt gehört ausgerechnet dieser Swissness-Pionier zu den Ersten, der wegen des Streits ums Schweizerkreuz einen Teil ihrer Produktion verlagert. Das wirft die Frage auf, wie ernst es Kybun tatsächlich mit der Swissness ist. Das Bekenntnis erscheint zumindest wenig glaubwürdig, wenn Kybun nun auch auf das neue Schlupfloch verweist und verlagert. Ein Schlupfloch notabene, das Kybun selbst scharf kritisiert und eigentlich rückgängig machen möchte.
Minder sagt auf Nachfrage von «Schweiz heute», man könne «nicht in Schönheit sterben». «Der Markt wird von vermeintlichen Schweizer Schuhen aus dem Ausland geflutet. Da können wir preislich nicht mithalten.» Er geht davon aus, dass es drei bis vier Jahre dauert, bis Gerichte oder die Politik die Swissness-Regel wieder kippen könnten.
Es gibt weitere Fragezeichen. So betonte Minder, durch die neue Regel entfalle der «zentrale Grund» für eine Produktion in der Schweiz, weil auch italienische Schuhe nun als Swiss-made verkauft werden könnten. Gleichzeitig hielt der Manager fest, man wisse noch gar nicht, ob man die Italo-Schuhe überhaupt mit dem Kreuz versehen werde.
Man verlagert also ins Ausland, weil man dort günstiger produzieren und den Schuh weiterhin als Schweizer Produkt verkaufen kann. Doch ob man dieses entscheidende Label dann nutzt, lässt man offen. Es ist ein weiteres Puzzlestück in der Kybun-Argumentation, das nicht ganz passen will.
Kybun publiziert keine Geschäftszahlen. Wie es der Firma geht, ist deshalb nicht bekannt. Klar ist, dass neben der neuen Swissness-Regel auch der zunehmende Kostendruck eine Rolle spielt. Im italienischen Werk kostet die Produktion eines Schuhs ein Drittel weniger als in der Schweiz. Minder sagte diese Woche, man könne in Italien «einfacher, schneller und vor allem kostengünstiger produzieren». Seine Militärstiefel will Kybun künftig gar in Indonesien fertigen.
Ob nun tatsächlich die Swissness-Regel oder vielmehr die Kosten den Ausschlag gegeben haben? Vielleicht war es eine Kombination. Für das Image von Kybun als Swissness-Pionier war Minders Auftritt jedenfalls wenig förderlich. Grosser Sieger war der Gewerbeverband: Ihm lieferte der Kybun-Chef die bestmögliche Schlagzeile für seine Pressekonferenz. (schweizheute.ch)
