Wirtschaft
Schweiz

«Die Schweiz kann Marktleader bei den phontonischen Chips werden»

Andreas Völker CCRAFT
Interview

«Die Schweiz kann Marktleader bei den photonischen Chips werden»

Bei KI-Basismodellen und Rechenleistung ist der Zug für die Schweiz abgefahren. Aber bei der Herstellung photonischer Chips bieten sich Chancen wie einst bei der Pharma. Das sagt Andreas Völker, Co-Gründer des Startups CCRAFT.
19.07.2026, 10:5419.07.2026, 10:54

Ich muss etwas machen, was im Journalismus eigentlich verpönt ist. Ich muss Ihnen eine Recherchier-Frage stellen. Also: Was bitte ist ein photonischer Chip?
Ein photonischer Chip ist das Pendant zu einem klassischen Chip, aber anstatt Elektronen fliesst Licht. Alles andere ist sehr ähnlich.

Und was ist der Vorteil dieser Chips? Sind sie billiger oder schneller?
Sie haben andere Anwendungsfelder. Sie werden vor allem dazu benutzt, Daten abzuschicken und wieder einzufangen. Sie übersetzen das elektronische Signal ins Optische. Je mehr Datencenter es gibt, desto mehr werden diese Chips gebraucht.

«Wir bewegen uns in einer neuen Technologie, in der die Pfründe noch nicht vergeben sind.»

Sie wollen «die Schweiz an die Spitze einer der wichtigsten Schlüsseltechnologien der digitalen Wirtschaft führen», wie Sie in einer Medienmitteilung schreiben. Ein ehrgeiziges Ziel. Wie wollen Sie es erreichen?
Wir bewegen uns in einer neuen Technologie, wo die Pfründe noch nicht vergeben sind. Die elektronischen Chips werden hauptsächlich in Asien hergestellt. Dort können sie günstig produziert werden und es gibt auch ein grosses Netz von Zulieferern. Das zu replizieren, ist sehr schwer. Die Produktion von photonischen Chips dominiert noch niemand in der Welt. Das gilt insbesondere für die speziellen TFLN-Chips, die CCRAFT herstellt. Deshalb haben wir auch die Chance, uns als Leader in diesem Markt zu positionieren. Wir können die Infrastruktur aufbauen und die ganze Zuliefererkette und danach diese Stellung auch verteidigen. Das ist das Ziel.

Sie stehen somit nicht in Konkurrenz mit der legendären Chip-Fabrik TSMC in Taiwan oder ASML, dem holländischen Hersteller von Lithografiesystemen?
Nein, diese werden noch lange für die KI-Chips von Nvidia etc. führend sein. Aber die optischen Chips rücken immer näher an die Computer ran. Sie können auch für Quantencomputer verwendet werden.

Mit dem Quantencomputer ist das so eine Sache. Zyniker behaupten, das sei eine Technologie der Zukunft – und werde es immer bleiben.
Als Physiker bin ich der Meinung, dass wir näher an einem Quantencomputer sind als an einem Fusionsreaktor. Aber ja, das wird noch Jahre brauchen, und die photonischen Chips sind ein Baustein, der uns hilft, näher ranzukommen.

Datacenter
Verbrauchen sehr viel Energie: Datacenter.Bild: Shutterstock

Wo werden sie heute schon gebraucht?
In Datacentern, und die Betreiber dieser Center sind heilfroh, wenn wir bessere Chips schneller liefern können.

In den USA werden Hunderte von Milliarden Dollar für die Entwicklung von KI ausgegeben. Wie kann da ein Schweizer Start-up mithalten? Ist das nicht wie die Juniorenmannschaft des FC Wiedikon gegen den FC Barcelona?
Wir treten ja nicht an, um Microsoft, Google & Co. zu ersetzen. Wir möchten diese gerne beliefern. Zum Glück sind wir mit unseren photonischen Chips vorne mit dabei. Und sie werden noch viel schneller gebraucht, als wir gedacht haben.

Weshalb?
Weil sie deutlich weniger Energie verbrauchen. Wir wollen nicht die Tech-Giganten konkurrieren, wir wollen vom gegenwärtigen KI-Boom mitprofitieren. Deshalb ist der aktuelle Investitionsboom in die KI für uns etwas Positives.

Sie werden also von den «glorreichen Sieben», wie die Tech-Giganten auch genannt werden, nicht plattgewalzt?
Nein, aber unser Problem liegt eher darin, dass europäische Start-ups sich schwerer darin tun, Kapital aufzunehmen. Der Kapitalmarkt ist nicht der gleiche wie in den USA. Das ist eine Herausforderung.

«Vor zwei Jahren ist die Nachfrage geradezu explodiert.»

Wollen Sie ein kleiner, aber feiner Nischenanbieter bleiben, oder haben Sie ambitioniertere Ziele?
Im Halbleitermarkt werden Hunderte von Milliarden Dollar umgesetzt. Der Anteil der photonischen Chips liegt zwar aktuell bei etwas mehr als einem Prozent, aber der Markt wächst sehr schnell. Vor zwei Jahren ist die Nachfrage geradezu explodiert. Das Telefon hörte nicht mehr auf zu klingen und es hiess: Liefert, möglichst gestern.

Wie sieht es derzeit aus?
Es gibt jedoch noch nicht sehr viele Anbieter. Das bietet uns die Chance, uns zu positionieren. Dazu brauchen wir heute noch nicht riesige Produktionsanlagen. Aber wir haben das Know-how. Wir brauchen nur den Mut, die Anlagen hinzustellen und mit dem Markt mitzuwachsen.

Von wie vielen Mitarbeitern sprechen wir da konkret?
In den nächsten drei Jahren sollten es mehrere Hundert sein, langfristig Tausend und mehr. Das wird dann nicht nur CCRAFT alleine sein. In der Schweiz bietet sich die Gelegenheit, sich als Anbieter von photonischen Chips zu platzieren.

Bisher hat sich die Schweiz eher einen Ruf bei der Robotik geschaffen.
Roboter kann man als Produkt sehen, das ist einfacher für den Menschen zu erfassen als ein Chip, der in einem Rechenzentrum verbaut ist. Unsere Industrie ist auch noch nicht so gross wie die Robotik. Aber im internationalen Vergleich sind wir sehr stark aufgestellt – und nochmals: Wir wachsen sehr schnell.

U.S. President Donald Trump talks to CEO of OpenAI Sam Altman as they participate in a meeting with leaders during the G7 summit, Wednesday, June 17, 2026, in Evian-les-Bains, France. (AP Photo/Julia  ...
Bietet der Regierung eine Beteiligung an OpenAI an: Sam Altman.Bild: keystone

Im Tech-Bereich wird der Staat immer wichtiger. In China sowieso, aber auch in den USA hat der Staat eine Beteiligung an Intel, und Sam Altman bietet neuerdings der Trump-Regierung eine Beteiligung an OpenAI an. Sollten wir uns in der Schweiz diesem Trend anschliessen?
Natürlich freut sich jede Firma, wenn sie vom Staat unterstützt wird. Besser für alle ist es jedoch, wenn die staatliche Industrieförderung keine dominante Rolle einnimmt. Wir sind aber dankbar, dass wir die ETH, die EPFL und andere ausgezeichnete akademische Institute haben. Wir profitieren davon, dass die Schweiz stark in Forschung investiert.

Ronald Reagan sagte ja einst: Die neun gefährlichsten Worte lauten: Ich bin vom Staat und will dir helfen. Trifft das heute so noch zu?
Wir profitieren vom CSEM, einem halbstaatlichen Schweizer Technologie-Innovationszentrum. Ich persönlich wünsche mir jedoch nicht, dass die Industrieförderung über die Forschung hinausgeht. Das konservativ-liberale Modell der Schweiz ist mir lieber. Man könnte aber durchaus noch staatliche Anreize schaffen, damit noch stärker in heimische Technologiefirmen investiert wird.

Der Krieg sei der Vater aller Dinge, hat der griechische Philosoph Heraklit einst gesagt. Welche Rolle spielt das Militär bei Ihnen?
Unsere Chips sind geeignet für die Kommunikation. Das gilt natürlich auch für die militärische Kommunikation. Die Chips selbst sind keine militärischen Güter, sie sind allenfalls sogenannte Dual-Use-Güter, wie so viele andere Schweizer Produkte auch. Eine besondere Verbindung zur Rüstungsindustrie haben wir nicht.

«Der Anteil der Expats ist tatsächlich hoch, doch die allermeisten haben an der ETH oder der EPFL studiert.»

Immigranten spielen in der Tech-Industrie eine grosse Rolle. Im Silicon Valley sind rund 70 Prozent der Ingenieure Nicht-Amerikaner. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Der Nationenmix unserer Mitarbeitenden ist ein Spiegelbild der Doktorierenden an den technischen Universitäten der Schweiz. Der Anteil der Expats ist tatsächlich hoch, doch die allermeisten haben an der ETH oder der EPFL studiert und wurden somit in der Schweiz ausgebildet. Sie kennen das Land, das akademische Umfeld und die Arbeitskultur bereits bestens. Das erleichtert den Einstieg in unser Unternehmen erheblich. Und glücklicherweise finden wir diese Talente auch heute noch. Das war ein wesentlicher Grund für unseren Entscheid, in der Schweiz zu bleiben. Hinzu kommt, dass wir hier auch die Spezialisten für Mikrofertigung finden – etwa mit Erfahrung aus der Uhrenindustrie – und die Rahmenbedingungen insgesamt stimmen.

Werden Ihnen diese Spezialisten nicht mit weit höheren Löhnen abspenstig gemacht?
Wir zahlen ebenfalls gute Löhne, nicht so gut wie etwa in den USA, aber gut. Zudem wissen unsere Mitarbeiter auch, was sie an der Schweiz haben. Die Kosten für die Ausbildung ihrer Kinder sind viel tiefer als etwa in den USA, das politische System ist sehr viel stabiler.

Kommen deshalb gar Amerikaner zu Ihnen?
US-Amerikaner sind die Ausnahme, aber Süd- und Mittelamerikaner schon. Einige von ihnen suchen angesichts des veränderten politischen Klimas in den USA bewusst nach einem stabileren Umfeld für Forschung und Innovation.

«KI kann keine Chips herstellen.»

Erstaunlicherweise wächst vor allem bei jüngeren Menschen die Abneigung gegen KI. Vor allem Software-Ingenieure haben das Gefühl, dass sie daran arbeiten, sich selbst überflüssig zu machen. Spüren Sie diese Abneigung ebenfalls?
Nein, wir machen ja Hardware, und KI kann eher Dienstleistungen ersetzen. Chips herstellen kann sie nicht, sie kann uns allenfalls dabei helfen, sie besser zu machen. Ob KI langfristig eine Bedrohung ist, das ist eine philosophische Frage. Ich habe da eine Meinung …

… und die lautet?
Die Erfahrung zeigt, dass jede neue Technologie zunächst Befürchtungen geweckt, sich langfristig jedoch segensreich entwickelt hat. Der Mensch hat sich arrangiert und notfalls Gesetze erlassen, um sie sicher zu machen. Ein Auto beispielsweise ist heute sehr viel sicherer als vor 100 Jahren. Deshalb glaube ich, dass wir auch lernen, mit der KI vernünftig umzugehen.

Bei der KI geht es rasend schnell. Wie wird Ihre Firma in fünf Jahren aussehen?
Ich hoffe, dass wir unseren Platz als Lieferant für die Data-Industrie festigen können, dass sich in der Schweiz eine Industrie darum entwickelt, und dass wir diese Industrie – wie die Pharmaindustrie – hier behalten können.

Der KI-Zug ist somit noch nicht abgefahren?
Der KI-Zug schon. Da können wir die Amerikaner nicht mehr einholen. Aber bei den photonischen Chips haben wir eine wunderbare Gelegenheit, denn dieses Thema dominiert heute keiner. Wir sind gut aufgestellt, deshalb gilt es, diese Gelegenheit beim Schopf zu fassen.

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Die beliebtesten Kommentare
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Gratwanderer
19.07.2026 11:35registriert September 2014
Mir kommt bei dem Artikel zu einer wichtigen Schlüsseltechnologie die Vorteile der neuen Technologie nicht vor. Darum hier nachgereicht; Photonische Chips;
- Deutlich höhere Geschwindigkeit (Licht ist schneller als Elektronen).
- Geringere Wärmeentwicklung (kein elektrischer Widerstand).
- Geringere Signalverluste über lange Distanzen.
- Parallelverarbeitung möglich, da Lichtsignale sich nicht gegenseitig stören (im Gegensatz zu elektrischen Signalen)
-und das Wichtigste für die Gemeinschaft; deutlich weniger Energieverbrauch !
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Nummy33
19.07.2026 12:09registriert April 2022
Zweifel ist doch bei den Chips schon Marktleader oder etwa nicht?
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Konklave
19.07.2026 11:28registriert März 2024
Der grosse CH-Kapitalmarkt sollte endlich mehr Kapital in der Schweiz selbst anlegen, anstatt das Geld in US-Firmen zu stecken (Doppelzonk), damit Schweizer Startups auch hier bleiben.
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