Besser, wenn keine Aliens kommen – wir sind auf einen Kontakt nicht vorbereitet
Das Weltall ist unermesslich gross. Nur schon in unserer Heimatgalaxie, der Milchstrasse, gibt es schätzungsweise 100 bis 400 Milliarden Sterne und eine noch grössere Anzahl Planeten. Die Zahl der Galaxien im sichtbaren Universum wiederum wird auf etwa zwei Billionen geschätzt. Angesichts dieser Zahlen scheint die Annahme vermessen, wir seien die einzigen im Weltraum.
Gleichwohl haben wir bisher noch keine Aliens gefunden – oder sie uns. Oder falls doch, dann wissen wir nichts davon. Ohnehin dürfte ein erster Kontakt mit fremdem Leben kaum so ablaufen, dass plötzlich ein gigantisches Alien-Raumschiff über New York erscheint – ein Szenario, wie es in Science-Fiction-Blockbustern gern ausgebreitet wird. Viel eher könnte es sein, dass wir unscheinbare ausserirdische Mikroorganismen im Ozean unter der Eishülle des Saturnmondes Enceladus finden.
Oder noch unscheinbarer: eine Unregelmässigkeit in einem Datensatz. So bereits geschehen im Jahr 1977, als das «Big Ear»-Teleskop der Ohio State University das berühmte «Wow!»-Signal auffing. Es dauerte 72 Sekunden und schien aus dem Sternbild Schütze zu kommen. Das Signal gilt nach wie vor als meistversprechender Anwärter für eine ausserirdische Botschaft, es wurde jedoch nie wiederholt. Es konnte nie geklärt werden, um welche Anomalie es sich handelte.
Oder wir bekommen es zu tun mit einem interstellaren Objekt wie 3I/ATLAS, das im Sommer 2025 aus den Tiefen des Alls auftauchte und auf einer stark hyperbolischen Bahn durch unser Sonnensystem raste, bevor es wieder verschwand. 3I/ATLAS, erst das dritte als interstellar klassifizierte Objekt, war ein Komet aus einem anderen Sonnensystem. Doch was, wenn es sich um eine ausserirdische Raumsonde gehandelt hätte?
Zwei Jahre für ein Gremium
Diese Frage hatte der Astrophysiker Avi Loeb bei der Sichtung des Objekts aufgeworfen, wie das BBC-Wissensmagazin Science Focus berichtet. Der Harvard-Professor publizierte ein spekulatives Papier, in dem er die These vertrat, 3I/ATLAS sei aufgrund seiner Bewegungen nicht natürlichen Ursprungs. «Ich habe tatsächlich versucht, mich an die Uno zu wenden», sagt Loeb heute. «Und ich erhielt eine sehr verhaltene Reaktion. Ich habe versucht, eine Art Ausschuss ins Leben zu rufen, um ein Protokoll dafür zu erstellen, wie wir auf ein interstellares Objekt reagieren sollten.» Dort verwies man ihn an eine andere Stelle, erzählt er: «Sie sagten: ‹Nun, vielleicht muss die Internationale Astronomische Union [IAU] das tun.› Also wandte ich mich an die IAU, und dort hiess es: ‹Nun, es würde zwei Jahre dauern, einen Ausschuss einzurichten.›» Der bürokratische Reflex herrscht anscheinend auch bei den Astronomen vor.
Loeb hat 2021 das Galileo-Projekt gegründet, das er auch leitet. Das gemeinnützige Projekt sucht mit bestehenden und neuen Teleskopen systematisch nach Artefakten in der Erdumlaufbahn, interstellaren Objekten und unbekannten Flugobjekten – also nach ausserirdischer technologischer Ausrüstung, die als Technosignatur gelten kann. Technosignaturen gelten als Nachweis für vergangene oder gegenwärtige Technologie und signalisieren damit – analog zu Biosignaturen – das Vorhandensein von Leben. Es könnte sich beispielsweise um Laserimpulse, Hinweise auf Megastrukturen oder industrielle Umweltverschmutzung im All handeln
Die SETI-Richtlinien
Schon viel länger, seit den 1960er-Jahren, lauscht die Menschheit auf Funksignale aus dem All, was ja auch zur Entdeckung des Wow!-Signals geführt hat. Seit 1984 existiert zudem das SETI-Institut (SETI steht für «Search for Extraterrestrial Intelligence»), eine gemeinnützige Forschungsorganisation, die mittels Radioteleskopen Funksignale aufzuspüren versucht. Schon 1989 erstellten Wissenschaftler die sogenannten SETI-Protokolle. Es handelt sich um unverbindliche Leitlinien, die festlegen, wie die internationale Wissenschaftsgemeinschaft auf die Entdeckung von Ausserirdischen reagieren sollte.
Sie verlangen zunächst, dass sich keine irdische Erklärung für ein mögliches ausserirdisches Signal finden lässt. Überdies sollte das Signal von mehr als einer Forschungseinrichtung aufgezeichnet werden. Und wenn sich dann bestätigt, dass tatsächlich eine Nachricht von Aliens vorliegt, ist die Uno zu informieren.
Diese Richtlinien wurden kürzlich aktualisiert und von der Internationalen Akademie für Astronautik gebilligt. Die Überarbeitung soll der seit 1989 stark veränderten Welt Rechnung tragen; insbesondere der massiven Beschleunigung der Nachrichtentechnologie. Denn heute könnte eine Entdeckung von Aliens – aber auch ein Fehlalarm – dank Internet, sozialen Medien und künstlicher Intelligenz weltweit Schlagzeilen machen, bevor die Astronomen sie überhaupt überprüfen könnten.
«Wie kopflose Hühner»
Damit die Wissenschaftsgemeinde im Fall einer Entdeckung von Aliens oder gar einer ausserirdischen Kontaktaufnahme besser vorbereitet ist, wurde 2022 der SETI Post-Detection Hub an der University of St Andrews in Schottland eingerichtet, der eine dauerhafte Anlaufstelle für den Umgang mit solchen Fragen darstellt. Das internationale Forschungsteam besteht aus Fachleuten aus Astronomie, Sozialwissenschaften, Recht, Ethik und Wissenschaftskommunikation.
«Wir können es uns nicht leisten, schlecht vorbereitet zu sein auf ein Ereignis, das jederzeit eintreten könnte», sagte der Koordinator der Forschergruppe, John Elliott, damals dem Guardian. «Schauen Sie sich das Chaos an, das wir angerichtet haben, als Covid zuschlug. Wir wären wie kopflose Hühner.» Allerdings wies der Astrobiologe Lewis Dartnell von der University of Westminster in London im selben «Guardian»-Artikel darauf hin, dass die Menschheit nicht unter Zeitdruck stehen würde, wenn sie eine solche mögliche Nachricht von Ausserirdischen beantworten möchte. Die intelligente Zivilisation, die uns diese Botschaft geschickt hätte, wäre wohl Hunderte, wenn nicht Tausende Lichtjahre entfernt.
Keine eigenmächtigen Antworten
«Selbst wenn wir morgen ein Signal empfangen, hätten wir jede Menge Zeit, ein internationales Team verschiedener Experten zusammenzustellen, um die Nachricht zu entschlüsseln und zu überlegen, wie und ob die Erde antworten sollte», sagte Dartnell dem Guardian. Tatsächlich benötigen selbst Nachrichten an unsere unmittelbare galaktische Nachbarschaft Jahre oder Jahrzehnte. METI International, eine Organisation, die gezielt Nachrichten an nahegelegene Sterne verschickt – übrigens eine umstrittene Praxis –, sandte im Jahr 2017 eine Botschaft an Luytens Stern. Sie ist immer noch unterwegs; sie benötigt etwas mehr als 12 Jahre, bis sie dort ankommt. Eine umgehende Antwort würde nochmals 12 Jahre brauchen.
Wichtiger sei ohnehin die Frage, erklärte Dartnell, wie verhindert werden kann, dass private Unternehmen oder Einzelpersonen eigenmächtig auf eine ausserirdische Nachricht antworten – «noch bevor ein Konsens darüber erzielt wurde, ob eine Reaktion überhaupt sicher ist und welche gemeinsame Botschaft wir als ein Planet vermitteln möchten». Science-Fiction-Fans dürften sich an die Netflix-Serie 3 Body Problem erinnert fühlen.
Michael Garrett war als Vorsitzender des SETI-Ausschusses der Internationalen Akademie für Astronautik an der Aktualisierung der SETI-Protokolle beteiligt. Der Direktor des Jodrell-Bank-Zentrums für Astrophysik an der Universität Manchester sagte Science Focus von BBC, dass sich die wissenschaftlichen Institutionen bei einer überprüften und bestätigten Beobachtung eines ausserirdischen Signals an eine internationale Organisation wie die Uno wenden sollten. Niemand sollte das Recht haben, auf ein Signal zu reagieren – jede Reaktion sollte das Ergebnis einer internationalen Koordinierung sein.
Unlängst räumte Garrett in einem Interview mit dem Spiegel jedoch ein, dass es während des langwierigen Prozesses der Überprüfung eines möglichen Alien-Signals «zwangsläufig zu Informationslecks kommen» würde. «Man kann nichts geheim halten bei so vielen Beteiligten, aber man kann sicherlich versuchen, sich absolut sicher zu sein, bevor man etwas bekannt gibt.»
Erschüttertes Selbstverständnis
Wie die Menschen auf die Nachricht reagieren würden, dass wir nicht allein im Weltall sind, dürfte auch davon abhängen, auf welche Weise wir zu dieser Erkenntnis gelangt wären: Die Entdeckung eines Signals, das auf die Existenz einer weit entfernten technischen Zivilisation hinweisen würde, wäre etwas anderes als ein Signal, das eine Botschaft enthalten würde – und nochmal etwas ganz anderes als der Besuch einer Raumsonde oder gar eines bemannten Raumschiffs. Auf jeden Fall wäre es ein historischer Moment, der unser Selbstverständnis wohl erschüttern würde – wie damals, als Kopernikus der Welt verkündete, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums sei.
Im ersten Fall – der Entdeckung einer Technosignatur – würden wohl Neugier und Freude überwiegen. Vermutlich würden wir aber das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen und Reaktionen erleben. «Es wird Menschen geben, die wirklich begeistert sind», sagt Andreas Schwarz dem «Science Focus». Der Forscher im Bereich Krisenkommunikation an der Technischen Universität Ilmenau in Thüringen untersucht, wie über ernsthafte SETI-Forschung und spekulative UFO-Geschichten berichtet wird und wie sich Informationen in den sozialen Medien verbreiten. «Es wird Menschen geben, die sehr neugierig sind», stellt Schwarz fest. «Es wird Menschen geben, denen es egal ist. Und es wird auch Menschen geben, die Angst haben.»
«Ultimatives Blind-Date»
Im Falle einer an die Menschheit gerichteten Botschaft wäre wahrscheinlich der Inhalt dieser Botschaft entscheidend. Und im Fall eines Besuchs von Ausserirdischen deren Intention. Avi Loeb vergleicht es mit dem «ultimativen Blind Date»: Der Erfolg hänge wesentlich vom Date-Partner ab. «Das Erste, worüber wir uns sofort Gedanken machen werden, ist die Bedrohung, das Ausmass des Risikos, denn es geht schliesslich ums Überleben, oder?», sagt Loeb. «Wenn man also zu einem Blind Date geht, möchte man sicher sein, dass die andere Person kein Serienmörder ist.» Stephen Hawking, der berühmte britische Astrophysiker, hatte dazu eine klare Meinung: «Wenn uns jemals Aliens besuchen, dürfte das Ergebnis in etwa so sein, wie bei der Ankunft von Christoph Kolumbus in Amerika. Und das ist für die amerikanischen Ureinwohner nicht gut ausgegangen.»
Ein Besuch ist allerdings angesichts der Distanzen im Kosmos erheblich unwahrscheinlicher als die Entdeckung eines Radiosignals. Und falls tatsächlich ein ausserirdisches Raumschiff auftauchen würde, wäre es aus demselben Grund vermutlich nicht von biologischen Wesen bemannt, sondern von Robotern mit künstlicher Intelligenz. Wie auch immer: Die ausserirdische Zivilisation, die den Weg zu uns schaffen würde, wäre uns technologisch auf jeden Fall weit überlegen. Es wäre daher absurd zu glauben, wir könnten irgendetwas gegen sie unternehmen. «Es gibt keine Technologie, die sie nicht bereits beherrschen würden. Deshalb möchte ich Regierungen und Militärs dazu ermutigen, dies zu begreifen», sagt SETI-Chef Bill Diamond. «Sie werden mit allem fertig werden, was wir ihnen entgegenwerfen, um ihnen Schaden zuzufügen. Bitte verschwendet eure Zeit und eure Ressourcen nicht damit.»
Noch haben wir keine ausserirdischen Signale empfangen, die zweifelsfrei von Aliens stammen. Und trotz aller UFO-Sichtungen dürften wir auch noch keinen Besuch aus dem Weltall bekommen haben. Doch für manche Astronomen ist die Entdeckung ausserirdischen Lebens keine Frage des «Ob», sondern des «Wann». Diamond ist jedenfalls überzeugt davon, wie er gegenüber «Science Focus» bekennt: «Ich glaube, es gibt nicht nur ein wachsendes Interesse, sondern auch eine zunehmende Erkenntnis, dass die Entdeckung von Leben jenseits unseres Sonnensystems – sei es einfach und mikrobiell oder hochentwickelt und intelligent – vielleicht gar nicht mehr so weit in der Zukunft liegt.»
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