Diese Kinder wuchsen mit weniger Zucker auf – Jahrzehnte später zeigen sich Vorteile
Januar 1940: Europa steht im Krieg. Deutsche U-Boote greifen britische Schiffe an, die das Land mit Lebensmitteln versorgen. Grundnahrungsmittel wie Butter und Zucker werden knapp. Die britische Regierung beginnt zu rationieren.
Von nun an bestimmt Winston Churchill, wie viel Zucker in britischen Küchen und Bäuchen landet: 40g pro Tag.
Seine Regierung machte aus der Karotte kurzerhand eine Kriegsheldin. Wer Karotten mampfte, gewinnt den Krieg, so die Botschaft. Selbst die nächtlichen Erfolge der Royal Air Force führte die Regierungspropaganda auf das Gemüse zurück. Die Kinder sehnten sich nach Süssigkeiten und mussten sich stattdessen mit sogenannten «Karotten-Lollis» begnügen.
Die Einschränkung dauerte bis September 1953. Mehr als 70 Jahre später wird sie zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung: Was bleibt von einer Zuckerrationierung, wenn sie längst Geschichte ist?
Weniger süsse Zungen
Für die Studie, die im Fachjournal PNAS erschienen ist, haben die Forschenden Gesundheitsdaten von fast 65'000 Menschen untersucht, die zwischen 1951 und 1956 in Grossbritannien geboren wurden. Sie verglichen deren Gesundheitszustand im Erwachsenenalter mit dem von Menschen, die unmittelbar nach dem Ende der Zuckerrationierung zur Welt kamen. Denn durch die Beschränkung verdoppelte sich der Zuckerkonsum rasch.
Die Ergebnisse: Menschen, die in den ersten Lebensjahren weniger Zucker konsumierten, hatten später ein geringeres Risiko für bestimmte Krebsarten. Genauer: Ihr Risiko, im Erwachsenenalter an Leberkrebs zu erkranken, war um 69 Prozent niedriger. Bei Prostatakrebs lag es 52 Prozent, bei Lungenkrebs 41 Prozent, bei Darmkrebs 40 Prozent und bei Brustkrebs 36 Prozent niedriger.
Auch beim biologischen Alter fanden die Forschenden Hinweise auf einen Unterschied. Die Menschen, die von der Rationierung betroffen waren, haben tendenziell längere Telomere. Sie sitzen an den Enden unserer Chromosomen – wie kleine Schutzkappen, die unser Erbgut vor Schäden bewahren. Mit jedem Lebensjahr werden diese Kappen ein Stück kürzer.
Wie kann eine Ernährung, die Jahrzehnte zurückliegt, noch heute Spuren im biologischen Alter hinterlassen? Die Autoren sehen dafür zwei mögliche Mechanismen:
1: Es gibt möglicherweise biologische Langzeiteffekte
Einen der möglichen Gründe sehen die Forschenden in der biologischen Prägung: «Die rationierten Bevölkerungsgruppen konsumieren auch fünf Jahrzehnte nach dem Ende der Lebensmittelrationierung weniger Zucker, essen kleinere Mengen an Nahrungsmitteln und ernähren sich gesünder und abwechslungsreicher», schreiben die Forscher in ihrer Studie.
2: Der Geschmack wird offenbar früh geprägt
Der andere mögliche Grund ist verhaltensbedingt: «Der Süssegrad, dem Menschen schon sehr früh im Leben ausgesetzt sind, kann ihre Geschmacksvorlieben über lange Zeit prägen.»
Obwohl es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, sehen die Forschenden in der Zuckerrationierung ein natürliches Experiment und sehen darin Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang. Trotzdem lässt sich nicht ausschliessen, dass sich mit dem Ende der Rationierung auch andere Lebensumstände verändert haben.
