«Wir essen bewusster als früher, aber oft ungesünder»
Frau Brombach, viele streben einen gesünderen Lebensstil an. Essen wir in der Schweiz tatsächlich gesünder als früher?
Teilweise. Wir essen mehr Obst und weniger gesättigte Fette, aber auch mehr hochverarbeitete Produkte. Insgesamt ist das Bild widersprüchlich.
Sind wir zu bequem – oder fehlt es an Wissen über Inhaltsstoffe?
Wir essen zwar bewusster, aber gleichzeitig auch bequemer. Hochverarbeitete Produkte sind schnell verfügbar, lange haltbar, und werden stark beworben. Sie sind oft hyperschmackhaft und fördern so übermässigen Konsum. Es ist das typische «Chipstüte-leer-essen-Symptom». Unser Gehirn giert danach, weil beim Konsum Dopamin ausgeschüttet wird.
Welche Ernährungstrends dominieren derzeit?
Pflanzenbasierte Ernährung und proteinreiche Produkte zählen zu den gefragtesten Trends. Gleichzeitig rückt die Darmgesundheit stärker in den Fokus. Fermentierte Lebensmittel wie Sauerteigbrot, Kimchi oder Sauerkraut werden immer beliebter. Auch die Zuckerreduktion ist beliebt.
Ist pflanzliche Ernährung also keine Trenderscheinung, sondern weiterhin beliebt?
Ja, allerdings in einer flexibleren Form: Statt streng vegan zu leben, entscheiden sich immer mehr Menschen dafür, bewusster und insgesamt weniger Fleisch zu konsumieren.
Konsumieren wir auch weniger Zucker?
Leicht weniger, aber oft wird Zucker durch andere Stoffe ersetzt. Viele Produkte enthalten heute statt klassischen Zuckers vermehrt Süssstoffe oder sogenannte versteckte Zucker, die unter verschiedenen Bezeichnungen in Lebensmitteln vorkommen. Dazu gehören zum Beispiel Glukose-Fruktose-Sirup, Dextrose oder Maltose.
Ist das besser?
Nicht unbedingt. Zwar liefern Süssstoffe kaum Kalorien und können helfen, den direkten Zuckerkonsum zu senken. Allerdings gewöhnen sich viele Menschen an einen stark süssen Geschmack. Zudem ist die langfristige Wirkung von häufigem Süssstoffkonsum noch nicht vollständig geklärt. Bei sogenannten versteckten Zuckern bleibt das Problem bestehen, dass insgesamt oft mehr Zucker konsumiert wird, als es auf den ersten Blick scheint.
Was halten Sie vom Protein-Boom? Braucht es so viele neue Protein-Lebensmittel?
Der Hype um Proteinprodukte suggeriert einen Mangel, den es für die meisten gar nicht gibt. Und hier gilt eigentlich: Food first, also echte Lebensmittel statt angereicherter Produkte. Zudem enthalten viele Proteinriegel zusätzlich Zucker und Fett.
Wie beurteilen Sie neue Proteinquellen wie Insekten, Algen?
Algen und Lupinen haben Potenzial, weil sie eine gute Nährstoffquelle darstellen und vergleichsweise umweltfreundlich produziert werden können. Sie liefern hochwertiges Eiweiss, benötigen wenig Wasser und Fläche und haben oft eine bessere Klimabilanz als tierische Produkte. Insekten bleiben hingegen vorerst eine Nische, weil sie oft als ungewohnt gelten und bei vielen Menschen eine gewisse Hemmschwelle besteht, etwa durch Ekel. Zudem sind Produktion, Verarbeitung und gesetzliche Rahmenbedingungen in Europa begrenzt.
Warum steht die Darmgesundheit plötzlich im Fokus? Neue Forschung rückt die Bedeutung des Darms für Gesundheit und Wohlbefinden stärker in den Mittelpunkt. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen dem Mikrobiom und verschiedenen Prozessen im Körper, etwa der Verdauung oder dem Immunsystem.
Geht der Hype zu weit?
Teilweise ja. Viele der aktuellen Versprechen gehen über die vorhandene wissenschaftliche Evidenz hinaus. Für einige Ansätze – etwa eine stark personalisierte Ernährung auf Basis von Genanalysen oder des individuellen Mikrobioms – gibt es noch keine ausreichend gesicherte wissenschaftliche Grundlage.
Nahrungsergänzungsmittel sind weit verbreitet – sind sie überhaupt notwendig?
Gesunde Menschen müssen in der Regel keine Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, vorausgesetzt, sie ernähren sich ausgewogen und abwechslungsreich. Die meisten Vitamine und Mineralstoffe lassen sich über die normale Ernährung ausreichend aufnehmen. Es gibt jedoch Ausnahmen, etwa Vitamin D bei wenig Sonnenlicht oder Vitamin B12 bei einer veganen Ernährung.
Gibt es weitere Trends, die überbewertet werden?
Superfoods sind oft mehr Marketing als Mehrwert, denn heimische Lebensmittel können ernährungsphysiologisch problemlos mithalten. Überschätzt werden auch Smoothies: Oft liefern sie grosse Mengen Zucker und sättigen schlechter als ganze Früchte.
Wie sieht es mit Clean Eating aus, der Ernährungsweise mit naturbelassenen, unverarbeiteten Lebensmitteln?
Clean Eating klingt gesund, kann aber durch rigide Regeln und moralisches Denken problematische ungesunde Essmuster fördern.
Und pflanzliche Ersatzprodukte?
Diese sind nicht automatisch gesünder – viele sind stark verarbeitet und enthalten viel Salz, Fett, Zucker oder Zusatzstoffe.
Was ist mit Detox-Kuren?
Sie versprechen Entgiftung, doch wissenschaftlich ist klar: Der Körper entgiftet sich selbst. Schlacken gibt es nicht.
Wie beurteilen Sie laktosefreie Produkte?
Diese sind für die meisten Menschen unnötig, wenn sie keine nachgewiesene Laktoseintoleranz haben. Teilweise sind sie auch teurer und nährstoffärmer.
Warum lassen wir uns so leicht von neuen Ernährungstrends überzeugen?
Viele neue Ernährungskonzepte wirken attraktiv, weil sie einfache und scheinbar klare Lösungen versprechen. Sie vermitteln das Gefühl von Kontrolle über die eigene Gesundheit und bieten zugleich Orientierung in einer komplexen Ernährungswelt. Zudem stiften sie Identität und Zugehörigkeit, etwa über gemeinsame Werte oder Lebensstile. Eine grosse Rolle spielen auch soziale Medien: Trends verbreiten sich dort oft schneller als wissenschaftliche Erkenntnisse.
Spielt auch Marketing eine Rolle?
Ja, Marketing hat einen grossen Einfluss darauf, wie wir Ernährung wahrnehmen.
Wo liegen die Unterschiede zwischen Marketing-Versprechen und Wissenschaft?
Marketing konzentriert sich häufig auf einzelne, positiv hervorgehobene Eigenschaften eines Produkts. Diese werden gezielt hervorgehoben, um das Produkt attraktiv erscheinen zu lassen. Die wissenschaftliche Sichtweise betrachtet hingegen die gesamte Ernährung und langfristige Zusammenhänge.
Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?
Ein klassisches Beispiel sind fettarme Joghurts. Sie werden oft als «leicht» oder «gesund» beworben, weil sie weniger Fett enthalten. Das klingt zunächst positiv. In der Praxis wird jedoch häufig mehr Zucker hinzugefügt, um den Geschmack auszugleichen. Dadurch kann der Joghurt insgesamt ähnlich viele oder sogar mehr Kalorien enthalten als die vollfette Variante.
Was ist Ihr wichtigster Tipp im Umgang mit Ernährungstrends?
Trends können inspirieren, doch die Grundlagen zählen mehr: eine überwiegend pflanzliche, wenig verarbeitete und ausgewogene Ernährung.
