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Fälle von häuslicher Gewalt nehmen in England nach Fussballspielen deutlich zu.
Fälle von häuslicher Gewalt nehmen in England nach Fussballspielen deutlich zu.
Bild: Shutterstock

He's coming home: Wenn nach dem Match zuhause die Fäuste fliegen

12.07.2021, 19:56

Das Penaltyschiessen wurde England zum Verhängnis, einmal mehr. Die «Three Lions» hatten den Sieg an der Fussball-EM 2020 vor Augen, doch am Ende verliessen sie das Wembley-Stadion geschlagen. Kein Grund zur Freude für die englischen Fans, die ihre Nationalmannschaft wie kaum eine andere Fan-Gemeinde unterstützen. Und ein ganz schlechter Ausgang für viele Frauen und Kinder im Land – denn sie bekamen die Niederlage brutal zu spüren.

So mancher frustrierte Fan liess seine Wut an Frau und Kind aus. Nach Fussballspielen nimmt die häusliche Gewalt nämlich jeweils zu, und zwar besonders nach Niederlagen, wie schon 2014 eine Studie zeigte, die sich auf die Fussball-WM 2010 bezog. Verlor die englische Mannschaft ein Spiel, nahmen Fälle von häuslicher Gewalt damals um 33,9 Prozent zu. Selbst nach gewonnenen Spielen stieg die Gewalt an, wenn auch mit 27,7 Prozent etwas weniger massiv.

Rückgang während des Spiels – Anstieg danach

Neuere Studien bestätigen diesen Sachverhalt zum Teil: Eine am 4. Juli veröffentlichte Studie des interdisziplinären Centre for Economic Performance (CEP) kommt zum Ergebnis, dass Fälle von häuslicher Gewalt in den ersten vier Stunden nach Spielende alle zwei Stunden um rund 5 Prozent zunehmen. Während des Matches selber nehmen sie allerdings um 5 Prozent ab, da potenzielle Täter dann vermutlich das Spiel verfolgen. Den höchsten Anstieg (8,5 %) verzeichnen die Forscher im Zeitraum von 10 bis 12 Stunden nach Anpfiff.

Männer ...

Für diesen Anstieg der häuslichen Gewalt sind nahezu ausschliesslich Männer verantwortlich, die alkoholisiert Frauen misshandeln.

Zeitlicher Verlauf von Fällen häuslicher Gewalt bei Fussballspielen, nach Geschlecht. Gewalt von Männern an Frauen (l.) und Gewalt von Frauen an Männern (r.).
Zeitlicher Verlauf von Fällen häuslicher Gewalt bei Fussballspielen, nach Geschlecht. Gewalt von Männern an Frauen (l.) und Gewalt von Frauen an Männern (r.).
Diagramm: CEP

Tom Kirchmeier, einer der Studienautoren, erklärt in einer Pressemitteilung des CEP:

«Wir untersuchten, warum häusliche Gewalt nach Fussballspielen häufiger vorkommt, und fanden heraus, dass der Anstieg ausschliesslich auf von Männern an Frauen verübte Gewalt zurückzuführen ist, und zwar durch Täter, die Alkohol getrunken haben. Der Anstieg ist auch nur zwischen zusammenlebenden Partnern zu beobachten – es gab keinen ähnlichen Anstieg bei häuslicher Gewalt durch Ex-Partner.»

... und Alkohol

Zeitlicher Verlauf von Fällen häuslicher Gewalt bei Fussballspielen, alkoholbedingt (l.) und nicht-alkoholbedingt (r.).
Zeitlicher Verlauf von Fällen häuslicher Gewalt bei Fussballspielen, alkoholbedingt (l.) und nicht-alkoholbedingt (r.).
Diagramm: CEP

Dass Alkoholkonsum der wichtigste einzelne Faktor beim Anstieg der häuslichen Gewalt nach Fussballspielen ist, bestätigt auch eine im Januar 2021 veröffentlichte Studie der London School of Economics (LSE). Während die Relation zwischen häuslicher Gewalt und Fussballfans komplex sei, würden Experten schon seit langem auf Alkohol als einen wichtigen Faktor in diesem Zusammenhang hinweisen, schreibt Studienautorin Anna Trendl im Blog der LSE.

Besonders bei den englischen Fans sei Alkoholkonsum untrennbar mit dem Konsum von Sportanlässen verbunden. So meldeten etwa Krankenhäuser in ganz England nach dem Viertelfinalsieg der englischen Mannschaft gegen Schweden an der WM 2018 eine Rekordzahl von Alkoholvergiftungen.

Die Wissenschaftler analysierten die Daten zur Kriminalität, die bei der zweitgrössten Polizeibehörde Englands, der West Midlands Police, in einem Zeitraum von zehn Jahren anfielen. Sie wurden in Beziehung gesetzt zu den Begegnungen der englischen Fussballnationalmannschaft (WM- und EM-Spiele) in derselben Zeitspanne. Während nicht-alkoholbedingte Misshandlungen an Spieltagen der englischen Mannschaft nicht zunahmen, war dies bei alkoholbedingten Fällen von häuslicher Gewalt deutlich anders: An Tagen, an denen das englische Team gewann, wurden 47 Prozent mehr Fälle gemeldet. An Tagen nach einem Spiel der «Three Lions» betrug die Zunahme 18 Prozent.

Gegensätzlicher Befund: Anstieg nur nach Siegen

Im Gegensatz zur Studie aus dem Jahr 2014 konnten die Forscher aber keinen vergleichbaren Anstieg der häuslichen Gewalt nach verlorenen Spielen feststellen. Auch bei unentschiedenen Partien fand sich keine vergleichbare Zunahme. Die Studienautoren sehen den Grund dafür in deutlich höherem Alkoholkonsum bei gewonnenen Spielen.

Korrelation zwischen Spielen der englischen Fussballnationalmannschaft und häuslicher Gewalt. Blau: nicht-alkoholbedingt; orange: alkoholbedingt. Oben: unentschieden; Mitte: Niederlage; unten: Sieg.
Korrelation zwischen Spielen der englischen Fussballnationalmannschaft und häuslicher Gewalt. Blau: nicht-alkoholbedingt; orange: alkoholbedingt. Oben: unentschieden; Mitte: Niederlage; unten: Sieg.
Diagramm: LSE

Kausaler Zusammenhang «wahrscheinlich»

Sie halten den Zusammenhang zwischen Fussballanlässen und häuslicher Gewalt überdies für «wahrscheinlich kausal», obwohl auch andere mögliche Faktoren wirksam sein könnten, etwa eine verstärkte Polizeipräsenz an Spieltagen. Solche Faktoren hätten sich jedoch nicht nachweisen lassen, während die deutliche zeitliche Korrelation zwischen den zufällig vorkommenden Tagen eines englischen Siegs und den spezifisch alkoholbedingten Fällen von häuslicher Gewalt kaum zufällig sein könne. Dies werde auch dadurch bestätigt, dass der zeitliche Verlauf der Zunahme von alkoholbedingten Misshandlungen nach einem Sieg des englischen Teams jeweils demselben Muster folge.

Für Rugby, den zweitbeliebtesten Sport in England, fand sich indes keine Korrelation zwischen Spielen der englischen Nationalmannschaft und der Zahl der gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt – unabhängig davon, ob das Team gewann, verlor oder unentschieden spielte. (dhr)

«It's NOT coming home»

Video: watson/een
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