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Wie neue Medikamente Dialysen bei Nierenerkrankungen vermeiden könnten

Niere Dialyse
Bei Nicole Weibel lag die Nierenfunktion bei unter 30 Prozent. Sie selbst hat damals von ihrem Problem kaum etwas bemerkt. (Symbolbild)Bild: andrea zahler

Nicole kämpft um ihre Nieren: «Jedes Jahr ohne Dialyse ist ein geschenktes Jahr»

Nierenerkrankungen bleiben oft lange unbemerkt. Moderne Medikamente können den Funktionsverlust bremsen und Dialysen vermeiden helfen. So wie bei Nicole Weibel.
27.09.2026, 18:3227.09.2026, 18:32
Bruno Knellwolf
Bruno Knellwolf

Wegen einer Rückenoperation musste Nicole Weibel vor zehn Jahren ins Spital. An Schmerzen litt sie schon länger, dementsprechend hatte sie immer wieder entzündungshemmende Schmerzmittel einnehmen müssen. Beim Bluttest in der Rheumatologie entdeckten die Ärzte dann auffällige Werte. «So schlimm wird das kaum sein», dachte sie.

Doch zwei Tage später bekam sie ein Aufgebot, um die ausserordentlichen Blutwerte zu kontrollieren und einen Gerätefehler auszuschliessen. Die schlechten Nierenwerte wurden bestätigt. «So begann das Rössli-Spiel», sagt die 58-jährige Thalwilerin. Was Nicole Weibel widerfuhr, betrifft immer mehr Menschen: Chronische Nierenerkrankungen gehören zu den am stärksten zunehmenden Volkskrankheiten.

Weibels Kreatinin-Werte waren deutlich erhöht. «Kreatinin ist ein Abbauprodukt des Muskelstoffwechsels, das von den Nieren ausgeschieden wird», erklärt Jan Brügger, leitender Arzt des Nierenzentrums Nephro am See in Horgen. Der Kreatinin-Wert im Blut ist ein Marker für die Nierenfunktion, genau genommen ein Zeichen dafür, wie gut die Niere filtert.

Die Waschstrassen unseres Körpers

«Die Nieren sind gewissermassen die Waschstrassen unseres Körpers. Sie filtern unser Blut, und das sehr effizient», sagt Brügger. Die Filterfunktion sei aber bei Weitem nicht das Einzige, was die Niere leiste. Sie steuern auch die Blutbildung, regeln den Säure-Basen-Haushalt und die Konzentration wichtiger Mineralstoffe wie Kalium, Natrium, Calcium, Phosphat und Magnesium.

Sie regulieren auch den Salz- und Wasserhaushalt. Bei einer schweren Nierenfunktionsstörung kann sich Wasser im Körper ansammeln. Das führt zu Schwellungen, Gewichtszunahme und Atemnot. Die Nieren aktivieren zudem Vitamin D, schützen die Knochengesundheit und sorgen dafür, dass viele Medikamente ausgeschieden werden.

Weniger als 30 Prozent der Nierenfunktion

Bei so vielen Funktionen wird klar, wie wichtig Nieren sind. Bei Nicole Weibel aber lag die Nierenfunktion bei unter 30 Prozent. Sie selbst hat damals von ihrem Problem kaum etwas bemerkt. Einzig während der Arbeit als Kita-Leiterin stellt sie fest, dass sie nicht mehr gleich leistungsfähig war wie zuvor.

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Manchmal endet eine Dialyse in einer Nierentransplantation.Bild: KEYSTONE

Da die Kreatinin-Werte sehr hoch waren, wurde in einer ersten Klinik die Möglichkeit einer Dialyse besprochen. «Denn die Prognose war damals: Ohne Dialyse sei ein Überleben nicht möglich», sagt Weibel. Auch eine Nierentransplantation stand zur Diskussion, doch fand sich zu dem Zeitpunkt kein Spender in der Familie.

Für die weitere Behandlung wechselte sie zu Jan Brügger in das Nierenzentrum Nephro am See in Horgen, wo die modernen Therapiemöglichkeiten sorgfältig geprüft wurden – mit dem klaren Ziel, eine Dialyse zu vermeiden oder zumindest so lange wie möglich hinauszuschieben.

Heute stehen dafür deutlich mehr Medikamente zur Verfügung als noch vor wenigen Jahren. «Man stellte für mich einen Medikamenten-Cocktail zusammen», sagt die Patientin. Der heutige Nierenschutz beruht auf vier Wirkstoffgruppen: RAS-Blocker, SGLT2-Hemmer, Mineralokortikoidrezeptor-Antagonisten und GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Gemeinsam sollen sie das Fortschreiten der Erkrankung bremsen, und eine weitgehende Stabilisierung der Nierenerkrankung erreichen. Ähnlich wie man sie aus der Krebsmedizin kenne, sagt Brügger.

Niere Dialyse
Zehn bis elf Tabletten muss Nicole Weibel täglich schlucken, um die Nieren erfolgreich stabil zu halten.Bild: andrea zahler

Die Wirkung dieser modernen Nierentherapie ist für Nicole Weibel durchschlagend. Sie spricht nicht nur gut darauf an, sondern hat auch keine Nebenwirkungen. «Ich musste bis heute noch kein einziges Mal an die Dialyse», sagt sie. Die Therapien führten zu Stabilität, wenn auch auf tiefem Niveau.

Als Ursache für ihre chronische Nierenerkrankung gilt die langjährige Einnahme von entzündungshemmenden Schmerzmitteln. Deshalb ermahnt sie der Nierenarzt Brügger, wenn möglich keine solchen einzunehmen. «Im Spital muss ich mich jeweils gegen Schmerzmittel wehren», sagt Weibel. Sind diese eigentlich notwendig bei einer Behandlung, zahlt sie für die reduzierte Einnahme von Entzündungshemmern den Preis einer länger dauernden Genesung.

Bluthochdruck und Diabetes sind Hauptursachen

Der langjährige Gebrauch von Schmerzmitteln ist nur eine der möglichen Ursachen für chronische Nierenerkrankungen. «In mehr als 50 Prozent der Fälle sind zwei bekannte Grundübel verantwortlich: Bluthochdruck und Diabetes mellitus, die immer häufiger werden», sagt Brügger.

Diabetes und Bluthochdruck schädigen die Nieren unbemerkt meist über Jahre hinweg. Dahinter stehen häufig Lebensstilfaktoren wie mangelnde Bewegung, teilweise aber auch genetische Veranlagungen, erklärt der Nierenspezialist. Die Nierenerkrankungen waren lange nicht im Fokus der weltweiten Gesundheitsvorsorge. «Erst im vergangenen Jahr wurde die Chronic Kidney Disease auf die Liste der WHO der weltweit zu beobachtenden Erkrankungen aufgenommen», sagt Brügger.

Diese Unaufmerksamkeit gegenüber dieser Erkrankung habe auch damit zu tun, dass sich Nierenleiden lange nicht zeigen. «Wir merken gar nicht, dass unsere Nierenfunktion schlechter wird oder unsere Nieren krank sind, solange man es nicht misst», sagt Brügger.

Was man tun kann für seine Nieren

Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht sollten ihre Nierenfunktion regelmässig überprüfen lassen. Sinkt die Nierenfunktion auf 30 Prozent, wird die Situation kritisch. Mit einer früh begonnenen Therapie lässt sich das Fortschreiten der Erkrankung oft bremsen und die Chance erhöhen, eine Dialyse zu vermeiden. So wie bei Nicole Weibel. «Jedes Jahr ohne Dialyse ist ein geschenktes Jahr», sagt sie.

Wissen muss man dabei, dass die Nierenfunktion des Menschen mit jedem Jahr abnimmt. «Ab etwa 40 Jahren verlieren wir im Durchschnitt jährlich knapp ein Prozent an Nierenfunktion», sagt Brügger. Trotzdem kann man der Niere Gutes tun und dem Funktionsverlust entgegenwirken: aufs Gewicht achten, regelmässige Bewegung und so wenig Salz wie möglich zu sich nehmen.

Hilfreich ist eine mediterrane Ernährung und ein vorsichtiger Umgang mit Ibuprofen, Spedifen und ähnlichen Entzündungshemmern. Paracetamol, zum Beispiel Dafalgan, ist schonender als entzündungshemmende Schmerzmittel, erklärt der leitende Arzt des Nierenzentrums Nephro am See.

Nicole Weibel nimmt täglich etwa zehn bis elf Medikamente ein. Das hat sie buchstäblich erst mal schlucken müssen. Dass das notwendig ist, hat sie sich durch den Erfolg der Therapie längst verstanden. «Vielleicht gelingt es mir sogar, mein ganzes Leben ohne Dialyse auszukommen. Ich bin ein positiv denkender Mensch», sagt sie lachend. (schweizheute.ch)

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