Neue Studie zu Krebsmedikament: Ein Drittel würde reichen
Krebsmedikamente werden zu hoch dosiert verabreicht. Zu diesem Schluss kommt der Bündner Onkologe Roger von Moos. Der Direktor des Forschungszentrums am Kantonsspital Graubünden präsentierte an einem Kongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) in Chicago, USA, seine neuste Studie.
Sie legt nahe, dass ein Krebsmedikament auch dreimal seltener verabreicht werden könnte, ohne an Wirkung zu verlieren. Dadurch würden Kosten und Nebenwirkungen sinken. Der «SonntagsBlick» berichtete darüber.
Für die neu veröffentlichte Studie untersuchten von Moos und sein Team 1380 Krebspatientinnen und -patienten in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Sie testeten das Medikament Denosumab. Dieses kommt bei Osteoporose, Knochenmetastasen und zur Vorbeugung knochenbezogener Komplikationen in der Krebstherapie zum Einsatz.
Alle zwölf statt alle vier Wochen
Normalerweise erhalten Patientinnen und Patienten Denosumab alle vier Wochen. Das Forschungsteam verabreichte das Medikament einem Teil der Probandinnen und Probanden ebenfalls in diesem Rhythmus. Eine andere Gruppe erhielt die gleiche Menge nur alle zwölf Wochen. Das Ergebnis: Wer den Wirkstoff nur alle drei Monate bekam, war gleich gut geschützt, hatte aber deutlich weniger Nebenwirkungen. «Das ist der neue Therapiestandard – am besten ab sofort», findet von Moos im «SonntagsBlick».
Ein solcher Wechsel würde nicht nur vielen Patientinnen und Patienten Nebenwirkungen ersparen. Laut von Moos könnte das Schweizer Gesundheitswesen dadurch jährlich 15 Millionen Franken sparen. Auch der Aufwand für die Betroffenen würde sinken. Die rund 5000 Menschen in der Schweiz, die Denosumab erhalten, müssten statt zwölfmal nur noch viermal pro Jahr ins Spital.
Amgen, der Pharmakonzern hinter Denosumab, verkauft das Medikament weltweit für mehr als zwei Milliarden Dollar pro Jahr.
Das Bundesamt für Gesundheit begrüsse derartige Forschung sehr. Laut einem Bericht der Krebsliga erkranken in der Schweiz jedes Jahr 48’000 Menschen neu an Krebs. Rund 450’000 sogenannte Cancer Survivors leben hierzulande.
«Müsste hochskaliert werden»
«Was wir mit Denosumab gemacht haben, müsste hochskaliert werden», sagte Onkologe Roger von Moos im «SonntagsBlick» weiter. Womöglich würde dadurch auch bei anderen Medikamenten Optimierungspotenzial deutlich. Gleichzeitig hält er fest, dass Krankenkassen Forschung über die obligatorische Krankenversicherung per Gesetz nicht finanzieren dürfen.
Das Swiss Cancer Institute hat die Denosumab-Studie entwickelt und durchgeführt. Dessen Chef, Vincent Gruntz, betonte gegenüber dem «SonntagsBlick», die Schweizer Politik müsse das Potenzial solcher Therapieoptimierungen stärker berücksichtigen. «Kein Patient möchte nur auf Grundlage von Studien behandelt werden, die in China gemacht wurden.» (val)
