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Aspirin bei Darmkrebs: Das sagen die Studien

Acetylsalicylsäure (kurz ASS), Aspirin
Aspirin ist schon ziemlich lange auf dem Markt, genauer gesagt seit 1899.Bild: Shutterstock

Aspirin als Wundermittel gegen Krebs? Das zeigen die Studien wirklich

25.04.2026, 10:4525.04.2026, 10:45

Aspirin zählt zu den weltweit am häufigsten verwendeten Medikamenten. Neben seiner schmerzlindernden und entzündungshemmenden Wirkung wurde dem Wirkstoff in den vergangenen Jahren auch ein möglicher Schutz vor Krebs, speziell Darmkrebs, zugeschrieben.

So untersuchte zum Beispiel eine Studie von 2015 die Wirkung der präventiven Einnahme von Aspirin auf das generelle Sterblichkeitsrisiko. Gemäss der Studie würde das allgemeine Sterblichkeitsrisiko um rund vier Prozent sinken, wenn jede und jeder 50- bis 65-Jährige für zehn Jahre täglich eine kleine Dosis Aspirin einnehmen würde.

Neue Studien zeigen nun jedoch ein deutlich differenzierteres Bild: Ein präventiver Nutzen lässt sich vor allem bei klar definierten Risikogruppen nachweisen, nicht aber in der Allgemeinbevölkerung.

Keine Präventivwirkung

Eine aktuelle systematische Auswertung von Studien kommt zum Schluss, dass die tägliche Einnahme von Aspirin bei Menschen ohne erhöhtes Risiko keinen verlässlichen Schutz vor Darmkrebs bietet. Der Effekt sei weder kurzfristig noch über längere Zeiträume konsistent nachweisbar.

Gleichzeitig zeigen die Daten ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Blutungen und Magengeschwüre, insbesondere bei langfristiger Einnahme. Damit überwiegt bei gesunden Personen häufig das Risiko den möglichen Nutzen.

Für ältere gesunde Menschen eher ungesund

Auch eine Studie bei älteren, ursprünglich gesunden Menschen teilt diese Erkenntnis. Dort zeigte sich weder eine Reduktion des Krebsrisikos noch ein klarer langfristiger Überlebensvorteil durch die tägliche Einnahme von Aspirin.

Teilweise wurden sogar erhöhte krebsbezogene Sterberaten beobachtet, was die Frage nach dem Nutzen zusätzlich einschränkt.

Deutlicher Nutzen bei Hochrisikopatienten

Ein anderes Bild zeigt sich bei Menschen mit genetischer Vorbelastung, insbesondere beim Lynch-Syndrom. Diese erbliche Mutation erhöht das Risiko für Darmkrebs deutlich.

In einer grossen randomisierten Studie konnte gezeigt werden, dass die regelmässige Einnahme von Aspirin das Risiko für Darmkrebs bei genetisch dafür veranlagten Personen um rund 50 Prozent senkt.

Auch bei bereits erkrankten Personen zeigen neuere Daten relevante Effekte. In einer Studie in Schweden erhielten knapp 3000 Patientinnen und Patienten nach einer Darmkrebsoperation entweder Aspirin oder ein Placebo.

Das Ergebnis: In der Aspirin-Gruppe traten deutlich weniger Rückfälle auf, insbesondere bei Tumoren mit bestimmten genetischen Veränderungen.

Ob eine solche positive Wirkung von Aspirin auch bei anderen Krebsarten möglich ist, wird aktuell in einer internationalen Studie mit ungefähr 11'000 Teilnehmenden überprüft. Die Wirkung von Aspirin auf Tumorarten wie Brust-, Prostata- oder Speiseröhrenkrebs wird dabei untersucht.

Biologische Prozesse lange unbekannt

Bereits 1972 wurde in einer Studie festgehalten, dass Aspirin über antimetastatische Eigenschaften verfügt. Lange war aber unklar, wie genau Aspirin diese Effekte erzielte. Nach neuen Erkenntnissen werden nun mehrere Mechanismen diskutiert, um die beobachteten Effekte zu erklären.

Zum einen hemmt Aspirin das Enzym COX-2, das an Entzündungsprozessen und Zellwachstum beteiligt ist. Zum anderen beeinflusst der Wirkstoff die Blutplättchenaktivität, die möglicherweise eine Rolle bei der Ausbreitung von Tumorzellen spielt.

Eine weitere Hypothese stammt aus der Immunforschung: Aspirin könnte über die Hemmung von Thromboxan A2 die Aktivität von T-Zellen verbessern und damit die Erkennung von Krebszellen erleichtern – also die Antwort des eigenen Immunsystems auf Krebszellen verbessern.

Keine generelle Empfehlung für die breite Bevölkerung

Trotz der teils deutlichen Effekte in Hochrisikogruppen wird Aspirin derzeit nicht zur allgemeinen Krebsprävention empfohlen. Der Grund liegt im Nebenwirkungsprofil: Blutungen und gastrointestinale Komplikationen können insbesondere bei langfristiger Einnahme schwerwiegend sein.

Gesundheitssysteme, auch in der Schweiz, setzen daher zunehmend auf eine selektive Strategie, bei der der Einsatz von Aspirin an genetische Risiken oder eine bereits überstandene Krebserkrankung gekoppelt wird. (ear)

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