Alzheimer-Medikamente unter Druck: Neue Analyse zweifelt Nutzen an
Der Glaubenskrieg um die neuen Alzheimer-Medikamente geht weiter: Eine grosse Übersichtsarbeit von Cochrane, einem weltweit führenden, unabhängigen Netzwerk für evidenzbasierte Medizin, kommt zu einem vernichtenden Urteil über jene Medikamente, die Amyloid-Plaques im Gehirn entfernen und so den Krankheitsverlauf bremsen sollen.
Von Beginn weg wurden diese Antikörper-Therapien von einer Debatte begleitet: Wie gross ist ihr Nutzen tatsächlich? Und rechtfertigt er die Risiken und Kosten? Die Forschenden um den Neurologen Edo Richard vom Radboud University Medical Center in den Niederlanden haben nun Daten aus 17 Studien mit rund 20'000 Personen ausgewertet. Ihr Fazit: Die Medikamente zeigen zwar statistisch signifikante Effekte, doch ein klinisch bedeutsamer Nutzen ist nicht erkennbar – weder beim Gedächtnis noch bei den Alltagsfähigkeiten der Patienten. Dies, bei gleichzeitig relativ häufig auftretenden Nebenwirkungen wie Schwellungen und Blutungen im Gehirn.
Unumstritten ist die Cochrane-Arbeit allerdings nicht. Kritik entzündet sich vor allem daran, dass die Autoren sehr unterschiedliche Wirkstoffe gemeinsam auswerteten. Zudem flossen auch Daten aus Studien von Wirkstoffen ein, die Hersteller wegen mangelnder Wirksamkeit bereits vor Jahren aufgegeben hatten – etwa Pfizer mit dem Antikörper Bapineuzumab oder Roche mit Gantenerumab.
In einer Online-Pressekonferenz am Mittwoch verteidigten die Autoren ihr Vorgehen. Sie hätten gezielt Zusatzanalysen durchgeführt, um mögliche Verzerrungen zu prüfen. Doch selbst dadurch habe sich das Gesamtbild nicht wesentlich verändert. Zudem warnen sie davor, einzelne positive Studien überzubewerten, wenn andere negative Ergebnisse vorliegen.
Was gut genug ist, wird unterschiedlich bewertet
Ein zweiter Kritikpunkt betrifft die Frage, was überhaupt als relevanter Effekt gilt. Einige Zulassungsstudien zeigen nämlich durchaus, dass die Medikamente den Krankheitsverlauf um Wochen oder Monate verzögern können. Für Patienten und Angehörige kann das bedeutsam sein – etwa, wenn dadurch ein Stück Selbstständigkeit länger erhalten bleibt.
Die Cochrane-Autoren gewichten diesen Aspekt anders: Die blosse Verzögerung sei für ihre Hauptbewertung nicht entscheidend gewesen. Stattdessen plädieren sie dafür, die Forschung stärker auf andere Therapieansätze zu lenken – weg von den Amyloid-Plaques, hin zu anderen Krankheitsmechanismen. Welche hierbei besonders vielversprechend sein könnten, lassen sie offen. Auch ob neue Generationen von Amyloid-Entfernern das Bild noch verändern könnten, beantworten sie nicht.
Während die wissenschaftliche Debatte also weitergeht, haben Behörden in vielen Ländern bereits entschieden. In der Schweiz hat Swissmedic kürzlich den Antikörper Donanemab des US-Unternehmens Eli Lilly zugelassen. Auf die Frage, welchen Einfluss das Cochrane-Review habe, betont Swissmedic, dass die Überwachung nach der Zulassung selbstverständlich weitergehe: Signale aus der Praxis würden laufend ausgewertet, insbesondere zur Sicherheit. «Swissmedic berücksichtigt für Nutzen-Risiko-Evaluationen grundsätzlich relevante Einzelstudien, Meta-Analysen oder auch Reviews wie diejenigen des Cochrane-Instituts», schreibt Mediensprecher Alex Josty.
Lecanemab in der Schweiz aus dem Rennen
Ob Patienten die Donanemab-Therapie tatsächlich erhalten, ist allerdings noch nicht entschieden. Denn für die Kostenübernahme muss ein Medikament in die sogenannte Spezialitätenliste aufgenommen werden, und dort gelten strenge Kriterien. Es muss nicht nur wirksam, sondern auch zweckmässig und wirtschaftlich sein. Diese Bewertung nimmt das Bundesamt für Gesundheit BAG gemeinsam mit dem Hersteller vor. Dabei fliessen neben den Zulassungsstudien unter anderem auch die Resultate von Cochrane-Reviews mit ein.
Während Donanemab diesen Februar zugelassen wurde, hat ein anderer Hersteller bereits im Januar einen Rückzug vollzogen: Das Pharmaunternehmen Eisai zog sein Zulassungsgesuch für den Antikörper Lecanemab zurück, das seit Mai 2023 von Swissmedic geprüft worden war. Grund dafür seien «erhebliche Differenzen» gewesen, teilt Heike Schmidt vom Kommunikationsteam des Unternehmens auf Anfrage mit.
Die Behörde habe nur eine sehr eng gefasste Anwendung in Betracht gezogen – ausschliesslich für Patienten ohne bestimmte genetische Risikofaktoren und unter zusätzlichen Auflagen. Diese Einschränkungen bildeten die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht angemessen ab, so Schmidt. Der Rückzug sei daher «der einzig vertretbare Schritt» gewesen. International ist Lecanemab bereits in mehr als 50 Ländern zugelassen, darunter in der Europäischen Union, im Vereinigten Königreich, in den USA und in Japan. (aargauerzeitung.ch)

