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Schweizer Hitzewelle: Arzt, Hydrologe und Rettungsschwimmer geben Rat

GURUGRAM, INDIA - MAY 27: A man drinks water on a summer day, near Sector 15, on May 27, 2019 in Gurugram, India. (Photo by Yogendra Kumar/Hindustan Times via Getty Images)
Wasser ist in dieser Hitze noch wichtiger als bei normalen Temperaturen.Bild: Hindustan Times
Extremwetter

Hitze: Was ein Arzt, ein Hydrologe und ein Rettungsschwimmer raten

Am Wochenende werden Rekordtemperaturen erwartet. Wie kühlt man sich am besten ab? Stimmt es, dass man kalt duschen und lauwarme Getränke trinken soll? Drei Experten geben Rat.
21.06.2026, 13:1621.06.2026, 13:40
Bruno Knellwolf
Bruno Knellwolf

Wann trocknet ein Körper aus?

Der Körper hat einen Flüssigkeitsmangel, wenn er über längere Zeit durch Schwitzen, Atmen, Urin oder Durchfall mehr Wasser abgibt, als er über Trinken und Nahrung aufnimmt. Bereits ein Verlust von etwa ein bis zwei Prozent des Körpergewichts an Wasser kann zu Symptomen wie Durst, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwindel und Konzentrationsstörungen führen. «Fünf bis zehn Prozent sind potenziell lebensbedrohlich», sagt Philipp Schütz, Leiter der Medizinischen Universitätsklinik am Kantonsspital Aarau. Auch der Salzhaushalt kommt bei starkem Schwitzen oder Durchfall in Schieflage.

Welche Rolle spielt das Alter?

«Dehydrierung ist bei Hitze für alle Altersgruppen relevant, aber besonders gefährlich für Ältere, weil Durstgefühl, Nierenfunktion und Kreislaufreserve abnehmen», sagt Philipp Schütz. Junge Erwachsene um 20 haben meist einen höheren Anteil an Körperwasser, einen stabileren Kreislauf und ein zuverlässiges Durstgefühl, sodass sie Flüssigkeitsverluste bei Hitze oder Sport besser kompensieren. Dennoch können auch sie bei extremer Hitze, intensiver körperlicher Belastung oder Alkoholkonsum rasch dehydrieren.

Wieviel muss man trinken bei Hitze?

Der Flüssigkeitsbedarf für Erwachsene liegt an normalen Tagen bei durchschnittlich etwa 1,5 bis 2 Liter pro Tag. Rund 30 bis 35 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht. Bei einem 80-Kilo-Mann sind das 2,5 Liter, bei einer 50-Kilo-Frau 1,5 Liter. Bei hohen Temperaturen über 30 Grad und körperlicher Belastung wird bis zur doppelten Menge empfohlen – je nach Schweissverlust. Ein Teil davon kommt über wasserreiche Nahrung wie Obst, Gemüse, und Suppen in den Körper. «Ältere und Menschen mit Herz- oder Nierenerkrankungen brauchen individuelle Zielwerte», sagt Schütz.

Philipp Schütz, Leiter Medizinische Universitätsklinik, Chefarzt für Allgemeine Innere Medizin und Hausarztmedizin, Kantonsspital Aarau (KSA)
Prof. Dr. med. Philipp Schütz, Leiter der Medizinischen Universitätsklinik sowie Chefarzt für Allgemeine Innere Medizin und Hausarztmedizin am Kantonsspital Aarau (KSA).
Bild: ksa.ch

Stimmt es, dass man aufs WC muss, nachdem man die Füsse im kalten Wasser hatte?

Es gibt keinen spezifischen «Reflex», bei dem kaltes Wasser an den Füssen direkt die Blase entleert. Aber es gebe mehrere Mechanismen, die die Beobachtung erklären könnten, sagt Schütz. Kälte führt über das vegetative Nervensystem zu Gefässverengung in der Haut und Verschiebung von Blutvolumen ins Körperinnere. Das kann kurzfristig die Durchblutung der Nieren steigern und die Urinproduktion erhöhen. Ausserdem löst Kälte bei manchen Menschen einen Harndrang aus. Wer sich vor dem Baden oft entleert, könnte zudem durch Gewohnheit einen «konditionierten» Reflex auslösen: Harndrang.

Wenn es so heiss ist, wird viel geduscht. Kann das auch zu viel sein?

Häufiges Duschen ist an sich nicht zwangsläufig schädlich. Entscheidend sind Temperatur, Dauer und Reinigungsgewohnheiten. Heisses Wasser, lange Duschzeiten und aggressive Seifen oder Duschgels lösen Lipide aus der Hornschicht der Haut und zerstören den natürlichen Säureschutzmantel. Das kann zu Trockenheit, Juckreiz oder Ekzemen führen. Wichtig ist, die Haut danach mit einer rückfettenden Creme oder Lotion zu pflegen.

Stimmt es, dass man bei Hitze nicht kalt duschen soll?

Bei Hitze fühlen sich kalte Duschen subjektiv erfrischend an. Es führt aber durch den Kältereiz oft zu einer schnellen Gefässverengung der Hautgefässe. Der Körper versucht dann, die Kerntemperatur zu verteidigen, und die Wärmeabgabe kann kurzzeitig sinken. Mild kaltes bis lauwarmes Wasser wird deshalb häufig empfohlen, weil es die Haut kühlt, ohne eine starke Gegenreaktion auszulösen. Sehr warmes Duschen bei Hitze kann den Kreislauf zusätzlich belasten. «Praktisch bedeutet das: Bei grosser Hitze lieber kurz und eher kühl bis lauwarm duschen, nicht zu heiss und auf den Kreislauf achten», sagt der Aarauer Chefarzt Schütz.

Stimmt es, dass man bei Hitze warme Getränke trinken soll?

«Der verbreitete Rat, bei Hitze nur warme Getränke zu trinken, stammt teilweise aus Beobachtungen in heissen Ländern, ist aber so pauschal nicht belegt», sagt Schütz. Es ist ähnlich wie beim Duschen: Kalte Getränke kühlen kurzfristig und fühlen sich angenehm an. Sie können aber bei sehr grosser Kälte und schnellem Trinken Magenkrämpfe auslösen. Warme Getränke erhöhen kurzfristig die Körpertemperatur minimal und können eine leichte Schweissreaktion auslösen. Extrem kalte oder sehr heisse Getränke sind eher zu vermeiden.

Gibt es Hitzerekorde?
Die Schweiz erlebt heute und in den nächsten Tagen eine markante Hitzewelle mit Temperaturen deutlich über 30 Grad. Nationale Temperaturrekorde werden derzeit zwar nicht erwartet, lokal könnten jedoch neue Junirekorde erreicht werden.
Für die Hitze sorgt ein Hochdruckgebiet über Mitteleuropa. Jeweils in der zweiten Tageshälfte besteht die Möglichkeit von Gewittern, allerdings eher in den Bergen. Die Höchsttemperaturen liegen gemäss Meteo Schweiz zwischen 27 und 36 Grad.
Im Raum Basel gilt gemäss Meteo Schweiz Gefahrenstufe 4, grosse Gefahr, ansonsten in der Deutschschweiz Stufe 3, erhebliche Gefahr.
Die Wassertemperaturen reagieren verzögert auf die Hitze, deshalb sind die grossen Schweizer Seen weiterhin noch angenehm kühl. Der Bodensee hat 21 Grad Celsius, vor einer Woche waren es noch 17 Grad.

Was ist eigentlich gesünder, Mineral mit Kohlensäure oder ohne?

Aus Sicht der Hydratation macht es für gesunde Menschen wenig Unterschied, ob das Wasser mit oder ohne Kohlensäure ist. Kohlensäure kann allerdings zu vermehrtem Aufstossen oder Blähungen führen. «Wichtiger als die Kohlensäurefrage ist der Mineralstoffgehalt», sagt Chefarzt Schütz. Natrium- und hydrogencarbonatreiche Wässer können bei starkem Schwitzen oder körperlicher Belastung helfen, den Elektrolythaushalt zu stabilisieren, während Personen zum Beispiel mit Herzinsuffizienz natriumärmere Wässer wählen sollten.

Darf man das Schweizer Flusswasser trinken, ohne gesundheitliche Risiken?

«Nein, das stimmt nicht, weil das gereinigte Abwasser, das in die Flüsse gelangt, in der Schweiz in der Regel nicht desinfiziert wird», sagt der Hydrologe Andri Bryner von der Wasserforschungsanstalt Eawag. Insbesondere in der aktuellen Situation mit tiefer Wasserführung und damit wenig Verdünnung sowie steigenden Wassertemperaturen sind Situationen mit Fäkalkeimen und anderen Verunreinigungen im Wasser nicht auszuschliessen.

Andri Bryner, Hydrologe, Eawag
Andri Bryner.Bild: eawag.ch

Stimmt es, dass Menschen auf Wasser allergisch sein können?

Auf das Wasser nicht, aber in Seen gibt es Entenflöhe, auf die Badende von harmlosen Hautreizungen bis zu starken Reaktionen empfindlich reagieren. Vor allem in kleinen Weihern sollte man auch auf Algenmatten oder Trübungen achten, da es sich um toxische Blaualgen handeln könnte.

Stimmt es, dass Wasser alles auflösen kann, wenn man dem Wasser nur genug Zeit lässt?

Das stimmt teilweise, erklärt der Hydrologe Bryner. Wasser ist ein gutes Lösungsmittel für Mineralien und Stoffe, die sich gut von Wassermolekülen umhüllen lassen. In nur einem Liter Wasser können bei Zimmertemperatur etwa zwei Kilogramm Zucker gelöst werden. Doch Fette oder Öle können nur geringfügig im Wasser gelöst werden.

Stimmt es, dass abgestandenes Wasser schlechter ist zum Trinken als frisches?

Grundsätzlich ja. Aber das hängt davon ab, ob im noch frischen Wasser schon Stoffe waren, die das Wachstum von Keimen ermöglichen. Wird frisches Trinkwasser verschlossen, kühl und lichtgeschützt, zum Beispiel in einer Glasflasche, gelagert, kann es auch nach Tagen oder Wochen noch unbedenklich getrunken werden.

Stimmt es, dass kein Tier verhältnismässig mehr trinkt als das Säugetier Mensch?

«Nein, das stimmt so nicht», sagt Dominik Ryser, Mediensprecher vom Zoo Zürich. Gerade kleine Säugetiere wie Mäuse oder Fledermäuse haben im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht eine deutlich höhere Stoffwechselrate als wir Menschen. Entsprechend müssen sie proportional auch mehr Flüssigkeit ersetzen – teils sogar mehr als ihr eigenes Körpergewicht. Auch im Vergleich mit unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, ist der Mensch nicht das Säugetier mit dem höchsten Wasserbedarf, sondern geht besonders effizient mit Wasser um.

Welches Tier trinkt am meisten Wasser im Zoo Zürich?

Das ist der Elefant. Genauer gesagt, der Elefantenbulle Thai. Mit seinen rund 5,5 Tonnen Gewicht ist er mit Abstand das schwerste Tier im Zoo und benötigt daher pro Tag etwa 150 bis 200 Liter Wasser.

Es ist heiss, aber die Seen sind noch relativ kalt. Darf man ins Wasser springen?

«Bei hochsommerlichen Bedingungen muss man sich vor dem Sprung ins Wasser annetzen», sagt Christoph Merki von der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft (SLRG). Bei einem Temperaturunterschied versucht der Körper, die Temperatur zu halten, verengt die peripheren Blutgefässe, was zu einem verringerten Transport von Sauerstoff und Nährstoffen in die Muskeln führen kann. Muskelkrämpfe, unkontrollierte Atemreflexe, erhöhter Blutdruck sowie Herzrhythmusstörungen, Kreislaufkollaps und im Extremfall ein Herzstillstand können die Folge sein.

Christoph Merki, Rettungsschwimmer, Schweizerische Lebensrettungsgesellschaft (SLRG)
Christoph Merki.bild: slrg.ch

Die alte Baderegel, nach dem Essen zwei Stunden nicht ins Wasser, gilt nicht mehr. Was dann?

Nie mit vollem oder ganz leerem Magen schwimmen. Der Körper benötigt Energie, um sich über Wasser halten zu können. Bei leerem Magen kann die fehlende Energie zu einem Hungerast führen. Bei vollem Magen ist der Körper mit der Verdauung beschäftigt, was wiederum zu einer reduzierten Energiebereitstellung für körperliche Aktivitäten führen kann.

Welche Kraft kann Wasser entfachen?

Was in einheimischen Flüssen so dahinpletschert, kann gefährlicher sein als die Wellen im Ozean. In der Aare bei Bern im bekannten Marzilibad fliessen manchmal 220 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Das erzeugt einen Druck von 20 Tonnen auf einen Quadratzentimeter. Auf eine solche Kraft muss eine Schwimmerin gefasst sein. Das gilt auch für Fahrer eines Gummiboots. Kommt es wegen einer starken Strömung zu einer Kollision mit einem Brückenpfeiler, haben die Passagiere unter dem enormen Wasserdruck kaum eine Chance.

Wie gross ist der Wassermangel in der Schweiz?

Die Pegelstände vieler Flüsse und Seen im Mittelland wie Rhein und Aare sind auf rekordverdächtig tiefem Niveau, ebenso der Bodensee. Ihre Pegel sind so tief wie fast nie. In den Alpenflüssen sieht es leicht besser aus als im Mittelland, aber auch dort liegen die Pegel unter dem langfristigen Mittel.

Ist Juni nicht eigentlich die Zeit der Hochwasser?

Im Juni kann es viel regnen. Davon weiss man am Open Air St.Gallen ein Lied zu singen, wenn die 30000 Festivalbesucher Ende Juni jeweils durch den Schlamm waten. Neben den vielen Niederschlägen in diesem Monat erreicht die Schneeschmelze normalerweise gleichzeitig ihren Höhepunkt. Dieses Jahr ist das anders. April und Mai waren extrem trocken, und die Schneedecke ist sehr dünn. Der Schnee wird die Flüsse und Seen nicht mehr mit Wasser füllen.

Was machen Gewitter mit den Wasserströmungen?

Nach einem Gewitter sind Strömungen unberechenbar. Die Zugkraft der Strömung im Flusslauf hängt von der Abflussmenge und der Neigung der Flusssohle ab. Für den Menschen wird eine Strömung aus der Kombination von Wassertiefe und Strömungsgeschwindigkeit zur Gefahr. Diese hängt von der Intensität ab. Steht man bis zum Bauch im ruhenden Wasser, fühlt man sich als Erwachsener recht sicher. Bereits bei Strömungsgeschwindigkeiten von zwei Metern pro Sekunde kann man sich nicht mehr gegen die Strömung stemmen und wird mitgerissen, obwohl der Fluss von aussen betrachtet noch ruhig erscheint.

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