«Wir steuern auf eine Welt zu, in der jeder zweite Sommer heisser wird als diesmal»
Hat Sie dieser Hitzesommer als Klimaforscher überrascht?
Reto Knutti: Nein. Ich habe diesen Sommer zwei Posts auf LinkedIn gemacht, die lauteten: «Willkommen in den Klimaszenarien Schweiz». Was wir erleben, haben Meteo Schweiz und die ETH in diesen Szenarien beschrieben. Analytisch bin ich deshalb nicht überrascht. Allerdings ist es etwas anderes, die Auswirkungen der Hitze tatsächlich zu sehen: Wenn das Laub schon im August am Boden liegt, Gletscher auf beinahe 4000 Metern schneefrei sind oder – wie letzten Freitag – fünf Zentimeter grosse Hagelkörner fallen. Das hat nochmals eine ganz andere Wirkung.
So stark wütete das Unwetter in der Schweiz:
Hat man klimatologisch eine Erklärung für diesen Hitzesommer?
Die Hitzesommer sind aus fünf Gründen so ausgeprägt: Erstens wird mit dem Klimawandel die Erde grundsätzlich wärmer. Das erklärt 60 bis 70 Prozent des Sommereffekts. Zweitens wegen der Trockenheit. Wenn der Boden trocken ist, fehlt die Verdunstung, die kühlende Wirkung hat. Der dritte Effekt ist, dass die Luft über der Schweiz sauberer ist dank der Luftreinhalteverordnung. Damit ist die Sonneneinstrahlung, also die kurzwellige Einstrahlung, seit den 1980er Jahren stärker geworden.
Das ist eigentlich positiv.
Ironischerweise haben wir mit der saubereren Luft die Erwärmung über Europa beschleunigt. Das ist ein Teil der Erklärung, warum sich die Schweiz doppelt so stark erwärmt hat wie die Erde. Das ist ein temporärer Effekt. Jetzt ist die Luft sauber und somit gibt es keine Zunahme mehr an Sonneneinstrahlung. Wir haben zwischen dem Zweiten Weltkrieg und 1980 einen Teil der Erwärmung unterdrückt durch die dreckige Luft. So wie das in China und an anderen Orten immer noch der Fall ist.
Und die weiteren Ursachen?
Die vierte Ursache ist die Häufung von Hochdrucklagen über Europa im Sommer, die man seit Längerem sieht und in diesem Jahr ausgeprägt war. Fünftens spielten die seltenen Gewitter eine Rolle. Es gab so wenige Gewitter, weil es in grossen Höhen zu warm war. Bei den Hochdrucklagen ist aber nicht sicher, wie viel von diesem Effekt dem Klimawandel oder dem Zufall zuzuschreiben ist. Gesehen haben wir diesen Effekt schon 2003, 2015, 2018 und 2022.
Der letzte vergleichbare Hitzesommer war 2003, da könnte man sagen: Das ist ja schon lange her …
Kurz nach 2003 haben Studien geschätzt, dass so ein Sommer einmal pro etwa 250 Jahre auftritt. Dieses Jahr haben wir 2003 schon übertroffen. Mit den heutigen Klimagesetzen weltweit steuern wir auf eine Welt zu, in der etwa jeder zweite Sommer heisser ist als dieser. Früher waren 30 Grad eine Ausnahme, dieses Jahr hatten Basel oder Sion über 50 Tage mit 30 Grad an den Messstationen. Im Stadtzentrum ist es mit dem Wärmeinseleffekt nochmals einige Grad heisser.
Was ist das Bedenklichste an den Rekorden?
Verschiedene Bevölkerungsgruppen sind von unterschiedlichsten Faktoren betroffen. Die Hitze setzt den älteren Menschen zu, dagegen kann man sich aber zum Teil wehren. Für mich waren es die Auswirkungen der Trockenheit. Die Landwirtschaft hat gelitten, und die wirklichen Schäden am Wald dürften erst noch sichtbar werden. Wenn es kein Wasser gibt, dann gibt es einfach keines.
Welche Konsequenzen müssen wir aus diesem Rekordsommer ziehen?
Die Zahlen sind vorläufig, aber in der Schweiz sind in diesem Sommer viele Hundert Menschen zusätzlich gestorben, die meisten an Hitze. Europaweit spricht man von mindestens 35'000 Toten. Wir müssen anders bauen, vor allem in den Städten. Und wir müssen mit Trockenheit umgehen können. Die Frage «Wem gehört das Wasser?» wird auch im Wasserschloss Europa wichtig.
Was meinen Sie mit anders bauen?
Wir haben lange für den Winter gebaut, Häuser saniert, um Heizenergie zu sparen. Heute realisiert man, dass riesige Fensterfronten zwar im Winter viel Licht ins Wohnzimmer oder Büro bringen, aber im Sommer sehr unangenehm sind. Langfristig geht es um Raumplanung, Begrünung und das Konzept der Schwammstadt, damit Wasser versickern und beim Verdunsten wieder kühlen kann. Entscheidend ist, dass es Jahrzehnte dauert, bis ein Gebäudepark umgebaut ist. Wir müssen heute nicht nach der Erfahrung der letzten 50 Jahre bauen, sondern nach den Szenarien für 2100.
Was kann man sonst noch tun?
Kurzfristig kann man in vielen Fällen neben Klimaanlagen auch mit Abschattung, nächtlichem Lüften und Ventilatoren viel erreichen. Wir müssen auch unser Verhalten etwas anpassen und Sport zum Beispiel auf den frühen Morgen verlegen, statt über die Mittagsstunden zu joggen.
Werden Klimaanlagen in Gebäuden zum Standard?
Klimaanlagen verhindern Opfer, das ist völlig klar. In den USA ist die Übersterblichkeit wegen Hitze nur ein Bruchteil von hier. Das bedeutet jetzt nicht, dass jedes Haus eine Klimaanlage braucht. Mobile Geräte sind laut und ineffizient. Aber wir werden in Altersheimen, öffentlichen Gebäuden und Schulen nicht um diese Diskussion herumkommen. Im Sommer hat es mit dem Ausbau der Solarenergie übrigens oft zu viel Strom. Das Strom-Argument gegen Klimaanlagen zählt nur beschränkt.
Wie ist die Auswirkung auf die Gesundheit der Bevölkerung?
Die Hitzetoten habe ich erwähnt. Immer mehr Studien weisen auf einen Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft oder psychischen Problemen und Hitze hin. Die tiefere Arbeitsproduktivität durch Hitze verursacht in der Schweiz Ausfälle von einer halben Milliarde oder mehr pro Jahr. Warm wird immer noch als positiv wahrgenommen, aber zu warm ist ein Problem.
Nächsten Sommer kann es wieder kühler sein. Wird dieser Sommer ein Umdenken einleiten oder rasch wieder vergessen?
Wie die Gesellschaft langfristig auf diesen Sommer reagieren wird, ist keine wissenschaftliche Frage. Wir haben die Wahl. Unsere Wahrnehmung und unsere Erinnerung sind kurzlebig. Aber es ist zu hoffen, dass wir drei Punkte verstanden haben: Erstens ist der Klimawandel kein Hirngespinst der Zukunft. Zweitens müssen wir mit den veränderten Risiken umgehen und uns anpassen – im Sommer vor allem an Hitze und Trockenheit. Und drittens ist Anpassung langfristig nur Symptombekämpfung. Sie wirkt, hat aber Grenzen oder wird unerschwinglich teuer. Alle fordern Anpassung, aber am Ende muss die Vermeidung von Emissionen ebenso Priorität haben. (schweizheute.ch)

