Film

«L'origine du monde» von Gustave Courbet sorgt seit 1866 für Trouble. Jetzt auch im Film «Verdacht». 
Bild: KEYSTONE

Lehrer + Schüler + Sex = eine elende Katastrophe: Das zeigt jetzt auch ein Schweizer Film

Das Zurich Film Festival und SRF zeigen Filme von Sabine Boss. Ihr harter neuer Thriller «Verdacht» handelt von Pornokunst, Missbrauch, Internet.

27.09.15, 12:11

Wenn Lehrer, Schüler und Sex zusammenkommen, dann ist eine Katastrophe nie fern. In St.Gallen wurde ein Lehrer erschossen, weil er herausfand, dass der Vater einer Schülerin diese missbrauchte. In Aarau führte ein Lehrer jahrelang mit Einwilligung ihrer Eltern eine Beziehung mit einer Schülerin, dann zeigte sie ihn an. In Zürich wurde ein Lehrer verhaftet, weil er im Deutschunterricht Frank Wedekinds Pubertäts-Theaterstück «Frühlingserwachen» unterrichtete. Das sei Pornographie, hiess es.

Und jetzt wird in St.Gallen ein Zeichnungslehrer verhaftet, weil eine Schülerin sagt, sie sei von ihm missbraucht worden. Und weil er im Unterricht Pornographie zeigt. Also: grosse Werke der Kunstgeschichte. Schiele. Picasso. Balthus. Natürlich Courbets «Ursprung der Welt». Ein Bild, das Facebook täglich dutzendfach zensiert. Ausgerechnet in St.Gallen. Wo im Januar ein Kunstwerk der Mediengruppe Bitnik konfisziert wurde, weil es Ecstasy-Pillen beinhaltete. Die Kunst hat es schwer in St.Gallen.

Sabine Boss, früher Aargauerin, heute Zürcherin. Wie so viele.
Bild: Sandra Ardizzone/Aargauer Zeitung

Die drei ersten Fälle sind echt. Der vierte ist Fiktion. Er heisst «Verdacht». Gedreht hat ihn der Boss. Sabine Boss. Die Frau, die letztes Jahr mit der Pedro-Lenz-Verfilmung Der Goalie bin ig die Schweiz in einen seligen Berner Retrorausch stürzte. Zeigte, wie man mit traumhafter Leichtigkeit einen Film macht, der weh tut wie alle Liebeskummer eines Lebens zusammengenommen und ebenso wohl.

Ihr Boss-Sein, ihr Laut-Sein hat Sabine Boss in besetzten Häusern gelernt.

Die Preise flogen Sabine Boss dafür nur so um die Ohren. Sie und ihr Team hatten für den schlecht geförderten «Goalie» auf viel Geld verzichtet, ihr eigenes Gehalt, das dem «einer schlecht bezahlten Nähschullehrerin ohne 13. Monatslohn» entspreche, kürzte sie um einen Drittel. Der Glaube an den «Goalie» lohnte sich. Und jetzt ist da «Verdacht». Ein anderes Genre, aber genauso rund.

Sabine Boss ist exakt 100 Jahre nach Courbets verbotenem Blick zwischen die Beine einer Frau zur Welt gekommen, also 1966. Als Pfarrerstochter in Aarau, eine, mit einer «sehr kleinbürgerlichen Revolte», wie sie sagt. Ein bisschen Punk, ein bisschen blaue Haare, ein bisschen in einer Band singen: «Die coolsten Buben im Gymi trugen damals Doc Martens, fuhren nach London und kamen mit ein paar Stickern zurück. Ich hab das mehr so am Samstagabend aus der Ferne beobachtet.»

Doch nach dem Gymi besetzte sie Häuser. Fünf Jahre lang. In «Glanz & Gloria» sagte sie, sie habe ihr Durchsetzungsvermögen, die argumentativen Schachzüge damals an den Vollversammlungen der Besetzer gelernt. Das Boss-Sein. Das Laut-Sein. Das es braucht, um seit 15 Jahren Filme zu machen. Einen «Ernstfall in Havanna», viele Folgen von «Lüthi & Blanc» und «Tag und Nacht». Krimis, Komödien. Von denen nicht alle so gut waren wie der «Goalie» und «Verdacht».

Was bedeutet es für eine Ehe, wenn der Mann auf Mädchen stehen könnte? Imanuel Humm als Lehrer, Mona Petri als seine Frau. 
Bild: Daniel Ammann

Aber Sabine Boss ist ein Workaholic. Und arbeiten heisst lernen. Viel arbeiten heisst viel lernen. Im Moment bereitet sie einen «Tatort» vor, hat ein Projekt in Deutschland ob und einen neuen Schweizer Kinofilm, zu dem sie aber noch gar nichts sagen will. Sie nennt das «ruhig». Und sie brauchte gerade einen ruhigen Sommer, weil ihr Freund, der Schauspieler Andreas Matti (der Rektor im «Verdacht»), einen Herzinfarkt hatte. Auf der Bühne, wie es sich für einen Schauspieler gehört. Es geht im wieder bestens.

Sie fragt sich das als Filmemacherin oft: Wie lange sind die Themen, die wir aus der Schweiz liefern, überhaupt noch relevant?

Die Subversion der Kinder von heute liegt ganz woanders als in blauen Haaren und Stickern, das zeigt «Verdacht» sehr schön. Liegt zum Beispiel in der enthemmten Beherrschung ihrer Elektrogeräte. Denn der Verdacht, dem der Lehrer ausgesetzt ist, erhärtet sich nicht über die Realität, sondern über die Virtualität. Und das Netz, das da gesponnen wird, ist von einer diabolischen Haltbarkeit. Und immer, wenn man denkt, diese Lösung könnte jetzt aber etwas naheliegend sein, dann kommt es viel besser. Und es kommt schnell.

Teenager (Rabea Egg), gefährdet und gefährlich.
Bild: Daniel Ammann

Ein Herzensthema von Sabine Boss ist die Flüchtlingskatastrophe. «Das ist so grauenvoll. Das Leiden dieser Menschen übersteigt unser Vorstellungsvermögen.» Wird sie darüber arbeiten? «Ich unterstütze Hilfsorganisationen, ich setze mich privat ein, aber ich habe kein Filmprojekt dazu im Kopf.» Noch nicht. Es gärt in ihr. «Es ist die Aufgabe der Kunst, sowas aufzunehmen und in Stoffe umzusetzen.»

Sie findet deshalb die zehn jungen Regisseure, die in Locarno ihr Gemeinschaftsprojekt, den Schweiz-Untergangsfilm «Heimatland» zeigten, grossartig. Denn «Heimatland» ist Interventions-, nicht Repräsentationskunst. Sie fragt sich das als Filmemacherin oft: Wie lange sind die Themen, die wir aus der Schweiz liefern, überhaupt noch relevant? Sind sie für Europa auch nur ansatzweise wichtig? Braucht es überhaupt sowas wie Komödien? Es fühle sich, sagt sie immer schaler an, diese Schweiz und ihren Reichtum, in dem wir sitzen, zu verteidigen. Denn das Elend drückt von aussen mit Macht dagegen.    

Filme von Sabine Boss am ZFF und am Fernsehen

Der Goalie bin ig: SRF1, So, 27.9., 20 Uhr.
Verdacht: Zurich Film Festival, Di, 29.9., 20.45, Kino Arena, Zürich. Und: SRF1, So, 4.10., 20 Uhr.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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