Schweiz

Mit dieser Szene aus «Eyes Wide Shut» hat Stanley Kubrick die Denkmalpflege vieler Schlösser erheblich gestört. Bild: Warner Bros.

Immer dieser Sex!!!

Die Wahl der Qual: Hollywood goes Sado-Maso. Oder wie «Gone Girl» und «Fifty Shades»miteinander zusammenhängen 

08.10.14, 18:10 09.10.14, 14:52

Jahr für Jahr wird in der Schweiz, in England, Deutschland oder Österreich ein neues Sex-Schloss geoutet, und in Frankreich fragt schon gar keiner mehr nach, denn wen wundern schon Orgien in Frankreich. Die Schlösser sagen regelmässig das Gleiche, sie sagen, ja, klar, es sei halt eine Sache der Nachfrage. Denn seit Stanley Kubricks Film «Eyes Wide Shut» (1999), wo Tom Cruise eine maskierte Sex-Party in einem Schloss besucht, wolle die bedürftige Menschheit genau das. 

Ein Film, dazu noch einer aus dem Arthouse-Segment, bestimmte also plötzlich das Verhalten der gehobenen Swinger-Szene. Und bestimmt es noch heute. Der deutsche Anbieter Xklusiv, dessen November-Orgie in einem noch geheim gehaltenen Schloss im Umkreis von Frankfurt ausverkauft ist, zitiert weiterhin munter Kubrick. Eine Leinwand-Fantasie wurde Werbung und Wirklichkeit.

Trailer zu «Eyes Wide Shut»

video: youtube/ Lancaster Dodd

An einer Tagung in Hamburg berichteten kürzlich Prostituierte, dass sie gegen viel Geld Szenen aus der sadomasochistischen Literatur für ihre Kunden nachstellen würden. Besonders beliebt seien dabei die Schriften des Franzosen Alain Robbe-Grillet (1922–2008). Der scheint direkt beim Marquis de Sade eine Klasse in kreativem Schreiben belegt zu haben. 

Alain Robbe-Grillets Witwe Catherine, 83, betreibt derweil in der Normandie ein Lustschloss und ist dort Dominatrix über andere, jüngere, wunderschöne französische Dominas, die nicht immer nur männliche Sklaven quälen können, sondern ab und zu selbst ein paar gewaltsame Streicheleinheiten brauchen. Die amerikanische «Vanity Fair» hat die strenge Witwe und ihren Zofen-Hof Anfang Jahr besucht und kam zum Schluss, dass sich «Fifty Shades of Grey» (2011) dagegen wie ein Disney-Familienfilm ausnimmt.

Catherine Robbe-Grillet mit ihrer Lieblingssklavin Beverly Charpentier. Bild: Screenshot «Vanity Fair»

Der Schund-Schinken von E.L. James wiederum brachte der Sexspielzeug-Industrie den grössten Boom seit Dildogedenken. Die Leute konsumierten das Buch offensichtlich als Ratgeberliteratur. Und es war Viagra für den serbelnden Buchhandel. Bis heute hat sich die Trilogie über einhundert Millionen mal verkauft, und wenn am Valentinstag 2015 der Film in die Kinos kommt, dürften es noch einige Millionen mehr werden. So, wie sich auch Gillian Flynns Roman «Gone Girl» jetzt, wo David Finchers (leicht enttäuschende) Verfilmung weltweit einen Traumstart hinlegte, noch einmal blendend verkaufen dürfte.

Und da sind wir an einem interessanten Punkt: «Fifty Shades of Grey» und «Gone Girl» (von 2012) sind zwei populärkulturelle Bestseller von Frauen. Im einen geht es ganz offenherzig um das softe Ausleben sado-masochistischer Sexualtendenzen. Im andern nicht. Im andern ist der Sado-Masochismus sublimiert und findet auf einer psychologischen Ebene statt. Beide Autorinnen lieben, ganz wie Catherine Robbe-Grillet, die Wahl der Qual, im Gegensatz zur französischen Philosophin unter den Dominas beschränken sich die beiden auf die heterosexuelle und damit grösste Baustelle im Geschlechterkampf.

Hier sehen wir einen Kontrollfreak beziehungsweise eine Meta-Domina: Rosamund Pike in «Gone Girl». Bild: Twentieth Century Fox

In beiden Romanen geht es zudem um eine Verschriftlichung von Machtverhältnissen. In «Shades of Grey» schliessen die beiden Protagonisten einen Vertrag miteinander ab, ein ausgeklügeltes Regelwerk, das jede Nuance ihres aussergewöhnlichen Beziehungshandels ganz klar festlegt und beide Seiten gleichermassen begünstigt. Und, so sagte 2012 die israelische Soziologin Eva Illouz, das dem verunsicherten Subjekt der Gegenwart eine neue Form der überversicherten Sicherheit erlaube.

Postfeministische Utopie

In «Gone Girl» inszeniert das Paar zu jedem Jahrestag eine Schatzsuche: Die Frau fertigt kleine, ausgefeilte Rätselbriefe in Reimen an, die zu einem Schatz und schliesslich zu ihr führen, und die der Mann nur lösen kann, wenn er sich im vergangenen Jahr mit allergrösster Aufmerksamkeit seiner Partnerin gewidmet hat. Das Spiel ist eine Prüfung, mit der sie ihn beherrscht, und als er nicht mehr gehorcht und sich nach ein paar Ehejahren eine Geliebte nimmt, muss er – ganz nach den Gesetzen von Sado-Maso – bestraft werden. Das Spiel verwandelt sich in reinen Horror.

Erkennen Sie die Maske? Auch diese «Fifty Shades»-Ausgabe huldigt «Eyes Wide Shut». Screenshot: amazon 

Und so hat sich denn Sado-Maso als neue Beziehungsmatrix fest im Unterhaltungs-Mainstream eingenistet. Es sind nicht mehr das Leiden und die Rachefeldzüge einer misshandelten Frau, wie beispielsweise einer Lisbeth Salander in Stieg Larssons «Millenium»-Trilogie (2005-2007), das sado-masochistische Züge trägt. Es ist jetzt das ganze Selbstbild einer Beziehung, dem sich beide Seiten freiwillig unterwerfen (sollten). Es ist die zeitgemässe Nivellierung einer konservativen heterosexuellen Geschlechterdynamik. Die Gleichberechtigung unter dem Zeichen der neunschwänzigen Katze. Eine postfeministische Utopie.

Der Vertragsbruch

So richtig spannend, das zeigt die Lektüre-Erfahrung von «Fifty Shades», ist das allerdings nicht. Zu sehr wird das Konstrukt einer dominant-devoten Beziehung selbst vom Buchhaltungskram dahinter dominiert. So richtig spannend, das zeigt «Gone Girl», wird es, wenn der Vertrag gebrochen wird und damit eine Seite das Recht auf richtige Gewalt erhält. Im fiktionalen Raum eines Thrillers jedenfalls. Was diese Radikalisierung einer Beziehungsfantasie in die Realität übersetzt heissen könnte, das mag man sich gar nicht vorstellen.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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