ETH-Forscherin zu Kosten des Klimawandels: «Mehr als eine Coronapandemie pro Jahr»
Frau Barrage, Sie sind Wissenschaftlerin und beschäftigen sich täglich mit Klimaszenarien. Hat Sie dieser historische Sommer überrascht?
Dass es heisser wird, wissen wir schon lange. Wenn wir Treibhausgase in die Atmosphäre einbringen, erwärmt sich die Erde. Ich war also nicht überrascht, und trotzdem war ich schockiert. Solche Extreme im eigenen Land zu erleben, das macht etwas mit einem.
In Ihrer Forschung modellieren Sie die globale Wirtschaft, den Klimawandel und den globalen Kohlenstoffkreislauf. Was ist das Ziel solcher Modelle?
Wir wollen die Hauptkosten und -nutzen des Klimawandels und der Klimapolitik aus ökonomischer Sicht zusammenfassen. Dazu bringen wir die Forschung aus verschiedenen Bereichen zusammen. Das Ziel ist es, ein Werkzeug zu haben, das uns die Kosten transparent aufzeigt und das uns sagen kann, was sich verändert, wenn wir andere Annahmen über die Zukunft treffen. Wie geht es uns mit dem Klimawandel? Aber auch: Wo stehen wir eigentlich mit der Klimapolitik?
Und? Wo stehen wir?
Wir sehen ganz klar: Die Welt macht nicht genug. Verglichen mit den Kosten, die der Klimawandel verursacht, würde es wirtschaftlich viel mehr bringen und käme es uns billiger, wenn wir unsere Emissionen stärker reduzieren würden. Wir sind da sehr weit von einem Optimum entfernt – und auch sehr weit davon, die Klimaziele einzuhalten, die sich die Welt eigentlich gesetzt hat.
Kann man beziffern, wie viel die globale Wirtschaft der Klimawandel kostet?
Ja. Unser Modell sagt uns, dass wir bis Ende des Jahrhunderts Einbussen von etwa fünf Prozent des globalen Bruttosozialprodukts einbüssen werden – pro Jahr. Das tönt vielleicht nach nicht so viel …
Aber?
Die Coronapandemie hat uns in einem Jahr drei Prozent des globalen Bruttosozialprodukts gekostet. Es wäre also, rein wirtschaftlich, jährlich deutlich mehr als eine Coronapandemie. Und dieser jährliche Wert wirkt sich indirekt auf das langfristige Wachstum noch ein zweites Mal aus: Wenn wir weniger produktiv sind, weniger Einkommen haben, werden wir weniger investieren, womit die Wirtschaft auch im nächsten Jahr weniger wächst.
Barrages Forschungsarbeit befasst sich mit den makroökonomischen und fiskalischen Auswirkungen der Klima- und Energiewende sowie mit der Rolle neuer Energietechnologien in diesem Zusammenhang.
Sind hier die Bemühungen der Staaten gegen den Klimawandel eingerechnet?
Ja, die Modelle gehen davon aus, dass sich der Klimaschutz weiter verstärkt, allerdings im gleichen Tempo wie bisher. Man muss zu diesen Ergebnissen aber auch sagen, dass wir gerade an einem «Update» für unsere Modelle arbeiten. Es gibt eine Menge neue Forschung und die geschätzten Kosten dürften noch höher ausfallen als bisher gedacht.
Welche «Updates» erhalten die Modelle?
Die Welt verändert sich jeden Tag. Wir sind daran, drei spezifische Entwicklungen aufzunehmen: Erstens sind die Klimakosten höher als bisher gedacht. Der Durchschnitt der Kosten, die von verschiedensten Studien errechnet werden, ist deutlich nach oben gegangen. Zweitens fallen die Kosten sauberer Energien schneller als gedacht. Und drittens geht die Geburtenrate stärker zurück, als man früher angenommen hat.
Welche Länder oder Regionen werden die Kosten am stärksten zu spüren bekommen?
Diejenigen, die besonders heiss und besonders arm sind. Dort reden wir nicht von einem wirtschaftlichen Problem, sondern von einer fundamentalen humanitären Krise. Das sind Länder in Subsahara-Afrika oder auch Indien und Pakistan. Dort kommt alles zusammen: Hitze, zum Teil Überschwemmungen, landwirtschaftliche Abhängigkeit und wenig Schutz vor Naturkatastrophen.
Und wie gestalten sich die Kosten, die auf die Schweiz zukommen?
Ich finde es wichtig, zu bedenken, dass es hierzulande viele Kosten und Risiken gibt, die gut bekannt sind. Das sind zum Beispiel die Übersterblichkeit durch die Hitze oder eine Reduktion der Ernteerträge. Es gibt aber auch viele Aspekte, die in den Medien wenig vorkommen und der Öffentlichkeit noch nicht so bekannt sind.
Zum Beispiel?
Man weiss zum Beispiel aus der Forschung, dass die Menschen mehr Unfälle haben, wenn es heiss ist. Oder die Leistung von Schülerinnen und Studenten: Sie lernen bei stärkerer Hitze weniger pro Jahr. Die Produktivität der arbeitenden Bevölkerung nimmt ab. Und aus der Gesundheitsforschung wissen wir zunehmend, dass die Hitze auch bei gesunden, jungen Leuten oder kleinen Kindern zu mehr Kosten und Hospitalisierung führt – nicht nur bei alten. Das sind alles Dinge, die wir vielleicht nicht bewusst wahrnehmen, die aber jetzt schon da sind: in den Daten, in den Statistiken.
Gibt es weitere Schweiz-spezifische Kosten des Klimawandels?
Viele Leute haben vielleicht das Gefühl, dass wir hierzulande relativ sicher sind. Ja, die Schweiz ist ein stabiles Land, aber wir sind extrem mit der Welt verbunden. Aus wirtschaftlicher Sicht gibt es zahlreiche indirekte Effekte, die uns allein deshalb betreffen, weil die Schweiz ein stark vernetztes Land ist.
An welche Effekte denken Sie?
Wenn durch den Klimawandel Lieferketten unterbrochen werden, betrifft uns das. Der Migrationsdruck wird zunehmen. Der Klimawandel wird sich auf die Energieproduktion, die Energienachfrage und den Preis auswirken und er kann Verwerfungen an den Finanzmärkten provozieren. Das sind alles indirekte, etwas versteckte Mechanismen, welche die wirtschaftliche Leistung beeinträchtigen können.
Sie sprechen die Finanzmärkte an – nicht der erste Ort, an dem man Auswirkungen des Klimawandels erwarten würde. Was sind dort die Risiken?
Es gibt zum Beispiel Studien, die zeigen, dass gewisse Gemeinden in den USA, die höheren Klimarisiken ausgesetzt sind, bereits jetzt mehr zahlen müssen, wenn sie sich an den Märkten Geld leihen. Dasselbe gilt für Unternehmen, die der Klimawandel verstärkt treffen wird. Gleichzeitig steigen vielerorts die Versicherungskosten. Das heisst: Die Märkte beginnen langsam, die spezifischen Risiken einzupreisen.
Trotzdem hat man das Gefühl, dass gerade in der Finanzwelt viele Risiken noch unterschätzt werden.
Ja, wahrscheinlich sind zahlreiche Vermögenswerte derzeit überbewertet, weil sie die Klimarisiken noch nicht in Betracht ziehen, was wiederum das Risiko für eine Blase verstärkt. Ein klassisches Beispiel sind die Immobilienpreise. Das gilt gerade für Regionen, in denen die Menschen, die mit ihrer Nachfrage diese Preise bis jetzt bestimmt haben, nicht gut informiert sind über den Klimawandel oder nicht daran glauben. Das ist in den USA gut belegt. Besteht in solchen Risikoregionen eine Blase, die irgendwann platzt, kann sich das natürlich auf Banken und Finanzmärkte auswirken.
Viele reden darüber, dass wir uns jetzt auf eine Anpassung an den Klimawandel fokussieren sollten, und weniger auf dessen Verhinderung. Was sagen Sie dazu?
Ich halte das für eine falsche Dichotomie. Das heisst: Es macht für mich überhaupt keinen Sinn, das als Entweder-Oder-Szenario anzuschauen. Wir können sowohl bei der Emissionsreduktion als auch bei der Anpassung mehr tun, weil beides wirtschaftlich Sinn macht und das am Ende die Kosten verringert. Wir würden ja auch nicht sagen: Lass uns aufhören, Krebsvorsorge zu machen und einfach mehr Geld in Chemotherapie-Medikamente stecken.
Klimaschutz heisst in der Schweiz für viele: CO2-Reduktion über den Kauf von Emissionszertifikaten im Ausland. So schlägt Energie- und Umweltminister Albert Rösti vor, die für das Klimaziel benötigten Reduktionen vermehrt in Form von Auslandszertifikaten anderen Ländern abzukaufen. Was denken Sie über die Effektivität dieses Instruments?
Generell macht es extrem viel Sinn, zuerst dort die Emissionen zu reduzieren, wo es billiger ist – egal, wo auf der Welt das ist. Wir haben limitierte öffentliche Mittel für den Klimaschutz und über Zertifikate kann man, global gesehen, mehr CO2 einsparen, wenn wir diese Mittel gezielt dort einsetzen, wo sie am meisten Reduktionen pro Franken erzielen.
Mit anderen Worten: Es macht also mehr Sinn, wenn wir das CO2 hier bei uns ausstossen und dafür bezahlen, weil wir wirtschaftlich damit effizienter produzieren können?
Ja. Das heisst aber nicht, dass das immer so ist und dass auf diese Art und Weise nicht auch schon Geld in den Sand gesetzt wurde. Man muss die einzelnen Projekte und Initiativen genau beurteilen.
Was kann die Schweiz, global gesehen, für das Klima tun?
Der stärkste Hebel, den die Schweiz hat, ist die Innovation. Dem wird manchmal nicht genügend Rechnung getragen. Unser Land selbst stösst nur einen kleinen Teil der globalen Emissionen aus. Aber wenn wir saubere Technologien weiterentwickeln und diese Technologien dabei andernorts helfen, effizienter zu wirtschaften und den gesteigerten Energiebedarf zu decken, können wir damit für das Klima viel mehr bewegen, als wenn wir uns nur auf uns selber konzentrieren. Und gleichzeitig fördert das ja auch unsere Wettbewerbsfähigkeit.
Das heisst also: weniger Subventionen für Solarpanels und mehr für die Innovation?
Nein. Ich plädiere dafür, jede Massnahme einzeln anzuschauen und zu beurteilen. Da kann überhaupt nichts pauschalisiert werden. Ich glaube aber schon, dass wir bei einigen Subventionen woanders mit demselben Geld mehr bewirken könnten.
- SVP-Bauer will Klimaprobleme mit Jeeps in den Alpen lösen
- Warum der Klimaschutz in der Schweiz trotz Hitze und Trockenheit kaum vorankommt
- Bisherige Massnahmen reichen nicht – Experten fordern stärkeren Klimaschutz der Schweiz
- Anti-Klimaschutz: USA stehen vor bedeutender Kurswende
- Das «Klima-Paradox» – und wie wir davon loskommen
