Bisherige Massnahmen reichen nicht – Experten fordern stärkeren Klimaschutz der Schweiz
Der Klimapolitik der Schweiz mangelt es an Weitsicht und Kohärenz. Mit den bisher ergriffenen Massnahmen könnten die gesetzlich festgelegten Ziele nicht erreicht werden, stellte eine Expertengruppe der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz fest. Dabei sei die Schweiz überdurchschnittlich stark vom Klimawandel betroffen.
Die Schweiz habe sich 2025 mehr als doppelt so schnell erwärmt und im Vergleich zur vorindustriellen Referenzperiode eine um drei Grad höhere Durchschnittstemperatur erreicht, wie die Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) in ihrem am Donnerstag veröffentlichten Bericht aufzeigte. Die Auswirkungen dieser Erwärmung spürten denn auch die Gebiete in den Alpen, der Tourismus und die Ökosysteme deutlich: Hitzewellen, Starkniederschläge, Trockenperioden und das Schmelzen von Gletschern und Permafrost nahmen deutlich zu.
Weiter gehöre die Schweiz zu den Ländern mit den höchsten Pro-Kopf-Emissionen weltweit, hiess es von den beauftragten Wissenschaftlern. Dies vor allem, wenn man die durch den Schweizer Konsum verursachten Emissionen im Ausland auch berücksichtigt. Doch dafür fehle es aktuell an Gegenmassnahmen.
Die beiden Hauptquellen für CO2-Emissionen seien in der Schweiz jedoch der Verkehr und die Gebäudeheizung, schrieb der Klimaexperte der ETH Zürich, Anthony Patt, auf Anfrage von Keystone-SDA. Ausserdem bedauerten die Wissenschaftler die Zurückhaltung des Schweizer Finanzplatzes, der mit seinem grossen Kapitalvolumen eine «Schlüsselrolle» bei der Anpassung an den Klimawandel spielen könnte.
Klimaschutz hat zahlreiche Zusatznutzen
Gemäss dem Bericht braucht es für einen funktionierenden Klimaschutz mehrere Hebel: Regulierung, Förderung und marktbasierte Lenkung; die Umlenkung öffentlicher und privater Investitionen in eine klimafreundliche, resiliente Infrastruktur und Energieproduktion, sowie der Abbau von Subventionen für fossile Energieträger. Kreislaufwirtschaft und verhaltenslenkende Instrumente seien ebenso wirkungsvoll.
Würde all dies umgesetzt, gäbe es zahlreiche Zusatznutzen, betonten die Wissenschaftler. Dazu gehören eine bessere Luftqualität, Gesundheit, Lebensqualität, Versorgungssicherheit und Unabhängigkeit. Ausserdem böten sich neue wirtschaftliche Chancen.
Konkret sind damit das Umrüsten auf Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen gemeint, so Patt. «In beiden Fällen sind zwar Anfangsinvestitionen erforderlich, doch beide Massnahmen führen über die gesamte Lebensdauer der Investitionen zu Kosteneinsparungen. Es handelt sich also um Win-Win-Situationen für das Klima und die Haushalte. Ähnliche Möglichkeiten gibt es auch in der Industrie», so der Experte.
Es gäbe aber auch einige Fälle, bei denen der Klimaschutz Zusatzkosten verursacht – beispielsweise beim Fliegen mit CO2-neutralem Kerosin. «Doch die Mehrkosten in diesen Bereichen dürften geringer sein als die Kosteneinsparungen beim Autofahren und Heizen», schrieb Patt weiter.
Bisherige Massnahmen reichen nicht
Die Wissenschaftler machten deutlich: Die bisherigen Massnahmen im Klimaschutz reichen nicht aus, um eine CO2-Neutralität bis ins Jahr 2050 zu erreichen. Es gehe einfach zu langsam, erklärte Gian-Kasper Plattner von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) am Donnerstag vor den Medien.
Im Bericht stellten die Forschenden auch fest, dass ein Teil der Umsetzung der Klimaziele der Schweiz, nämlich die Halbierung der Treibhausgasemissionen bis ins Jahr 2030, auf dem Kauf ausländischer Emissionsgutschriften beruht. Mit anderen Worten: Die Schweiz kompensiert ihre eigenen Emissionen, indem sie unter anderem Projekte zur nachhaltigen Entwicklung im Ausland finanziert. Dies möge kurzfristig kostengünstiger sein, berge jedoch die Gefahr, dass die notwendigen Massnahmen zur Erreichung der gesetzlich verankerten Ziele verzögert würden.
Die nun veröffentlichte Analyse knüpft an einen früheren Bericht von 2016 an. Nun hätten die Wissenschaftler die Erkenntnisse vertieft und ein besseres Verständnis für die durch den Klimawandel verursachten Extremereignisse. «Wir wissen, was funktioniert, aber wir haben auch Grenzen erkannt, die wir vor einigen Jahren noch nicht gesehen haben», sagte etwa Sonia Seneviratne, Professorin an der ETH Zürich dazu. (pre/sda)
