Das «Klima-Paradox» – und wie wir davon loskommen
Vor sieben Jahren schwappte eine «grüne Welle» durch weite Teile Europas. Endlich schien die Menschheit im von ihr verursachten Klimawandel eine Gefahr erkannt zu haben. Dann kamen die Corona-Pandemie, der russische Überfall auf die Ukraine und weitere Krisen. Sie führten dazu, dass der Klimaschutz auf der Prioritätenliste herabgestuft wurde.
Teilweise findet ein eigentlicher Backlash statt, vor allem in den USA, wo mit Donald Trump ein Klimaleugner an der Macht ist. In der Schweiz dürfte er sich am 8. März bei der Abstimmung über die Klimafonds-Initiative manifestieren. Selbst bei den Initianten von SP und Grünen stellen sich einige die Frage, wie stark man sich dafür engagieren soll.
Die bislang kaum sichtbare Ja-Kampagne lässt darauf schliessen, dass sie angesichts eines schwierigen Abstimmungsjahres nicht zu viele Ressourcen in einen Kampf investieren wollen, der kaum zu gewinnen ist. Denn die Initiative stammt aus einer Zeit, als beim Klimaschutz vieles möglich schien. Heute ist man schon froh, wenn man einigermassen auf Kurs bleibt.
Umstrittene Zertifikate
Bei genauer Betrachtung ist das Bild differenzierter. Es wird viel in den Ausbau von erneuerbaren Energien – vor allem Solar und Wind – investiert. Es kommen günstige Elektroautos auf den Markt, was ihnen den Durchbruch bescheren könnte. Gleichzeitig ist klar, dass das Pariser Klimaziel einer maximalen Erderwärmung von 1,5 Grad unrealistisch ist.
Unter Druck geraten ist auch das Geschäft mit Zertifikaten zur CO₂-Kompensation. Sehr direkt miterlebt hat dies der Zürcher Renat Heuberger, ein Pionier auf diesem Gebiet. Er gründete die Stiftung Myclimate und South Pole, das als Vorzeigeunternehmen gefeiert wurde, bis es wegen eines Waldschutzgebiets in Simbabwe massiv angegriffen wurde.
Beim sogenannten Kariba-Projekt sei weniger CO₂ eingespart worden als behauptet, hiess es. Heuberger wies die Vorwürfe zurück, doch Ende 2023 musste er als CEO gehen. Er gründete ein neues Unternehmen und beschäftigte sich mit den zahlreichen Paradoxen, die dem Klimaschutz und der CO₂-Kompensation das Leben schwer machen.
Das Klima-Paradox
Mit seinem South-Pole-Mitstreiter Marco Hirsbrunner und dem US-Journalisten Steve Zwick schrieb er das Buch «Das Klima-Paradox», das erst auf Englisch und nun auf Deutsch erschienen ist. Speziell daran ist, dass es in Romanform verfasst wurde. «Ein Sachbuch liest niemand», meinte Heuberger am Rande der Buchvernissage in Zürich im Gespräch.
Ausgangspunkt ist das Video eines kleinen Mädchens, das nach verheerenden Unwettern im fiktiven Land Demba im globalen Süden von einer Flutwelle mitgerissen wird. Eine Gruppe Studierender aus dem ebenso fiktiven Industriestaat Canland ist dermassen schockiert, dass sie nach Demba reisen und, mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert, ein Start up gründen.
Mit dem Verkauf von CO₂-Zertifikaten wollen sie drei Ziele finanzieren: Solaranlagen für die Bewohner von Demba, die Aufforstung einer kahlgeschlagenen Region, in der sich besagtes Unwetter abgespielt hatte, und den Schutz eines Waldgebiets, dem die Abholzung für die Produktion von Palmöl droht. Doch der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.
Nach vielversprechendem Start geraten die Jungunternehmer in einen Shitstorm, in dem sie mit 25 Klima-Paradoxen konfrontiert werden, darunter das Ideologien-Paradox (für die Grünen sind Zertifikate zu liberal und für die Liberalen zu grün) oder das Transparenz-Paradox (je transparenter man informiert, umso angreifbarer wird man, nicht zuletzt in den Medien).
Damit verbunden ist ein weiteres Paradox: Medien berichten lieber über das Pflanzen von Bäumen als über den Erhalt von Wäldern, obwohl diese weit mehr CO₂ absorbieren. Nicht nur bei solchen Passagen spürt man Ressentiments bei den Autoren, und vieles in «Das Klima-Paradox» wirkt klischiert, vom Storytelling bis zu den Protagonisten.
«Seit 25 Jahren führe ich stets die gleichen Diskussionen», sagt Heuberger im Gespräch. Er verteidigt die Romanform und verweist auf seine Mutter als Testleserin. Trotz Mängeln ist zu hoffen, dass das Buch weitere Leser findet. Für die Zertifikate gibt es sogar eine Art Happy End – allerdings erst, nachdem auch Canland von einer gewaltigen Naturkatastrophe heimgesucht wird.
Wer soll was tun?
Wird der Mensch einzig durch Schaden klug? Das fürchtet auch Frauke Rostalski, Professorin für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität zu Köln. Im letzten Herbst veröffentlichte sie das Buch «Wer soll was tun? Warum wir nicht zum Klimaschutz verpflichtet sind und worin unsere Verantwortung eigentlich besteht».
Der Verfasser dieser Zeilen gesteht freimütig, dass er das Buch nicht gelesen hat. Ihm hat ein Interview mit Rostalski in der NZZ vollauf genügt. Demnach besteht «weder rechtlich noch ethisch die Pflicht, den privaten CO₂-Ausstoss zu reduzieren». Mehr noch: Auf die Frage nach dem Reizthema Luftverkehr meint sie: «Ja, Sie dürfen fliegen, hemmungslos.»
Frauke Rostalski leugnet den Klimanotstand keineswegs: «Es gibt kaum ein Anliegen, das schwerer wiegt.» In der Pflicht aber seien in erster Linie «klimawillige Staaten», die einen Klub gründen sollten. Die Europäische Union hat mit dem Emissionshandelssystem genau dies versucht. Bloss findet sie kaum Nachahmer, sondern stösst vor allem auf Widerstand.
Endgültig absurd wird Rostalskis Argumentation, als die NZZ sie zu ihrem eigenen Verhalten befragt: «Ich reise eigentlich nie mit dem Flugzeug, und wir als Familie konsumieren wenig Fleisch.» Es ist die glatte Umkehrung des Vorwurfs «Wasser predigen und Wein trinken». Eine Empfehlung für das Individuum hat sie am Ende doch noch: Bäume pflanzen …
Keine Ausreden mehr!
Eines muss man Frauke Rostalski attestieren: Ihre Widersprüche illustrieren perfekt die Verwirrung in vielen Köpfen angesichts der realen Bedrohung und der Untätigkeit gerade jener, die etwas bewirken könnten. Umso besser, dass ein weiteres Buch einer Autorin erschienen ist, das die Bekämpfung der Klimakrise auf den Boden der Tatsachen holt.
«Keine Ausreden mehr!» lautet der etwas plakative deutsche Titel des Sachbuchs, das die Datenwissenschaftlerin Hannah Ritchie von der Universität Oxford verfasst hat. Im Original heisst es «Clearing the Air», ein raffiniertes Wortspiel, und doch hat der deutsche Titel seine Berechtigung. Denn Ritchie spricht Klartext mit den Klimabremsern.
Anders als Renat Heuberger mit seinen Zertifikaten packt sie das Problem bei der Wurzel, dem klimaschädlichen Ausstoss von CO₂. Und entlarvt «die 50 dümmsten, dreistesten oder einfach nur gedankenlosesten Mythen», wie der Verlag festhält. Sie reichen von den grossen Fragen («Ist es nicht ohnehin schon zu spät?») bis zum umstrittenen Geoengineering.
Das grosse Verdienst des Buchs ist, dass die Schottin weder Hindernisse noch Widersprüche verschweigt, sondern sich für pragmatische Lösungen ausspricht: «Wenn wir uns weiterentwickeln wollen, dürfen wir nicht länger nach der einen Wunderwaffe suchen.» Also nicht auf Technologien hoffen, die vielleicht nie «massentauglich» sein werden.
Das Machbare besteht für Ritchie im Ausbau von Solar- und Windenergie, Elektroautos und Wärmepumpen. Auch AKWs sind kein Tabu. Mit Ländern, die sie vom Netz genommen haben, geht sie hart ins Gericht («Ja, Deutschland und Japan, ihr seid gemeint.»). Probleme werden thematisiert, doch Ritchie schafft es, die Leserschaft immer wieder zu verblüffen.
Man fasst sich an den Kopf und fragt sich, warum sich viele Menschen (nicht nur Donald Trump) an den fossilen Lebensstil klammern. Und im Gegensatz zu Frauke Rostalski nimmt die Autorin den Einzelnen nicht aus der Verantwortung («weniger zu fliegen, würde schon sehr viel bewirken»). Denn zur Bewältigung der Klimakrise müssten alle einen Beitrag leisten.
Hannah Ritchie ist erst 33. Sie bezeichnet sich als Optimistin, und nach der Lektüre ihres Buchs hat man tatsächlich das Gefühl, dass eigentlich alles für einen effektiven Klimaschutz vorhanden ist. Man kann sich nur wünschen, dass ihr auch didaktisch cleveres Sachbuch nicht das von Heuberger geschilderte Schicksal erleiden, sondern viele Leserinnen und Leser finden wird.
