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Gary Gilmore vor Gericht.
Gary Gilmore vor Gericht.
Bild: Ron Barker/AP/KEYSTONE

In Utah können Mörder nun wieder erschossen werden. So wie Gary Gilmore, dessen Hinrichtung eine Ära ohne Todesstrafe beendete

24.03.2015, 22:3813.04.2015, 16:44

Als der Doppelmörder Gary Mark Gilmore in den Morgenstunden des 17. Januars 1977 im Utah State Prison von den fünf Freiwilligen des Hinrichtungskommandos erschossen wurde, hatte er sein Ziel erreicht. Es war der Schlusspunkt einer beispiellosen Justizgeschichte, die von Massenmedien detailliert verfolgt wurde und die Menschenrechtsgruppen und Gegner der Todesstrafe verstört zurückliess.  

Denn Gary Mark Gilmore wollte sterben und tat alles, um den intensiv geführten Kampf gegen seine Hinrichtung zu verhindern. Doch das war nicht das einzig Bemerkenswerte an seinem Fall.

Mit Gilmores Hinrichtung ging eine Ära in den USA zu Ende: Seit fast einem Jahrzehnt waren in den USA keine Menschen mehr vom Staat umgebracht worden, nachdem der Oberste Gerichtshof entschieden hatte, dass die Strafe «grausam und ungewöhnlich» sei und die Verfassung der Vereinigten Staaten verletze. Mit Gilmore begannen die Staatstötungen wieder, bis heute dauern sie an. 2013 starben laut Amnesty International 93 Menschen durch die Todesstrafe. Und in Utah sind nun auch die Erschiessungskommandos zurückgekehrt.

«Ich habe keine Lust, den Rest meines Lebens im Gefängnis zu verbringen.»
Erklärung von Gary Gilmore, warum er die Todesstrafe bevorzuge

Gilmore hatte mit 35 Jahren die Hälfte seines Lebens hinter Gittern verbracht. Immer wieder geriet er in Streitereien und gewalttätige Auseinandersetzungen, die ihren Höhepunkt im Juli 1976 hatten: Innerhalb von zwei Tagen tötete er zwei Menschen, den Tankstellenmitarbeiter und Jura-Studenten Max Jensen und den Motel-Manager Bennie Bushnell, durch Schüsse in den Hinterkopf. Kurz darauf wurde er verhaftet und gestand seine Taten sofort. 

Die Morde allein erregten überregional kaum Aufmerksamkeit, doch Gilmores Verhalten während des Prozesses war äusserst ungewöhnlich: Nachdem er am 7. Oktober zum Tode verurteilt worden war, verzichtete er trotz Anraten seiner Anwälte auf jede Berufung und bestand auf seiner Exekution. «Das ist meine eigene Entscheidung. Sie wird durch nichts anderes bestimmt als durch das Faktum, dass ich keine Lust habe, den Rest meines Lebens im Gefängnis zu verbringen.»

Gilmores Motiv für die Morde konnte nie zufriedenstellend geklärt werden. Er hatte sich vor den Taten mit seiner Freundin Nicole Barrett gestritten, einer 19 Jahre alten Mutter von zwei Kindern. Sie hatte Gilmore mit ihrem Ex-Mann betrogen, Gilmore brachte sie daraufhin zu ihrer Mutter, wollte sie später jedoch zurück, doch da hatte sie sich schon aus Angst vor seinem Jähzorn versteckt. 

Kurz darauf geschah der erste Mord, einen Tag später der zweite. Später sollten sich Gilmore und Barrett wieder versöhnen, gemeinsam unternahmen sie sogar einen Selbstmordversuch – sie in Freiheit, er im Gefängnis. Gilmore hatte bereits zuvor viele Male versucht, sich das Leben zu nehmen.

Sind Erschiessungskommandos in der heutigen Zeit tolerierbar?

Nach der Verurteilung zum Tode entwickelte sich ein skurriler Kampf: Während Gilmore auf seiner Hinrichtung durch ein Erschiessungskommando bestand («Ich komme mit dem Leben nicht zurecht»), formierten sich Hinrichtungsgegner und Menschenrechtsgruppen und versuchten, die Vollstreckung zu verhindern. Selbst der Richter, der Gilmore verurteilte, hegte grundsätzliche Zweifel an der Todesstrafe. Schliesslich war in Utah seit 16 Jahren kein Mensch mehr vom Staat umgebracht worden. 

«Macht's doch endlich, ihr Feiglinge!»
Gary Gilmores Reaktion auf die Ankündigung einer Überprüfung des Urteils

Als Gilmores Pflichtverteidiger einen Aufschub erwirkten, schäumte er: «Haben die Leute in Utah nicht den Mut, zu ihren Urteilen zu stehen?» Er feuerte seine Anwälte. Die Bürgerrechtler-Vereinigung ACLU erwirkte beim Gouverneur des Bundesstaates eine Überprüfung des Urteils durch den Begnadigungsausschuss. Gilmores Reaktion: «Macht’s doch endlich, ihr Feiglinge!» Der Fall schaffte es bis vor den Supreme Court, der mit fünf zu vier Stimmen den letzten Hinrichtungsaufschub aufhob. 

Gilmores Geschichte hatte grossen Einfluss auf die Gesellschaft: Die Presse kämpfte um die besten Storys, der berühmte Autor Norman Mailer schrieb ein über 1000 Seiten langes Buch darüber, auch das deutsche Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL widmete dem Fall eine Titelseite. Die Tatsache, dass Gilmore nach seinem Tod Organe spendete, veranlasste den englischen Musiker TV Smith zu dem Song «Gary Gilmore's Eyes». 

Filmproduzenten boten sechsstellige Dollarsummen für die Rechte an der Geschichte. Gilmores letzte Worte, «Let’s do it», sollen sogar Inspiration für den berühmten Slogan des Sportartikelherstellers Nike, «Just do it», gewesen sein, wie der Gründer der verantwortlichen Werbefirma jüngst enthüllte

Die Vorrichtung für Exekutionen durch Erschiessungskommandos im Utah State Prison.
Die Vorrichtung für Exekutionen durch Erschiessungskommandos im Utah State Prison.
Bild: AP/POOL Salt Lake Tribune

Am Tag seiner Exekution durch ein Kommando von fünf Staatsdienern, die sich für die Aufgabe freiwillig gemeldet hatten, hielten sich hunderte Menschen vor dem Gefängnis in Utah auf, um gegen die barbarische Strafe zu demonstrieren. Sowie es auch heute noch bei Hinrichtungen üblich ist. Sie beteten, hielten Transparente in die Luft, doch die konnten nichts ausrichten. 

In den frühen Morgenstunden des 17. Januar 1977 trafen Gilmore die Kugeln des Erschiessungskommandos in die Brust. Sein Leichnam wurde verbrannt und die Asche über dem Ort Spanish Fork verstreut, dort hatte Gilmore zuletzt mit Nicole Barrett zusammengelebt.

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