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Energie

Strom aus Ausland: Die Schweiz überschreitet die neuen Grenzwerte massiv

Strom aus dem Ausland: Die Schweiz überschreitet die neuen Grenzwerte massiv

Das Stromgesetz deckelt ausländischen Strom im Winterhalbjahr auf 5 Terawatt. Dieses Ziel verfehlt die Schweiz bereits im ersten Jahr.
31.03.2026, 05:1431.03.2026, 05:14
Benjamin Rosch / ch media

Über diesen Grundsatz stritt das Parlament lange. Wie unabhängig vom Ausland soll die Schweiz beim Strom sein? Unter dem Eindruck einer drohenden Energiemangellage debattierten National- und Ständerat monatelang ein neues Gesetzeswerk, das die Schweizer Energieversorgung sicherstellen soll. Am Ende stand darin die Maxime:

«Der Import von Elektrizität im Winterhalbjahr soll netto den Richtwert von 5 TWh nicht überschreiten.»

Ein wichtiger Satz, den das Parlament ganz an den Anfang des riesigen Schweizer Strom-Erlasses stellte, gleich unter dem Titel: «Zweck, Ziele und Grundsätze».

ARCHIV --- ZUR ABSTIMMUNG UEBER DIE "ATOMAUSSTIEGS-INITIATIVE" STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Nuclear power plant Goesgen in the canton of Solothurn, Switzerland, pictur ...
Läuft wieder: Das AKW Gösgen stand zuletzt zehn Monate still.Bild: KEYSTONE

Bürgerliche Schwergewichte im Ständerat wie Beat Rieder (Mitte) und Martin Schmid (FDP) hatten auf eine solche Formulierung gepocht. Sie argumentierten unter anderem mit der Befürchtung, die Schweiz könne sich erpressbar machen vom Ausland, wenn sie nicht selber genügend Strom produziere.

Nach einem deutlichen Ja der Stimmbevölkerung im Juni 2024 trat das Stromgesetz vor etwas mehr als einem Jahr in Kraft. In diesen Tagen geht das erste Winterhalbjahr unter dessen Gültigkeit zu Ende. Und bereits jetzt zeigt sich: Die Schweiz wird ihre hehren Ziele verpassen. Dies zeigt ein Blick in die öffentlichen Daten der Plattform «Swiss Energy Charts».

Fast 20 Terawattstunden Strom hat die Schweiz demnach zwischen Oktober und März importiert. Lediglich etwas mehr als 12 Terawattstunden flossen umgekehrt in die Nachbarländer. Macht netto rund 7 Terawattstunden Stromimport – der Richtwert ist damit deutlich verfehlt.

Am meisten Energie bezieht die Schweiz aus Frankreich. Mehr als zehn Terawattstunden stammen aus der Produktion des westlichen Nachbars und ein grosser Teil davon aus dessen Kernreaktoren. Nicht wenig Strom fliesst derweil direkt durch die Schweiz nach Italien. Das Land ist an über 40 Stellen mit dem europäischen Stromnetz verbunden.

Dass die Schweiz im Winterhalbjahr auf nachbarschaftliche Hilfe angewiesen ist, ist indes nicht neu. Diesen Winter dürfte zudem ins Gewicht gefallen sein, dass mit dem Atomkraftwerk Gösgen ein grosser Pfeiler der eigenen Versorgung wegbrach. Das Kernkraftwerk hatte wegen eines Problems im Speisewassersystem fast zehn Monate stillgestanden.

Richt-, Ziel- oder Grenzwert?

Beim Bundesamt für Energie tut man sich schwer mit der Schweizer Energiebilanz im vergangenen Winterhalbjahr. Es handle sich bei der im Stromgesetz festgelegten Zahl von 5 Terawattstunden «um einen Richtwert, nicht um einen Zielwert», schreibt die Medienstelle auf Anfrage. Um sich sogleich im nächsten Satz zu widersprechen, in dem sie schreibt, dass der Bundesrat «Massnahmen vorschlagen müsste», sollte die Schweiz diesen «Zielwert» mit den bestehenden Mittel nicht erreichen.

Bis jetzt ist davon allerdings wenig zu spüren. Keine Pressekonferenz, keine Energiesparvorschläge und auch das Reservekraftwerk Birr bleibt stumm. Im Gegenteil: In seiner jüngsten Lagebeurteilung kommt das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung zum Schluss, um die Energieversorgung der Schweiz sei es gut bestellt. Es seien aktuell «keine Massnahmen in Kraft oder Inkraftsetzungen geplant».

Für die Schweiz sind das wohl gute Nachrichten: Der internationale Strommarkt funktioniert. Für das Parlament hingegen zeigt sich mehr und mehr, dass sich auch dann vortrefflich streiten lässt, wenn am Ende toter Buchstabe resultiert. (aargauerzeitung.ch)

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Squawk 7700
31.03.2026 06:38registriert Mai 2025
Nur weil man ein neues Gesetz macht, bauen sich die Windräder, Stauseen und Hochalpinen Solarkraftwerke nicht von alleine.
Da muss es endlich vorwärts gehen. Wir müssen viel mehr bauen, als bisher geplant ist, zumal die Projekte immer wieder blockiert werden. Da müssen die Einsprachemöglichkeiten massiv beschränkt und die Verfahren beschleunigt werden.
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benn
31.03.2026 06:40registriert September 2019
man deckelt den auslandstrom und verhindert in der schweiz die unstellung und förderung des öekostroms, so viel dämlichleit kann man sich nicht ausdenken! deckt endlich jedes dach mit photovoltaik und zwingt die ek das netz und die speicherkapazität endlich auszubauen anstatt neue flächen selber teuer in den alpen zu erschliessen. meine güte ohne partikularinteressen wäre es eigentlich klar was zu tun ist!
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Katerchen
31.03.2026 05:43registriert März 2023
"Am meisten Energie bezieht die Schweiz aus Frankreich. Mehr als zehn Terawattstunden stammen aus der Produktion des westlichen Nachbars und ein grosser Teil davon aus dessen Kernreaktoren. "

Das wundert mich nicht die Schweiz hat die letzten zwei Kernkraftwerke eines davon geplant in Kaiseraugst verhindert. Gebaut wurden sie dann in Frankreich und die Schweiz bezieht den Strom daraus.
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