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Das Covid-Zertifikat gilt als fälschungssicher. Bei watson hat sich ein krimineller Anbieter aus Deutschland gemeldet, der in der Schweiz gültige EU-Impfzertifikate verkauft.
Das Covid-Zertifikat gilt als fälschungssicher. Bei watson hat sich ein krimineller Anbieter aus Deutschland gemeldet, der in der Schweiz gültige EU-Impfzertifikate verkauft. Bild: keystone

Zertifikate-Dealer packt aus: «Wir versorgen hauptsächlich Schweizer Kunden»

Bei Recherchen zu gefälschten Impfausweisen ist watson auf einen weiteren Anbieter in Deutschland gestossen, der gültige Zertifikate verkauft. Angeblich handelt es sich um eine Bande, die halb Europa beliefert.
04.10.2021, 06:0604.10.2021, 06:25

Die Nachricht erreichte mich am vergangenen Dienstag über Threema: «Hey, ich verkaufe EU-Zertifikate.»

Der unbekannte Absender, dessen Pseudonym hier nicht verraten werden soll, fügte ein Zwinker-Smiley an. Und nachdem ich in den vergangenen Wochen intensiv zu den betrügerischen Angeboten bei Telegram recherchiert hatte, fiel meine Antwort äusserst kurz aus. Nämlich: «😂👍».

Ich ging davon aus, dass es sich um einen schlechten Scherz oder um einen Wichtigtuer handelte, getriggert durch den kritischen Artikel zu den Zertifikats-Betrügereien.

Einen Tag später verging mir das Lachen. Ich blickte auf eine weitere Nachricht des (oder der) Unbekannten. Es war der Beweis, dass die Person tatsächlich echte EU-Impfzertifikate beschaffen konnte, die in der Schweiz gültig sind.

Der watson zugestellte QR-Code erwies sich beim Scannen mit der Schweizer Covid-Cert-App als echtes EU-Impfzertifikat. Gültig bis am 4. September 2022.
Der watson zugestellte QR-Code erwies sich beim Scannen mit der Schweizer Covid-Cert-App als echtes EU-Impfzertifikat. Gültig bis am 4. September 2022.bild: watson
Der angeblich verimpfte Impfstoff: Janssen.
Der angeblich verimpfte Impfstoff: Janssen.bild: watson

Die unbekannte Person hatte sich tatsächlich wegen des besagten Artikels (und der darin enthaltenen Threema-ID) an mich gewendet. In den darauffolgenden zwei Tagen konnte ich über den Messenger-Dienst Fragen stellen, die jeweils rasch beantwortet wurden. Die Identität hinter dem Threema-Pseudonym ist mir nicht bekannt. Ich gebe die Antworten mehr oder weniger unbearbeitet wieder.

«Wir versorgen hauptsächlich Schweizer Kunden wegen dem Preis. Den Deutschen ist das zu teuer (...).»

Das Interview

Ich hätte nicht gedacht, dass noch jemand in Deutschland Zertifikate verkaufen würde, nachdem der Apothekerverband bei seinem IT-System nachbessern musste.
Ja, wir mussten ziemlich umstrukturieren und die Preise auf 350 Euro erhöhen.

Ab wie vielen gibt's Mengenrabatt?
Mengenrabatt gibt's ab 7 Stück, vorausgesetzt die Namen kommen in einer Tabelle und erleichtern uns die Arbeit, der Preis sinkt dann um 50 Euro pro Zertifikat.

Über welchen Kanal bietet ihr normalerweise an? Und wie sieht es mit der Nachfrage aus der Schweiz aus?
Wir sind vorübergehend aus Telegram ausgestiegen und bedienen über Wickr. Wir versorgen hauptsächlich Schweizer Kunden wegen dem Preis. Den Deutschen ist das zu teuer und die Involvierten gehen das Risiko für einen günstigen Preis nicht ein.

Wie bewerbt ihr euren «Service», nur über Mund-zu-Mund-Propaganda?
Waren kurz auf Telegram aktiv, und dann lief das über Mund zu Mund relativ gut, lässt aber langsam nach. Kannst daher, wenn du einen Artikel schreiben solltest, ruhig vergessen, den Namen zu zensieren.

watson nennt das von der unbekannten Person verwendete Pseudonym nicht, um zu verhindern, dass den Kriminellen ungewollt neue Kundschaft vermittelt wird.

Insider-Informationen
watson-Redaktor Daniel Schurter ist weiterhin über die verschlüsselte Messenger-App Threema auch anonym zu erreichen. Seine «Threema ID» lautet: ACYMFHZX. Oder du schreibst an daniel.schurter [at] protonmail.com. Wer sich beim Schweizer Secure-Mail-Anbieter (kostenlos) registriert, kann verschlüsselte E-Mails verschicken.

Wie kommt ihr an echte Zertifikate?
Wir haben zwei verschiedene Apotheken, die involviert sind. Dabei handelt es sich um welche mit mehreren Filialen, dadurch sinkt das Risiko aufzufliegen und da auch alle Zertifikate dieselbe Signatur haben, können sie nicht zurückgezogen werden, ansonsten wären auch die Zertifikate von mehreren tausend Kunden betroffen.

Wie hoch sind die bisherigen Erlöse?
Über den Gewinn spreche ich nicht, es ist jedoch mehr als nur ein Taschengeld.

Wie viele Zertifikate von euch sind denn bereits im Umlauf?
Es werden jedenfalls immer noch mehr «echte» Zertifikate ausgestellt, die «Fälschungen» sind nur ein Bruchteil, was sonst über die Apotheke läuft.

Wie viele seid ihr?
Wir sind derzeit 6 Personen.

Was kannst du zu deiner Motivation sagen? Bist du ein erfahrener Darknet-Dealer, der ein Zusatzgeschäft gewittert hat, oder ein Impfgegner, der ängstlichen Bürgern «helfen» will?
Vor einer Zeit wollte ich mit Arbeitskollegen in Berlin an eine Furry-Fetish-Party, der Hälfte wurde der Eintritt aufgrund der 2G-Regel verweigert, dann kam uns die Idee, uns die Zertifikate einfach selber auszustellen, und später auch welche zu verkaufen. Wir haben einen ehemaligen Darknet-Verkäufer in unserem Team, der eigentlich ausgestiegen ist, sich aber wieder überreden liess, solange es sich nicht um physische Produkte handelt.

Wie ist es dazu gekommen? Ich frage deshalb, weil ja die Betreiber der grösseren Darknet-Drogenmärkte meines Wissens Geschäfte mit Covid-Impfstoffen/-Zertifikaten etc. (schon früh) untersagt haben.
Das liegt einige Jahre zurück, er hat physische Ware verkauft und wurde auch «gebusted». Näher gehe ich darauf nicht ein.

Wie ist das eigentlich bei dir: Hast du keine Angst vor Ermittlern und Strafverfolgung?
Wir haben uns lange damit auseinandergesetzt und sind der Meinung, dass wir so auf der sicheren Seite stehen.

«Ja, mittlerweile bin ich selber geimpft.»

Wie sieht's mit euren Arbeitszeiten aus?
Bei den Arbeitszeiten wechseln wir uns ab, anfangs waren es nur einige Tage die Woche, mittlerweile Montag bis Freitag, wenn die Kapazität vorhanden ist auch am Wochenende.

Habt ihr keine ethischen/moralischen Bedenken? Es könnten sich ja wegen der Fake-Zertifikate Leute anstecken und schwer erkranken ...
Da hat jeder seine eigene Meinung dazu.
Wir preisen aber ganz sicher keine Verschwörungstheorien an, es ist jedem selber überlassen, ob und warum er ein Zertifikat erwerben möchte.

Was ist deine persönliche Meinung zu der Corona-Pandemie? Und vor allem: Bist du selber geimpft?
Ja, mittlerweile bin ich selber geimpft.
Ich finde es schade, dass durch die Pandemie zurzeit die Gesellschaft stark gespalten wird, da es zumal geheissen hatte, dass es keine Impfpflicht geben wird. Ob es sich nun um eine handelt, muss jeder selber für sich entscheiden.

Sich nicht zu impfen kann ja nicht die Lösung sein ... Nun denn. Weisst du schon, was du nach der Pandemie machen wirst?
Das Leben wie gewohnt fortsetzen, vielleicht auch mal ordentlich Urlaub machen.​

Seit wann verkauft ihr in die Schweiz und wie hat sich da die Nachfrage entwickelt?
Seit ungefähr zwei Monaten.
Zuerst war die Nachfrage steigend durch Mund-zu-Mund-Werbung, jetzt ist sie leicht gesunken, wir waren seither aber auch nicht mehr auf Telegram aktiv.

Kannst du noch etwas zur Popularität der in euren Zertifikaten eingetragenen Impfstoffe sagen? Lässt sich da eine klare Tendenz feststellen?
Janssen (Johnson & Johnson) ist am meisten gefragt.

Ach so. Und es ist kein mRNA, darum wohl auch bei den Schweizer Impfskeptikern beliebt(er).

Interessant aus Schweizer Sicht: Der vom US-Pharmakonzern Johnson & Johnson (J&J) auf den Markt gebrachte Impfstoff gegen Covid-19 ist in Deutschland bereits seit Anfang 2021 verfügbar, wie der Zertifikate-Dealer weiss. In der Schweiz kann man sich laut BAG ab dem 5. Oktober damit impfen lassen.

Wie kann bezahlt werden und wie bezahlen die Schweizer am liebsten?
Wir akzeptieren nur Kryptowährungen, vorzugsweise Monero, da bei Bitcoin etc. Gebühren für Mixer dazu kommen. Die Schweizer müssen sich daran halten, auch wenn sie am liebsten mit Twint zahlen würden.

Hier fügt mein anonymer Chat-Kontakt tatsächlich ein «Tränen lachendes»-Emoji ein. Ist ja eigentlich auch die perfekte Reaktion, wenn es nicht so unglaublich traurig wäre. Ich antworte jedenfalls mit zwei Emojis und dem Kommentar: «Der war echt gut!». Worauf prompt die Antwort folgt: «Ist leider kein Witz, hatten auch schon Angebote für iTunes-Karten.»

Kannst du eigentlich aufgrund der Chats einschätzen, ob es sich bei den meisten Käufern eher um jüngere oder ältere «Mitmenschen» handelt?
Aufgrund der Chats nicht, aber aufgrund des Geburtsdatums. Es handelt sich vermehrt um 30- bis 50-jährige Menschen.

Ja, klar. Das war eine Vollblamage für den Journalisten, bekanntlich wird das Geburtsdatum ins Zertifikat eingetragen.

Wie läuft das eigentlich mit den Daten der Kunden: Werden die gleich gelöscht?
Nach zwei Tagen, falls uns ein Fehler unterläuft wegen «Replace».

Oh, das heisst, ihr bietet quasi eine Garantieleistung an, zum Beispiel bei einem Tippfehler (im Namen)?
Aufgrund des neuen Systems müssen alle von Hand getippt werden, dann kommt es in seltenen Fällen zu Zahlendrehern etc.

Bei Wickr gibt's ja auch eine automatische Löschfunktion (für die Chat-Inhalte), oder?
Genau, ja.

Die Zertifikate funktionieren in der ganzen EU, wie sieht es denn mit anderen Ländern aus: Beliefert ihr zum Beispiel auch Österreich?
Wir beliefern sämtliche Länder, ja. Österreich ist tatsächlich auch öfters dabei.

* Die Fragen wurden über Threema beantwortet.

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Das Schweizer Covid-Zertifikat auf dem Smartphone

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Das Schweizer Covid-Zertifikat auf dem Smartphone
quelle: keystone / anthony anex
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