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«Rundschau»-Moderator Sandro Brotz konfrontiert SVP-Nationalrat und Medizinhistoriker Christoph Mörgeli mit dem Vorwurf, er habe für «Abschreiben» Doktortitel vergeben. 
«Rundschau»-Moderator Sandro Brotz konfrontiert SVP-Nationalrat und Medizinhistoriker Christoph Mörgeli mit dem Vorwurf, er habe für «Abschreiben» Doktortitel vergeben. screenshot srf
Interview mit Christoph Mörgeli

«Die ‹Rundschau›-Journalisten haben den beruflichen Hintergrund von kaufmännischen Angestellten»

Christoph Mörgeli will einen Bericht zu seinen Dissertations-Vergaben der Universität Zürich unter Verschluss halten, obwohl dieser ihn entlaste. Ein Gespräch über Transparenz, türkische Zahnärzte und die KV-Journalisten der «Rundschau».
28.08.2014, 15:3628.08.2014, 21:41
Maurice Thiriet
Maurice Thiriet
Chefredaktor
Maurice Thiriet
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Herr Mörgeli, die Universität Zürich betreibt Geheimniskrämerei um den Expertenbericht zu den von Ihnen betreuten Dissertationen … 
Christoph Mörgeli:
 Das war keine gesetzeskonforme Evaluation, sondern eine öffentliche Demütigungsveranstaltung meiner arbeitsrechtlichen Rekursgegnerin und damit einer Partei. 

Dazu kommen wir noch. Aber erstmal bleibt die Frage, warum Sie sich gegen die Veröffentlichung des Berichtes wehren. Es wird doch keine der von Ihnen begutachteten Dissertationen als ungenügend bewertet und es werden ja auch keine Doktortitel aberkannt? 
Das ist richtig. Korrekt ist auch der neue Entscheid, dass die Namen der Experten veröffentlicht werden müssen. Ich wehre mich aber gegen die Veröffentlichung, weil ich voll vor meine Doktoranden und deren Persönlichkeitsrechte stehe. Deren Arbeiten werden im Bericht so besprochen, dass ihre Identitäten auch bei Einschwärzung der Namen festgestellt werden können. Und nach der Schmutzkampagne, welche die «Rundschau» gegen meinen wissenschaftlichen Ruf gefahren hat, werde ich nicht auch noch Reputationsschäden für meine Doktoranden zulassen.

«Ich wehre mich aber gegen die Veröffentlichung, weil ich voll vor meine Doktoranden und deren Persönlichkeitsrechte stehe.»

Wie viele bei Ihnen entstandene Dissertationen sind denn begutachtet worden? Und wie viele von Ihren Institutskollegen? 
Es wurden 39 Doktorarbeiten des Medizinhistorischen Instituts willkürlich ausgesucht, wovon über die Hälfte von mir betreut worden ist. Diese Zahlen belegen, dass ich mit grossem Abstand der fleissigste Doktorvater war. Aber offensichtlich wird heute Fleiss und Effizienz mit der Entlassung bestraft. 

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Gut gegeben! Aber warum zeigen Sie der Öffentlichkeit den Bericht nicht einfach selber? Dann wüsste man, ob Sie sehr fleissig oder einfach sehr wohlwollend waren.  
Nein. Das kann ich aus genanntem Grund nicht. Zudem will ich diese Evaluation aus dem Recht weisen, weil sie widerrechtlich zustande gekommen ist. Die Expertenkommission hat mich nie angehört. Es ist nicht einmal bekannt, wer die sogenannten Experten waren, die meine akademische Sorgfaltsplicht untersucht haben wollen. 

Was kritisieren Sie konkret am Bericht der internationalen Experten?
Die Berufung und Zusammenstellung erfolgte widerrechtlich und ohne Einbezug der Evaluationsstelle der Universität. Und zwar durch die Universität, die alles Interesse hat, meine Entlassung nachträglich zu rechtfertigen. Die Expertenkommission hat mich als Untersuchungsobjekt nie angehört, mir also das rechtliche Gehör verweigert. Wegen der Anonymität ist nicht einmal bekannt, wer die sogenannten Experten waren und welche Qualifikation sie zur Beurteilung meiner Arbeit mitbringen.​

«Diese Zahlen belegen, dass ich mit grossem Abstand der fleissigste Doktorvater war.» 

Ein Quiz, nicht nur für Journalisten

Doch. Einer ist bekannt. Der Heidelberger Professor Eckart. Haben Sie ihn mit den Vorwürfen konfrontiert? 
Ich habe mit diesem Herrn keinen Kontakt und weiss nur, dass sein engster Mitarbeiter in Heidelberg mit meinen institutsinternen Widersachern aufs Engste befreundet ist. Die Kriterien, nach denen die Dissertationen beurteilt worden sind, würde ich ernsthaft hinterfragen. 

Welche Kriterien im Speziellen?
Insbesondere wurde nicht thematisiert, dass der damalige Institutsvorsteher Flurin Condrau mich und 11 meiner Doktoranden zwang, ihre Dissertationen innert eines halben Jahres abzuschliessen. Was dies für klinisch tätige Ärzte heisst, kann sich jedermann vorstellen. Genau so klar ist, dass unter solch enormem Zeitdruck kaum mehr das Prädikat «hervorragend» zu erreichen ist. Eine Expertenkommission hätte auch den wissenschaftlich-ehthisch-menschlichen Skandal von Condraus Zeitdruck thematisieren müssen. 

«Die Kriterien, nach denen die Dissertationen beurteilt worden sind, würde ich ernsthaft hinterfragen.»

Wer die anderen beiden Gutachter sind haben Sie noch immer nicht herausfinden können? 
Nein. Ein Jurist dürfte noch dabei gewesen sein und wahrscheinlich ein Mediziner. Aber ich weiss nicht wer. Solche Geheimzirkel gehören in eine Bananenrepublik, aber nicht in die Schweiz. Die Einsetzung dieser Kommission war ein Kniefall vor der «Rundschau», hat aber trotzdem das für das Staatsfernsehen verheerende Verdikt ergeben, dass alle Dissertationen unter meiner Leitung den Ansprüchen genügen. 

Dann können Sie uns ja problemlos Einblick in diesen Bericht geben! 
Nein, denn es handelt sich trotz allem um ein Vehikel des Mobbings und der Rufschädigung gegen einen SVP-Exponenten. Ich werde darum alles daran setzen, diesen Bericht auf gerichtlichem Weg aus dem Recht zu weisen, darum kann ich Ihnen das Papier sicher nicht zeigen.

Den Rechtsweg sollten Sie vielleicht besser nicht weiter beschreiten. Oder wenigstens einen guten Anwalt nehmen. Sie haben mehrere Fristen verpasst und formale Fehler gemacht. Das Bundesgericht hat sich sogar über Sie lustig gemacht. Warum tun Sie sich das noch an? 
Das Bundesgericht hat derzeit wenig Grund, sich über irgendjemanden lustig zu machen. Es handelt sich um einen Normalfall im Instanzenweg. Ich brauchte länger als drei Monate, um zu beweisen, dass die beiden Hauptzeugen der angeblich so leicht zu erreichenden Dissertationen bei mir gar nie doktoriert haben. Ein katastrophaler Befund für die «Rundschau». Doch das Gericht wollte diesen Umstand leider nicht berücksichtigen und hat streng formalistisch argumentiert. 

Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Sie verwechseln die Beschwerde gegen das UBI-Verdikt mit der Strafanzeige gegen die «Rundschau»-Journalisten, mit der sich das Bundesgericht noch nie befasst hat, weil die Staatsanwaltschaft Zürich gar nicht darauf eintrat, nachdem Sie eine Frist verpasst hatten.
Die beiden Verfahren hängen zusammen. Wenn die Strafuntersuchung zeigt, dass die «Rundschau» die falschen Kronzeugen gezeigt hat, dann muss auch die UBI über die Bücher. Ich werde früher oder später zu meinem Recht kommen. Es dauerte eineinhalb Jahre, bis SP-Regierungsrätin Aeppli enttarnt wurde, die unter offenkundigem Amtsmissbrauch meine fristlose Entlassung befohlen hat. 

«Ich werde früher oder später zu meinem Recht kommen.»

Sie haben bei Ihrer Beschwerde an das Bundesgericht vergessen, das für Sie ungünstige und angefochtene Urteil der Unabhängigen Beschwerdeinstanz (UBI) beizulegen! 
Die UBI wollte meine sechs Hauptvorwürfe gar nicht abklären. Keine einzige der von mir betreuten Dissertationen war ungenügend – kein einziger Doktorand musste seinen Titel zurückgeben. Der im Schattenbild gezeigte erste Hauptzeuge zu den angeblich von mir durchgewinkten Dissertationen hat nie einen Doktortitel erhalten.

Und der zweite Kronzeuge?
Dasselbe gilt für den zweiten Hauptzeugen und Empfänger eines in der Sendung gezeigten handschriftlichen Schreibens von mir. Dieses Schreiben liegt nicht im Universitätsarchiv, wie von der «Rundschau» behauptet, was eine schriftliche Bestätigung dieses Archivs belegt. 

Was gedenken Sie nun zu tun? 
Ich werde die Beweise dafür, dass die «Rundschau» falsche Doktoren als Kronzeugen präsentierte, erneut vortragen. SRF-Superintendant Ruedi Matter muss sich seiner Verantwortung stellen. Wieso hat diese Firma einen hochbezahlten CEO, wenn er keine Verantwortung trägt und bei nachweislicher Manipulation der Zuschauer disziplinarisch nicht   durchgreift. 

«Die verantwortlichen Fernsehjournalisten haben den beruflichen Hintergrund von kaufmännischen Angestellten».

Warum tun Sie sich das an? Jeder Historiker, der den fraglichen «Rundschau»-Bericht gesehen hat, weiss, dass der eine Frechheit war. Alt- und Mittelhochdeutsch editieren als Abschreiben zu bezeichnen, ist ein Affront. Warum sind Sie nicht aus dem Studio gelaufen? 
Sie und ich wissen, dass solche Transkriptionen für die historisch-wissenschaftliche Arbeit zehnmal wertvoller sind, als zwei Bücher zu einem dritten zusammenzuschreiben. Die Profi-Historiker oder Profi-Medizinhistoriker können mit den Transkriptionen der methodisch naturgemäss weniger bewanderten Mediziner viel bequemer forschen. Aber die verantwortlichen Fernsehjournalisten haben den beruflichen Hintergrund von kaufmännischen Angestellten. 

Auch kaufmännische Angestellte könnten darauf kommen. Und «Rundschau»-Leiter Mario Poletti ist Historiker. 
Ja, aber er hat an der Universität Bern offensichtlich nie eine mittelalterliche oder frühneuzeitliche Handschrift transkribiert. Sonst hätte er es nicht durchgehen lassen, dass so etwas als Abschreiben bezeichnet wird. Der breiten Öffentlichkeit fehlt diese Erfahrung ja auch. Deshalb funktionierte der Angriff auf meine wissenschaftliche Reputation und letztlich auf die der Geschichtswissenschaft als Ganzes. Aber gegen solch perfide Methoden muss ich mich wehren. Nicht nur für mich, auch im Namen der wissenschaftlichen Disziplin Geschichte.

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