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Portland Trail Blazers center Enes Kanter reacts after being called for a foul against the Denver Nuggets in the first half of Game 1 of an NBA basketball second-round playoff series Monday, April 29, 2019, in Denver. (AP Photo/David Zalubowski)

Kanter im Playoff-Spiel gegen die Denver Nuggets. Bild: AP

Staatsfeind Enes Kanter – wie ein NBA-Star aus Zürich um sein Leben fürchtet

Portland ist eine der subversivsten Städte der USA. Der in Zürich geborene NBA-Profi Enes Kanter passt perfekt dorthin. Er ist kontrovers, unterhaltsam – und in seiner Heimat Türkei ein Staatsfeind. Im NBA-Playoff soll er Portland zum nächsten Exploit verhelfen.

Nicola Berger / CH Media



Enes Kanter hat keine Heimat mehr, jedenfalls nicht im Moment. Kanter, 26, ist Türke, eigentlich, doch das Land hat ihm die Staatsbürgerschaft aberkannt, im Rahmen der unerbittlichen Vendetta der Regierung Erdogan gegen die Bewegung des im Exil lebenden Geistlichen Fetullah Gülen. Kanter gehört zu den Vertrauten Gülens, was der Grund dafür ist, dass er sich nicht mehr aus den USA hinaustraut.

Als sein damaliger Arbeitgeber New York Knicks im Januar eine Partie in London absolvierte, reiste Kanter nicht mit – er fürchtete, von den Schergen Erdogans gekidnappt zu werden. Er gilt in der Türkei als Staatsfeind, er verglich Erdogan bereits mit Hitler – und erhielt darauf Morddrohungen. Sein Vater erklärte öffentlich, er schäme sich, einen solchen Sohn zu haben.

Eines Tages Politiker?

Geschichten wie jene gibt es in der Türkei viele, doch selten treffen sie jemanden, der so im Rampenlicht steht wie der Basketballer, einen der berühmtesten Sportler seines Landes. Kanter erreicht eine grosse Öffentlichkeit, in den sozialen Medien folgen ihm fast eine Million Menschen. Er sagt: «Es gibt Tausende unschuldige Menschen ohne Stimme. Ich werde meine Plattform dazu einsetzen, um Menschenrechte und Demokratie weiter zu unterstützen.»

Es sind mehr als Lippenbekenntnisse: Kanter sagt, er könne sich vorstellen, eines Tages selber Politiker zu werden. Und an den meisten Tagen meldet er sich gegen zehn Mal pro Tag zu Wort, oft teilt er politische Botschaften und immer wieder protzige Bilder mit nacktem Oberkörper; er inszeniert sich gerne.

Am perfekten Ort gelandet

Man könnte befürchten, dass all die Onlineaktivitäten und die Drohgebärden seiner Gegner ihn in der Ausübung seiner Aufgabe beeinträchtigen würden: NBA-Profi zu sein. Die New York Knicks waren dieser Auffassung, sie kauften sich im Februar aus den letzten Monaten eines Vertrags heraus, der Kanter in den letzten vier Jahren 70 Millionen Dollar eingebracht hat. Viel Geld für einen eindimensionalen Spieler: Der Center ist offensiv brillant und defensiv ein Abenteuer.

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Kanter landete in Portland, bei den Trail Blazers, und womöglich war das ein Glücksfall. Portland, Oregon, ist ein Ort wie geschaffen für Aussätzige, subversiv und rau, eine alternative Stadt bekannt für Drogen und Rock'n'Roll; die Musikerin Beth Ditto, die Frontsängerin der Band Gossip, sagt, es sei «der perfekte Ort für Punks».

Mit solchen Dingen hat Kanter nichts zu tun, aber auch er hat einen archaischen Geist, auch er rebelliert gegen das Establishment, jedenfalls gegen das in der Türkei. Er hat für seine Überzeugungen viel geopfert. Selbst in den USA verzichtet er darauf, türkische Restaurants zu besuchen – er weiss nie, welche Reaktionen ihm entgegenschlagen.

Länger bei den Trail Blazers?

In Portland hat man für solches Verhalten Verständnis; vielleicht hat ihm das die Integration erleichtert, die auf die Probe gestellt wurde, als er nicht mit zum Spiel nach Toronto reisen konnte – wieder die Angst vor einem Attentat oder der Auslieferung an die Türkei.

Sportlich läuft es den Trail Blazers seit der Verpflichtung nach Wunsch, in der ersten Playoff-Runde schaltete das Team in fünf Spielen die Oklahoma City Thunder mit ihren Stars Russell Westbrook und Paul George aus. In der Nacht auf heute Dienstag stand der erste Vergleich mit den Denver Nuggets an, Portland verlor ihn mit 113:121. Enes Kanter kam auf 26 Punkte und 7 Rebounds.

Es ist nicht klar, was mit Enes Kanter geschehen wird nach dieser Saison, der Vertrag endet und womöglich muss er weiterziehen. Doch sollte gegen Denver der nächste Coup gelingen, steigen die Chancen auf eine Vertragsverlängerung; und darauf, dass der Nomade zumindest temporär eine neue Heimat findet.

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • (M)eine Meinung 01.05.2019 23:10
    Highlight Highlight Stark gegen einen Diktator!
  • Hüendli 30.04.2019 22:27
    Highlight Highlight Schau her, Mesut, es gibt auch Sportler mit Rückgrat...
    Hat Kanter noch irgendwelche Verbindungen in die Schweiz?
  • passiver Überströmer 30.04.2019 13:45
    Highlight Highlight Wenn er in Zürich gebohren ist, könnten wir ihm ja den schweizer Pass schenken.
    • redeye70 01.05.2019 06:30
      Highlight Highlight Dazu fehlt es unserer Regierung aber massiv an Eiern. Ausserdem würden die Türken ihn, einmal in der Schweiz, gleich entführen. Würde ja nur zu einer Protestnote führen. Türken dürfen hier nämlich auch ungestraft auf Demonstranten schiessen. Kein Wunder werden wir immer wieder herumgeschubst wie das wehrlose Kind auf dem Pausenplatz.
  • rodman 30.04.2019 11:31
    Highlight Highlight Nach meinem Verständnis kann Enes Kanter bei den Spielen in Toronto und London nicht mittun, weil er staatenlos ist und daher keinen gültigen Reisepass besitzt. Die Entführungsangst kommt vielleicht noch oben drauf (die ich nicht kleinreden möchte).



    • reaper54 01.05.2019 18:24
      Highlight Highlight @rodman die USA könnte ihm ohne Probleme ein Pass für Staatenlose ausstellen. Daher macht das mit der Auslieferungsangst durchaus sinn...
    • rodman 01.05.2019 19:48
      Highlight Highlight Nach meinem Verständnis gibts nur Reisepässe für de-jure-Staatenlose, nicht für de-facto-Staatenlose (Menschen, die zwar eine Staatsangehörigkeit hätten, aber von diesem Staat so behandelt werden, wie wenn sie keinen hätten).

      Ich glaube, Kanter fällt wohl in die zweite Kategorie. Auf jeden fall ist es sicher nicht so einfach, wie wir alle annehmen.
    • reaper54 01.05.2019 20:20
      Highlight Highlight Es gibt eben ziemlich viele verschiedene Dokumente. Nach dem 2 WK gab es mehrere Abkommen welche das regelten. Einen Fremdenpass oder ein Laisser Passer auszustellen läge jedoch im Kompetenzbereich der Amerikaner.

      Zudem erfüllt er als defacto politischer Flüchtling höchst wahrscheinlich auch die Anforderungen für einen Pass nach Konvetion 51.
  • Snowy 30.04.2019 10:09
    Highlight Highlight Danke für den Reisetipp: Auf meiner nächsten USA-Reise werd ich Portland besuchen! :-)
    • Muselbert Qrate 01.05.2019 07:05
      Highlight Highlight Na ja Portland ist jetzt nicht ganz so spannend wie hier geschrieben, Papier ist ja aber bekanntlich geduldig ✌️

      Aber wenn du Portland besuchst, geh unbedingt ins „Andina“ essen! Und es gibt dort die weltweit grössten Rollschuh-Bahn! 🤠
  • Snowy 30.04.2019 10:00
    Highlight Highlight Gut, dass es prominente wie dieser Basketballstar gibt: Sie geben all den namen- und mittelosen ein Gesicht.

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