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Fahrer eines Minibusses in Johannesburg, Südafrika. Das Land verzeichnet die höchsten Covid-19-Fallzahlen im subsaharischen Afrika.
Fahrer eines Minibusses in Johannesburg, Südafrika. Das Land verzeichnet die höchsten Covid-19-Fallzahlen im subsaharischen Afrika.Bild: AP

Afrika und das Coronavirus – ist es die Ruhe vor dem Sturm?

21.03.2020, 18:5623.03.2020, 07:27

Am 21. März ist die Zahl der bestätigten Covid-19-Fälle in der Schweiz auf über 5600 geklettert. Nicht ganz 1400 Fälle kamen in den vorangegangenen 24 Stunden hinzu. In Deutschland und Spanien nehmen die Fälle noch schneller zu. Italien verzeichnet mehr Todesfälle als China. Europa ist mittlerweile noch vor Ostasien, wo das neuartige Coronavirus erstmals in Erscheinung trat, das Epizentrum der Pandemie. Und auch in den USA steigen die Fallzahlen rasant.

Ein Kontinent aber ist bisher kaum betroffen: Afrika, besonders dessen subsaharischer Teil. Es scheint, als ob das Virus diesen riesigen Erdteil nicht heimsuchen würde. Am 20. März gab es in ganz Afrika weniger als 1000 bestätigte Covid-19-Fälle, davon knapp die Hälfte in nur zwei Ländern: Ägypten und Südafrika. Und dies, obwohl viele afrikanische Staaten enge Beziehungen zu China pflegen und zum Teil bedeutende Kontingente von chinesischen Arbeitern beherbergen.

Bestätigte Covid-19-Fälle weltweit (Stand 20. März 2020): Die Epizentren der Pandemie liegen in Europa, Ostasien und den USA. Afrika blieb bisher relativ verschont.
Bestätigte Covid-19-Fälle weltweit (Stand 20. März 2020): Die Epizentren der Pandemie liegen in Europa, Ostasien und den USA. Afrika blieb bisher relativ verschont. Karte: Johns Hopkins University

Warum ist das so?

Es gibt vermutlich mehrere Gründe dafür, dass Subsahara-Afrika – ausser Südafrika liegen alle afrikanischen Staaten mit mehr als 50 Fällen in Nordafrika – bisher derart wenig Fälle verzeichnet. Einer der Gründe könnte die im Vergleich zu anderen Weltgegenden eher bescheidene Mobilität der afrikanischen Bevölkerung sein. So reisen Afrikaner bedeutend weniger als Europäer, Amerikaner oder auch Chinesen.

Afrika ist überdies kein schwergewichtiges Touristenmagnet: Nur gerade rund fünf Prozent der interkontinentalen Reisenden fliegen den Kontinent an. Ohnehin hat Afrika weit weniger als andere Regionen Teil an der Globalisierung und ist weniger stark in die weltweiten Verkehrsströme eingebunden.

Ein anderer Grund könnte das Klima sein. Die These, das Virus gedeihe im warmfeuchten Klima nur schlecht, wurde schon verschiedentlich vorgebracht – doch sie ist nicht belegt und im Moment lediglich Spekulation. Immerhin verschonte auch die SARS-Pandemie 2003 den Kontinent; nur in Südafrika kam es zu einem Todesfall. Auch die Schweinegrippe, die 2009/2010 um die Welt ging, erwies sich in Afrika als weniger virulent; nur 1 Prozent aller Todesfälle dieser Pandemie waren dort zu verzeichnen.

Eher dürfte indes ins Gewicht fallen, dass die Bevölkerung in Afrika im Vergleich zu anderen Regionen im Durchschnitt viel jünger ist. Etwa die Hälfte ist weniger als 20 Jahre alt; das Durchschnittsalter liegt mehr als 20 Jahre niedriger als in Europa. Erfahrungsgemäss verläuft die Krankheit Covid-19 bei den meisten Kindern und jungen Erwachsenen eher milde.

Die meisten Experten sehen jedoch den Hauptgrund für die bisher niedrigen Fallzahlen im subsaharischen Afrika anderswo: Sie befürchten, dass sie mit den eingeschränkten Möglichkeiten zu tun haben, Leute zu testen. Die diagnostischen Mittel sind bei weitem nicht mit jenen der Industriestaaten zu vergleichen – und auch diese registrieren nicht alle Fälle. Tatsächlich dürften in Afrika noch weniger Fälle erfasst werden und das Virus könnte sich sehr wohl bereits in offiziell noch nicht betroffenen Gebieten verbreiten. «Ich mache mir Sorgen, dass wir da eine tickende Zeitbombe haben», sagte der Bioinformatiker Bruce Bassett von der Universität Kapstadt dem Fachmagazin «Science».

Afrika ist nicht gut gerüstet für die Coronavirus-Pandemie

So fragt sich, ob die Wucht der Pandemie Afrika auch weiterhin verschonen wird. In den letzten Tagen hat die Zahl der bestätigten Fälle auf dem Kontinent jedenfalls deutlich zugenommen, wie die Weltgesundheitsorganisation WHO in ihrem letzten Bericht feststellt:

Bestätigte Covid-19-Fälle in Afrika vom 25. Februar bis zum 18. März 2020.
Bestätigte Covid-19-Fälle in Afrika vom 25. Februar bis zum 18. März 2020. Diagramm: WHO

Und Afrika ist nicht gerade gut gerüstet für den Fall, dass die Pandemie den Kontinent überrollt. 2015 bezifferte beispielsweise eine Studie die Anzahl der Betten auf Intensivstationen in Kenia auf nur gerade 130. Auf den Stationen arbeiteten 414 Pflegekräfte; speziell dafür ausgebildet waren 204. Der ostafrikanische Staat hat fast 50 Millionen Einwohner.

Neben der schwachen Infrastruktur erschweren in manchen Gebieten auch Konflikte und destabilisierte Institutionen die Bekämpfung des Virus. Hinzu kommt oft ein – längst nicht immer unberechtigtes – Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den Behörden. So gab es bei der gerade erst abgeflauten Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo – dem bisher schlimmsten Ausbruch dort – viele Leute, die glaubten, diese Krankheit gebe es gar nicht. Sie dachten, es handle sich um eine Finte der Obrigkeit.

Ebola – das Virus ist tödlicher, aber weniger ansteckend als SARS-CoV-2 – ist eine der Krankheiten, die sporadisch in einigen Regionen Afrikas ausbricht und die ohnehin schlecht ausgerüsteten medizinischen Einrichtungen überlastet. Ein gewisser Anteil der Bevölkerung dürfte daher geschwächter sein und dadurch dem neuartigen Coronavirus weniger entgegenzusetzen haben. Wie die Erfahrungen in China und Europa zeigen, haben Patienten mit Vorerkrankungen ein höheres Risiko, an Covid-19 zu sterben. Experten befürchten deshalb, dass die Mortalität bei den Covid-19-Fällen in Afrika höher sein wird.

Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo: Die Seuche forderte indirekt mehr Tote, als am Virus selber starben.
Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo: Die Seuche forderte indirekt mehr Tote, als am Virus selber starben. Bild: EPA

Gefahr droht dabei allerdings nicht nur durch die Anzahl der schwer verlaufenden Covid-19-Erkrankungen, sondern mehr noch durch den Zusammenbruch des Gesundheitssystems. Dadurch fehlen Mittel und Personal für die Behandlung anderer lebensbedrohlicher Krankheiten. Während der jüngsten Ebola-Epidemie im Kongo starben mehr Patienten an anderen Krankheiten als an Ebola. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass bereits Mitte Februar Stimmen laut wurden, die vor einer Katastrophe in Afrika warnten: Bill Gates – der Microsoft-Gründer fördert mit seiner Stiftung Impf-Programme in Afrika – sprach davon, eine ungebremste Verbreitung des Virus könnte auf dem Kontinent bis zu zehn Millionen Tote fordern.

Drastische Massnahmen – schwierige Umsetzung

Viele afrikanische Regierungen haben drastische Massnahmen angekündigt, um dieses katastrophale Szenario abzuwenden – in einigen Ländern sogar, obwohl dort offiziell noch gar keine bestätigten Fälle vorliegen. Kenia und Nigeria haben beispielsweise Einreisesperren und Versammlungsverbote erlassen. In Sierra Leone, das bisher noch keinen einzigen bestätigten Fall aufweist, sind Versammlungen von mehr als 100 Personen verboten worden. Ausgerechnet grosse Märkte sind von diesem Verbot jedoch ausgenommen.

Eine Frau in Lagos, Nigeria.
Eine Frau in Lagos, Nigeria.Bild: AP

Die Regierung in Ruanda schloss gleich nach dem Bekanntwerden des ersten Falls Kirchen, Schulen und Universitäten. Senegal sagte die Feiern zum Unabhängigkeitstag ab. Madagaskar und Namibia streichen Flüge und sperrten die Häfen für Kreuzfahrtschiffe. Äthiopien versucht, durch die Erhöhung des Takts Passgieransammlungen im öffentlichen Verkehr zu verhindern.

Die Umsetzung der Massnahmen stösst freilich auf enorme Schwierigkeiten. «Social Distancing» ist in den dicht bevölkerten Townships der afrikanischen Metropolen kaum einzuhalten. Dort benutzen zahlreiche Pendler notorisch vollgestopfte Mini-Busse, um zur Arbeit zu fahren. Afrikanische Familien leben zudem traditionell enger zusammen und oft wohnen alle Generationen unter einem Dach. In den Dörfern, aber auch in den Slums der Grossstädte ist fliessendes Wasser rar. Viele Leute, die kaum genug Geld für Lebensmittel haben, können sich Desinfektionsmittel nicht leisten.

Social Distancing unmöglich: Pendler in Soweto (Südafrika) auf dem Weg zur Arbeit.
Social Distancing unmöglich: Pendler in Soweto (Südafrika) auf dem Weg zur Arbeit.Bild: AP

Immerhin verfügen manche afrikanischen Staaten über reiche Erfahrungen im Kampf gegen Epidemien wie Ebola, das Marburg- oder Lassa-Fieber. Mittlerweile gibt es auch – nicht zuletzt dank der WHO – in den meisten Ländern Laboreinrichtungen, die das neuartige Coronavirus nachweisen können. Sollte sich die Situation jedoch drastisch verschärfen, werden die Länder Afrikas wahrscheinlich in hohem Masse auf sich selber gestellt sein. Die westliche Welt, die jetzt selber mit der Coronavirus-Pandemie zu kämpfen hat, wird sich – diese Prognose dürfte nicht gewagt sein – kaum um das Sterben in Afrika kümmern.

Corona-Patient aus Italien

Video: srf/SDA SRF
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Coronavirus: Was du wissen musst

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quelle: ap / zoltan balogh
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