Kultur
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Lisa Bruehlmann, right, speaks for her movie

Am Zurich Film Festival gabs gleich drei Preise für Lisa Brühlmann und ihre beiden Stars Luna Wedler und Zoë Pastelle Holthuizen (von rechts). Bild: KEYSTONE

Wenn sich dein Körper brutal verändert. Lisa B. hat einen irren Pubertäts-Film gedreht

«Blue My Mind» ist frech, poetisch, verstörend und ungeheuer frisch. Die Zürcher Regisseurin Lisa Brühlmann gewinnt damit gerade Preis um Preis und ist schon um die halbe Welt gereist. Jetzt kommt er endlich in unsere Kinos.  



Fragt ein Mann seine Frau: «Angenommen, du wärst morgen tot, welchen Film würdest du der Welt gern hinterlassen?» – «Einen Meerjungfrauenfilm!». Und die Frau geht hin, dreht einen Meerjungenfrauenfilm und alle, die ihn schon gesehen haben, fragen sich: What the fuck just happened?

Haben wir wirklich gerade gesehen, wie ein wütender junger Teenie Fische aus dem Aquarium frisst, sexsüchtig wird, sich Schwimmhäute zwischen den Zehen wegschnippelt? In dem das Thema Schwänze – von Fischen und von Männern – auf sehr direkte Art präsent ist? In dem das Conny-Land seine Auferstehung als trashiges Drogenparty-Paradies feiert?

Und nein, das sind jetzt keine Spoiler. Denn dass sich die 15-jährige Mia in eine Nixe verwandelt, wird bereits im Trailer klar. Aber wie genau sie dahin kommt, das ist sowas wie die krasseste Pubertätsgeschichte, die je in einem Schweizer Film gezeigt wurde.

Trailer zu «Blue My Mind»

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Video: YouTube/tellfilm

Die Frau dahinter heisst Lisa Brühlmann, ihr Mann ist Dominik Locher. Zusammen machen sie Filme und Kinder. Von ihr kommt jetzt «Blue My Mind» ins Kino, von ihm in wenigen Wochen «Goliath». Sie erzählt, wie ultimativ monströs eine 15-Jährige die Veränderungen ihres Körpers in der Pubertät erlebt. Er, wie ein werdender Vater an Körpermasse zulegt, um zum Beschützer von Frau und Kind zu werden, und sich statt dessen in ein Monster verwandelt.

«Die Jüngste war die Schönste von allen; ihre Haut war so klar und fein wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie die tiefste See; aber ebenso, wie alle die Anderen, hatte sie keine Füsse; der Körper endete in einen Fischschwanz.»

Aus: Hans Christian Andersen, «Die kleine Meerjungfrau».

Es sind zwei sehr private Filme über Identitätsfindungen auf dem Schlachtfeld des Körpers geworden. Zwei intensive, spannende, aussergewöhnlich konsequente Filme. So, wie die Geschichte von Lisa und Dominik immer schon konsequent war. Als er sie sah und sagte: «Komm mit mir nach Hollywood.» Und sie darauf antwortete: «Aber bis in einem Jahr will ich das erste Kind.» Viel Drama, sagt sie, sei dann noch im Spiel gewesen, «aber gerade Drama macht ja die Romantik umso grösser.»  

Lisa Brühlmann

Kann sein, dass dieser Bus gerade ins Conny-Land fährt. Brühlmann gibt Regieanweisungen. Bild: Frenetic

Und wie fühlt ihr euch so, als Traumpaar des Schweizer Films? «Das hast jetzt du gesagt!» Okay, man könnte hier als Antwort auch einfach Lisas riesiges Strahlen zwischen die Zeilen stellen. Aber wie kommt eine jetzt auf die Idee mit der Meerjungfrau? Wegen Andersens traurigem Märchen, in dem eine Nixe ihr Meer und ihren Fischschwanz opfert, um vielleicht die Liebe eines Prinzen zu erlangen und zur Strafe stirbt?

«Als die Sonne über die See schien, erwachte sie und fühlte einen schneidenden Schmerz; aber gerade vor ihr stand der schöne junge Prinz, er heftete seine kohlschwarzen Augen auf sie, sodass sie die ihrigen niederschlug und wahrnahm, dass ihr Fischschwanz fort war und sie die niedlichsten kleinen, weißen Beine hatte ...»

Aus: Hans Christian Andersen, «Die kleine Meerjungfrau».

Klar war das Märchen wichtig, sagt Lisa, als Kind habe sie es geliebt und war fasziniert von den Fabelwesen aus der griechischen Mythologie, von Odysseus und seinen todbringenden Sirenen. Aber auch die Erinnerung an die eigene Pubertät spielte hinein, die Scham über die Veränderung, die Angst, all die Wut, das Fremdwerden des eigenen Körpers.

Kaum hatte sie sich entschieden, seien die Nixen plötzlich aus allen möglichen Löchern gekrochen: Bei Disney gibt’s Arielle, in «Pirates oft he Caribbean» schwadern sie rum, Nixenschwimmkurse sind im Angebot. Wenn man die romantische Tragik von Andersen von den Wasserfrauen wegnimmt, sagt Lisa Brühlmann, bleibt was sehr Starkes, Ursprüngliches, Lustvolles und vor allem Freies. «Und deshalb dachte ich, man kann das alles auch neu kodieren.» Ja, klar, gerne!  

epa04639952 A picture made available 27 February 2015 of underwater model and diving instructor Katrin Felton (L) teaching mermaiding in Hildesheim, Germany, 21 February 2015. Felton aka Mermaid Kat teaches young people as more and more young women follow suit a trend called 'mermaiding' which was basically inspire by mermaid characters in movies.  EPA/JULIAN STRATENSCHULTE

Symbolbild Nixen. Im Hallenbad von Hildesheim werden Frauen im Schwimmen mit Schwänzen unterrichtet. Bild: EPA DPA

Bevor sie Regisseurin wurde, war Lisa Brühlmann Schauspielerin. Hatte eine grosse Rolle in der SRF-Arztserie «Tag und Nacht», die nach nur einer Staffel abgesetzt wurde. Lisa Brühlmann spielte damals die Praxisassistentin Connie. Was waren wir Fans von Connie, wir wenigen, die «Tag und Nacht» treu ergeben waren ...

«Noch einmal sah sie mit halbgebrochenen Blicken auf den Prinzen, stürzte sich vom Schiffe in das Meer hinab und fühlte, wie ihr Körper sich in Schaum auflöste.»

Aus: Hans Christian Andersen, «Die kleine Meerjungfrau».

Vielleicht war die Serie zu früh für ihre Zeit, zu ungemütlich und kühl für die Schweizer Serienkonsumenten, die damals noch nicht an depressive Serien aus dem düsteren Norden gewöhnt waren. Vielleicht könnte man sie jetzt noch einmal zeigen? Wegen Connie? Und wegen der Psychologiestudentin Sophie, gespielt von einer Sarah Bühlmann, die heute Sarah Spale heisst und gerade in der Hauptrolle in «Wilder» triumphiert? Na, wie wär’s? Connie hätte damals noch Entwicklungsmöglichkeiten gehabt, «sie war zum Beispiel ein verstecktes Schachgenie».  

Dominik Locher ist 35, Lisa Brühlmann 36 und Sarah Spale 37. Sie sind die neue Generation, die gerade mit grossem Selbstbewusstsein starke Gesichter und Geschichten ins Schweizer Film- und Serienschaffen pumpt, die Erzählungen werden kühner, die Dialoge verlieren das helvetisch Überausführliche, Geheimnisse sind geheimnisvoll und werden nicht sofort verplappert.

Lisa Brühlmann

Brühlmann (links) und eine Mitarbeiterin bereiten Luna Wedler auf eine (schlimme?) Szene vor. Bild: Frenetic

Und Dinge sind möglich und sehr realistisch, die es gar nicht gibt. Zum Beispiel krasse Meerjungfrauen. So krass, dass sich Lisa Brühlmann jetzt fragt, ob sie den beteiligten Teenies beim Dreh nicht einfach eine Betreuungsperson hätte aufzwingen sollen. Denn sie selbst hatte dafür bei aller Liebe nicht allzu viel Zeit. «Manchmal musst du dich als Regisseurin einfach unbeliebt machen. Schliesslich willst du, dass der Film gut wird.»  

Okay, die Teenies haben keinen Schaden genommen. Die Jungs sind im Film eh viel nackter als die Mädchen. Und die Mädchen gar nicht so anders als die Jungs – «die Mädchen in meinem Film schauen auch Pornos, die sind genau so neugierig.». Alles ist gut. Nein, grossartig! Ein Kraftprotz von einem Schweizer Film- und Seriennovember ist geboren – jünger, wilder, härter.    

«Blue My Mind» läuft ab 9. November im Kino, «Goliath» startet am 30. November, «Wilder» läuft immer dienstags um 20.05 Uhr auf SRF 1.

Wir analysieren den neuen SRF-Krimi

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Video: watson/Simone Meier, Emily Engkent

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Karl Müller 08.11.2017 16:51
    Highlight Highlight Sie wird sexsüchtig? Wie muss man sich das in diesem Fall vorstellen? Legt sie Eier und die Jungs befruchten diese?
    • Simone M. 08.11.2017 16:57
      Highlight Highlight Sehr lustige Vorstellung! Nein, da ist sie noch (weitgehend) ein Mensch.
  • teha drey 08.11.2017 15:21
    Highlight Highlight Das Aufklärungsvideo über Wilder mahnt mich daran, dass ich auch gerne für watson arbeiten würde: Wer solchen Schwachsinn auf dem Kindergartenniveau produziert und dafür noch Geld bekommt - hat einen geilen Job!

    • teha drey 08.11.2017 17:29
      Highlight Highlight @Rendel. Sie haben recht, es ist voll pauschal. Dafür kann ich mich gerne entschuldigen. Aber eben: Der Film von Frau Meier ist - wenn Sie das mal ganz objektiv betrachten - ebenfalls leer. Ganz leer. Keine Aussage und wenn es dann Aussagen hat, sind sie sinnlos und - das ist nun sehr subjektiv - nicht einmal lustig. ("Dieses Pärchen hat auch nichts mit Wilder zu tun. Aber das macht ja nichts!"). Zugegeben: Es ist meine Meinung. Und dafür nehme ich gerne ein paar Blitze entgegen. Ich schätze Watson und seine Menschen sehr. Und genau deswegen muss ich das auch sagen können, wenns nicht passt.
    • Duweisches 08.11.2017 19:25
      Highlight Highlight Schreiben Sie solche Kommentare doch bitte beim zum Video gehörenden Artikel, dann könnten sie auch noch den Text dazu lesen und würden verstehen, dass das Video nicht all zu ernst genommen werden soll/will.

      https://www.watson.ch/!275915401?
    • teha drey 09.11.2017 10:22
      Highlight Highlight @Rendel. Touché. Nehmen Sie "neutral" anstelle von "objektiv" und wir sind wieder im Geschäft. Zu Ihrer Kritik doch noch eins: Ich akzeptiere, wenn Sie meine Wörter "Schwachsinn" und "Kindergarten" als Bewertung beurteilen. Dann bitte beurteilen Sie aber mein in Klammer gesetztes Beispiel (von welchen ich noch ein paar hätte) auch als Meinung oder gar als Beweisführung. Und noch was: Ich habe nichts persönlich gegen Frau Meier, warum auch. Aber das Stück Arbeit mit diesem Video hat mich nicht erreicht. Und Sie wissen jetzt warum.

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