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Kennen Sie Ihre Werte? Und stehen Sie für diese ein?  kafi freitag

FragFrauFreitag

Muss ich meinen Vater zur Taufe einladen?

Liebe Kafi. Nach der Geburt unseres vierten Kindes rückt die Taufe näher. Muss ich meinen Stiefvater dazu einladen, weil es sich gehört und damit ich meine Mutter nicht vor den Kopf stosse? Er interessiert sich weder für mich noch meine Familie. In den letzten fünf Jahren habe ich ihn dreimal gesehen. Bei unserer zivilen und der kirchlichen Hochzeit und der Taufe unserer Tochter. Sprich, nur wenn's was gratis zu essen gab. Irgendwie habe ich darum keine Lust auf ihn. Was soll ich machen? Bettina, 37



Liebe Bettina

Ich bekomme viele «Muss ich»-Fragen, sie sind noch häufiger als die «Darf ich»-Fragen. Spannend, dass diese Fragen immer von Erwachsenen kommen, praktisch nie von Jugendlichen. Wir scheinen demzufolge erwachsen zu werden mit ganz vielen «ich muss» im Rucksack. Und auch wenn wir dann längst auf eigenen Beinen stehen und unsere Füsse unter den eigenen Tisch strecken, haben wir noch immer das Gefühl, etwas zu müssen.

Bei mir in der Praxis habe ich viele Menschen, die unter dieser Last des Müssens fast zusammenbrechen. Sie wollen es allen recht machen. Dem kranken Mann, dem Arbeitgeber, der verwöhnten Tochter und sogar der Katze. Immer kümmern sie sich darum, was andere wohl von ihnen erwarten. Und das tun sie dann, ohne zu hinterfragen. Doch irgendwann, nach vielen Jahren der gebückten Aufopferung für die Umwelt bleibt man mit der Frage zurück, was man eigentlich selber will.

Wir alle wachsen mit einer ungeschriebenen Familienverfassung auf. Dort ist aufgelistet, was die Verwandten für wahr halten. Als Kind nimmt man diese «Regeln» ganz unbewusst auf, man kann sich nicht dagegen wehren. Erst viele Jahre später bemerkt man, dass da ein paar Regeln im System hocken, die einen stark einschränken. Ich bin selber auch mit solchen beschränkenden Glaubenssätzen aufgewachsen, in meiner Familie väterlicherseits ist Geld zwar ungemein wichtig, aber dennoch ist es widersprüchlich konnotiert. Wer viel davon hat, ist per Definition ein reicher Sack und eher unsympathisch. Ausser er ist grosszügig und lädt gerne ein, dann ist der gleiche reiche Sack ein toller Hecht. Vielleicht können Sie sich vorstellen, dass ich mich von diesen Vorstellungen erst einmal emanzipieren musste, bevor ich wirklich meinen eigenen Weg gehen konnte.

Und genau dies müssen Sie jetzt auch tun. Fragen Sie sich, was für SIE wichtig ist. Welche Wertvorstellungen sollen in IHRER Verfassung stehen? Mit welchen soll Ihr Kind aufwachsen?

Die Taufe ist ein kirchliches Ritual. Aber eigentlich ist sie viel mehr. Sie ist die erste Zeremonie, die ihr Kind ins Leben begleitet. Und nun fragen Sie sich ganz ehrlich: Wer soll Ihr Kind auf diesem Weg begleiten? Wen wünschen Sie sich an der Seite Ihres Kindes?

Mag sein, dass diese Frage Ihre Gästeliste arg ausdünnt. Und wenn dem so ist, haben Sie einiges richtig gemacht und sind auf dem besten Weg, Ihre eigene Verfassung zu formulieren.

Ich stelle mich auch immer wieder, inwiefern ich meinen Werten treu bleibe und wo ich eher elegant daran vorbei mäandere. Wenn man sich mit diesen Themen aktiv auseinandersetzt, ist man immer wieder gezwungen, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, die nicht allen gefallen. Aber es geht im Leben nicht darum, es anderen recht zu machen, sondern sich selber treu zu bleiben. Das ist nicht immer einfach, ich weiss. Viele Menschen bevorzugen es, sich für andere aufzuopfern, weil sie tief in sich drin das Gefühl haben, dass man sie sonst nicht gern hat. Diese Rücksichtsnahme baut nicht auf Edelmut, sondern auf fehlenden Selbstwert.

Für sich und seine Überzeugungen einzustehen ist etwas, dass ich meinem Kind mitzugeben versuche und ich hätte – wäre ich noch in einer Kirche – anlässlich der Taufe mit der Vermittlung dieser Werte angefangen.

Alles Liebe Ihnen und Ihrer Familie. Ihre Kafi

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Fragen an Frau Freitag? ​

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Kafi Freitag (41!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 12-jährigen Sohn in Zürich.

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31Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Pelegrino 20.07.2017 16:01
    Highlight Highlight 0 Demenz, welchen Geistes Kind schreibt da, das ich wünsche Johannes der Täufer wäre hier Vorort!? Die Kindstaufe ist eine zeremonielles Ritual, also die erste Geburtstagsfeier, die man so feuern kann, wie man es will.
    • Pelegrino 20.07.2017 23:12
      Highlight Highlight Es gibt die Schiffstaufe und vieles mehr, und alles hat mir einem Neubeginn zu tun, so wie bei der Kindstaufe, die man feiert, und man nicht feuert am Grill, oder vielleicht doch? Dann bald ein Happy Pirthday, zuvor oder danach!
  • Spooky 18.07.2017 06:23
    Highlight Highlight "Kennen Sie Ihre Werte? Und stehen Sie für diese ein?"

    Ja klar. Aber eigentlich ist es umgekehrt. Nicht ich stehe für meine Werte ein, sondern die Werte stehen für mich ein.

    Wenn es nicht so wäre, dann würde meine Welt nullkommaplötzlich in sich zusammenbrechen und im Nichts verschwinden - was natürlich ein Unsinn ist, denn das Nichts gibt es nicht. Denn wenn es das Nichts gäbe, dann wäre es nicht das Nichts.

    Okay, ich hoffe, Frau Freitag überlegt es sich noch einmal, ob sie uns verlassen will. Wohin will sie denn gehen? Von Etwas in ein anderes Etwas? Macht das Sinn?
    • Lichtblau 18.07.2017 22:09
      Highlight Highlight @Spooky: Ich würd mich freuen, Frau Freitag an anderer Stelle nicht nur zu lesen, sondern auch zu sehen. Da gäbe es doch ein paar vorstellbare Formate?
    • Spooky 20.07.2017 23:58
      Highlight Highlight @Lichtblau

      "Da gäbe es doch ein paar vorstellbare Formate?"

      Na ja, soviel ich weiss, predigt Frau Freitag ab und zu ganz gerne von der Kanzel. Für mich als Hindu ist es kein Problem, in eine Kirche reinzugehen. Es gibt nur einen Gott, und darum ist der bei allen Religionen der gleiche ;-))
    • kafi 21.07.2017 09:17
      Highlight Highlight Es muss nicht immer eine Kirche sein. Manchmal tut es auch eine schöne Seebadi.

      Im September, herzlich willkommen:

      https://www.starticket.ch/de/tickets/marli-am-see-20170904-2030-seebad-enge-zurich
  • Mirischgliich 14.07.2017 21:32
    Highlight Highlight Wozu dient ein Tauffest?
    • Pelegrino 19.07.2017 15:22
      Highlight Highlight ... um zu feiern natürlich, was denn sonst Mirischgliich!
    • Mirischgliich 20.07.2017 19:09
      Highlight Highlight Nach fröhlichem Feiern hört es sich für mich nicht an, eher nach Zwang. Sonst würde nicht die Frage aufkommen, wen man einladen "muss".
    • Pelegrino 20.07.2017 23:01
      Highlight Highlight Vielleicht hat die Person einen schlechten Ratgeber bei sich, krass gesagt die Idylle der Familie zerstört. Manchmal sind die grössten Feinde die besten Freunde, und die besten Freunde die besten Miesmacher. Warum nicht feiern!
  • ShadowSoul 13.07.2017 10:49
    Highlight Highlight Und auch dir möchte ich das Buch "The life-changing Magic of not giving a f***" ans Herz legen. :)
    • lolamanson 14.07.2017 09:30
      Highlight Highlight oder die deutsche Fassung: Not Sorry!
      habe meines soeben ausgelesen, wäre verfügbar :)
  • pamayer 13.07.2017 09:56
    Highlight Highlight Wenn es nicht der Kindsvater ist, nein.
  • Tom Foolish 13.07.2017 06:43
    Highlight Highlight Das Beste, was ich je von Ihnen gelesen habe, Frau Freitag. 👏🏼
  • Vachereine 13.07.2017 00:28
    Highlight Highlight Dass der Stiefvater nur selten zu sprechen war, ist nicht alleine seine Schuld. Man kann ja auch auf jemanden zugehen, statt auf ihn zu warten. Wenn beide warten, dann denkt ein jeder vom anderen, er interessiere sich nicht für einen.
    Ich würde ihn einladen. Es ist ja nur ein Familienfest, nichts intimes, nichts schlimmes. Auf ein Menu mehr auf der Rechnung kommt es nicht an und man wird nicht zu Rechtfertigungen genötigt und sät keinen Zwietracht. Es geht bloss um eine Taufe und nicht um die Verwirkichung des eigenen Lebens.
    Wir haben alle schon für idiotischeres Zeit und Geld verschleudert.
  • Spooky 12.07.2017 22:20
    Highlight Highlight Das Bild: Habe ich das nur geträumt, oder kann Frau Freitag hypnotisieren?
    • kafi 12.07.2017 23:29
      Highlight Highlight Ich kann es, praktiziere es aber nicht.
  • FensterAuf 12.07.2017 20:27
    Highlight Highlight Ja, das ist Schweiz. Mit allen Vorteilen (wir müssen niemanden der Familie zuliebe einladen; die Eltern haben bei der Partnerwahl nichts zu sagen; freie Stellen werden nicht auffallend häufig mit Familienmitgliedern der Chefin besetzt) - aber auch mit gewissen Nachteilen.
  • Bruno Wüthrich 12.07.2017 20:18
    Highlight Highlight Im Grundsatz hat Frau Freitag recht. Bei der vorliegenden Frage handelt es sich aber um ein Peanut. Zumindest für die Fragestellerin.

    Anders bei der Mutter, die sich neu verheiratet hat. Bei familiären Anlässen ist es heikel, von einem verheirateten Paar nur einen Teil einzuladen.

    Es wird bei diesem Paar Diskussionen geben, wie es mit solchen Teil-Einladungen verfahren soll. Die Mutter sieht sich völlig unnötigerweise vor eine Zerreissprobe gestellt. Soll sie ihrem Ehemann zuliebe selbst absagen oder der Tochter zuliebe zusagen? Denn ihr Mann wird auch künftig nicht mehr eingeladen werden.
  • Lucida Sans 12.07.2017 18:58
    Highlight Highlight Liebe Frau Freitag
    Zum Trost: Je älter frau/ man wird, desto weniger interessiert, was andere von einem erwarten. Mit den Jahren schleicht sich eine humorvolle Nonchalance ein. Wenn man/frau es zulässt. Ich kenne viele Frauen, die mit dieser befreiten Haltung durchs Leben gehen. Das ist, unter anderem, das Schöne am älter werden.
  • Mia_san_mia 12.07.2017 18:25
    Highlight Highlight Kafis Kolummne war viel symphatischer beim letzten Mal. Da hatte sie ein Foto von einem Auto drauf.
  • Spooky 12.07.2017 17:35
    Highlight Highlight Vielleicht ist der Stiefvater froh, wenn er nicht kommen muss.
  • Madison Pierce 12.07.2017 16:10
    Highlight Highlight Kann man so sehen und ist sicher konsequent. Ich würde den Stiefvater "dem Frieden zuliebe" einladen, wenn das Problem nur darin besteht, dass er sich sonst nie meldet. Das "Gratisessen" würde mich emotional weit weniger belasten als ein Konflikt mit der Mutter. Anders sähe es natürlich aus, wenn er in der Vergangenheit als unangenehmer Gast aufgefallen wäre und immer Streit gesucht hätte.
    • Lami23 12.07.2017 17:22
      Highlight Highlight Frieden über Ehrlichkeit? Tja jedem seine Prioritäten.
    • AdiB 16.07.2017 12:49
      Highlight Highlight @lami. Ja frieden über ehrlichkeit. Das somlte eigendlich ein weltweites motto sein. Für jeden menschen von oben bis unten.
      Stell dir vor jeder wäre bemüht frieden zu wahren, da wär doch die welt friedlicher. Die wahrheit und ehrlichkeit ist nicht immer eine tugend
  • der nörgler 12.07.2017 15:26
    Highlight Highlight Richtig. Ich geh sogar soweit zu sagen, dass es keine moralischen Verpflichtungen gegenüber der Herkunftsfamilie gibt. Das in die Welt gesetzt werden war nicht mein Entscheid, sondern der meiner Eltern. Dafür brauch ich nicht dankbar zu sein und es resultiert daraus keine Verpflichtung. Und ja, das gestehe ich auch meinen Kindern zu, sollten sie sich je so fühlen.
    Wieso soll man im Extremfall Zeit mit jemandem verbringen, mit dem man nichts gemein hat, ausser der Verwandtschaft?
    Und um den Moralaposteln gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, ja ich habe eine Beziehung zu meinen Eltern.
    • Menel 13.07.2017 07:02
      Highlight Highlight Das sehe ich genau so wie sie!

      ..und ich habe auch eine Beziehung zu meinen Eltern. Ich möchte sogar sagen, dass ich den besten Papa der Welt habe ☺
  • Yippie 12.07.2017 14:12
    Highlight Highlight Tipp: Besprechen Sie es mit ihrer Mutter und nicht einfach die Einladung nur an Sie richten. Sie wird wahrscheinlich mehr Verständnis haben, wenn Sie ihr Ihre Beweggründe erklären.

    Vielleicht ist der Stiefvater ja sogar froh, wenn er nicht dabei sein muss und ist bislang nur gekommen, weil er auch eingeladen wurde und die Einladung nicht ablehnen wollte aus denselben Gründen wieso Sie ihn eingeladen haben zur Hochzeit - Stichwort gesellschaftliche Gepflogenheiten.
  • Ohniznachtisbett 12.07.2017 14:05
    Highlight Highlight "Aber es geht im Leben nicht darum, es anderen recht zu machen, sondern sich selber treu zu bleiben". C'mon, wenn alle nach diesem Prinzip leben würden, wären wir hier ein Haufen selbstgefälliger Egoisten ohne Mitgefühl.

    Je nachdem wie gut das Verhältnis zu Mutter ist, würde ich entweder beide nicht einladen (kein gutes Verhältnis), oder halt beide einladen (gutes Verhältnis). Bei einem sehr guten Verhältnis, würde ich die Mutter fragen, ob es schlimm wäre für sie, wenn sie alleine kommen würde... Thema gelöst.
    • Gummibär 12.07.2017 18:44
      Highlight Highlight Ganz im Gegenteil Ohniznachtisbett. Ich bin mir selber möglichst treu geblieben, habe etwa 10 Jahre meines Lebens als Freiwilliger für ICRC, SCF und MSF für Kinder und Erwachsene gearbeitet die Hilfe wirklich nötig haben und tue es heute noch.
      Auf Familien-Konventionen, Dem-Frieden-Zuliebe, Was -sagen-die-Nachbarn pfeife ich. Angeheirateten und Betupftsein Wollenden schulde ich hingegen gar nichts.
  • Theor 12.07.2017 13:56
    Highlight Highlight Nö, musst du nicht. Im Gegenteil: Ich feier Menschen, die dem eigenen Wohlbefinden irgendwelchen pseudomässigen Gesellschaftskonventionen vorziehen.

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