Anhänger von Psychosekte mischen bei der Neutralitätsinitiative mit
Am 27. September stimmen wir über die Neutralitätsinitiativeab. In diesen Tagen wurde deutlich, dass neben Pro Schweiz und der SVP bunte Grüppchen mitmischen und das Rampenlicht suchen. Einige stammen aus dem rechts- und linksradikalen Lager, andere kommen aus der Corona-Skeptiker-Ecke oder wurden als Verschwörungstheoretiker bekannt. Dies berichteten verschiedene Medien. Es geht auch aus den entsprechenden Homepages hervor.
Als Vorkämpfer engagiert sich auch der Gymnasiallehrer René Roca vom selbst gegründeten «Forschungsinstitut direkte Demokratie», der sich als Mitgründer der Psychosekte VPM (Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis) hervortat. Unterstützt wird er von weiteren Exponenten des ehemaligen VPM.
Doch wer ist Roca, und welche Rolle spielt der VPM?
Zusammenarbeit von SVP und VPM
Roca reklamiert für sich, zusammen mit Christoph Blocher der geistige Vater der Initiative zu sein. «Christoph Blocher und ich haben die Initiative gemeinsam gemacht», sagte Roca gegenüber dem Tages-Anzeiger. Blocher sieht das anders. Es sei seine Initiative, sagte er gegenüber mehreren Medien.
Der VPM war in den 1990er-Jahren in der Schweiz, in Deutschland und Österreich ein zuverlässiger Lieferant von Schlagzeilen. Die rund 2000 Anhängerinnen und Anhänger in den drei Ländern waren konservative Weltverbesserer mit missionarischem Eifer. Sie wollten mit umstrittenen psychologischen Methoden die Menschheit umkrempeln.
Die Anhänger der Sektenführerin Annemarie Buchholz Kaiser waren grossmehrheitlich akademisch gebildet. Viele arbeiteten in den 1990er-Jahren als Lehrpersonen auf allen Schulstufen, um die Kinder und Jugendlichen auf den «rechten Weg» zu bringen. Es kam regelmässig zu heftigen Konflikten in Schulhäusern und mit Schulbehörden bis hinauf zum damaligen kantonalzürcherischen Bildungsdirektor Alfred Gilgen. Die Auseinandersetzungen und Streitigkeiten in Lehrerkreisen und Schulgremien wurden von den Medien aufgegriffen und thematisiert.
Der VPM und seine Anhängerinnen überzogen Kritiker, Medien, Schulbehörden, Lehrer, Politiker, Kirchenvertreter und Journalisten mit Hunderten von Strafanzeigen, Zivilklagen, Prozessen und rechtlichen Beschwerden in Deutschland und der Schweiz. Unter ihnen waren auch grosse deutsche Zeitungen und Zeitschriften, der Schweizerische Evangelische Kirchenbund, die Bischofskonferenz und inländische Medien. Selbst die NZZ wurde nicht verschont.
Am stärksten betroffen war ich selbst. Ich hatte 1993 das Buch «VPM – die Seelenfalle» und viele Artikel im Tages-Anzeiger publiziert. Das brachte mir 13 Klagen ein. Im Hauptprozess zum Buch sah ich mich mit einer Klageschrift von 257 Seiten konfrontiert.
Ausserdem war ich zahlreichen Repressionen ausgesetzt. Ich wurde beschattet, nach einem Vortrag niedergeschlagen und mit einem Pflasterstein beglückt, der morgens um zwei Uhr durch eine Scheibe in die Wohnung flog. VPM-Anhänger störten regelmässig meine Vorträge, weshalb einzelne Veranstalter Polizeischutz für mich verlangten.
Medienterror
Ich wurde auch in der Öffentlichkeit angeprangert. Am 20. März 1993 verbreitete die Schweizerische Depeschenagentur folgen Meldung:
Weiter heisst es in der Meldung:
In Flugblättern griffen die VPM-Anhänger zum Nazi-Vokabular und verglichen mich mit Goebbels, der vor Neid erblassen würde. Das sei Krieg, manches gemahne an den Reichstagsbrand. Gleichzeitig nannten sie mich einen Schreibtischmörder.
Die vielen Rechtshändel erwiesen sich für den VPM als Bumerang, denn manche Gerichte – bis hinauf zum Bundesgericht – deckten Aussagen, in denen der VPM als totalitär und als Sekte bezeichnet worden war.
Ein Beispiel aus Deutschland: Der VPM kämpfte mit gerichtlichen Mitteln und politischen Aktionen gegen eine Sektenbroschüre des deutschen Jugend- und Familienministeriums, in der auch der VPM porträtiert werden sollte.
Psychosekte mit totalitärer Struktur
In seinem Urteil erlaubte das Oberverwaltungsgericht Münster dem Ministerium, den VPM als «Psychogruppe mit Ausschliesslichkeits- und Heilsanspruch» zu bezeichnen, der eine autoritäre bis totalitäre Struktur mit einem rigiden Freund-Feind-Denken aufweise. Für den einzelnen bestehe die Gefahr «einer tiefen Abhängigkeit» und Entfremdung vom bisherigen Umfeld.
Die VPM-Verantwortlichen hatten geglaubt, die Verfahren auf der ganzen Linie zu gewinnen, doch sie zogen in praktisch allen Fällen den Kürzeren. Ihre Erklärung für die Niederlagen: Alle Gerichte seien von der «Neuen Linken» unterwandert.
Im März 2002 kam es zu einem Erdbeben. Der VPM verkündete seine Auflösung. Zürich rieb sich die Augen. Eine sektenhafte Bewegung, die ohne Not das eigene Ende einläutet? Ein unerklärliches Novum. Aus der Kampf gegen die Drogenliberalisierer, Schulreformer, Aidsaufklärer und linke Politiker?
Einzelkämpfer in Tarnanzügen
Das Rätsel löste sich relativ bald. Die VPM-Anhänger hatten den Verein primär beerdigt, um das Sektenstigma loszuwerden und ungestört politisch agitieren zu können. Dazu gründeten sie unzählige neue Komitees, Foren und Bürgerbewegungen. Diese kämpften mit missionarischem Eifer gegen den angeblich drohenden Untergang der Schweiz als (National-)Staat.
Annemarie Buchholz-Kaiser, die wie viele ihrer Anhängerinnen am Zürichberg residierte und sich verfolgt fühlte, zog nach der Auflösung des VPM nach Dussnang, wo sie aufgewachsen war. Viele Anhänger folgten ihr in den Hinterthurgau. In Sirnach richteten sie ihr Zentrum ein. Buchholz-Kaiser starb 2014.
Dass der Geist des VPM auch heute noch weiterlebt und viele ehemalige Anhänger die Ideologie in die Gesellschaft tragen, zeigen zwei VPM-Institutionen, die von den Anhängern bis heute gepflegt werden. Die Zeitung «Zeit-Fragen» wird weiterhin von ehemaligen VPM-Mitgliedern herausgegeben. Ausserdem führen die Anhänger von Annemarie Buchholz-Kaiser den Kongress «Mut zur Ethik» bis in unsere Tage durch.
Mitglied der Chefredaktion
Womit wir wieder bei René Roca angelangt sind. Er gehörte früher zur Chefredaktion der VPM-Zeitung «Zeit-Fragen». Ausserdem schrieb er am 30. April 2024 in diesem Blatt einen Artikel mit dem Titel: «Die Bedeutung der Neutralitätsinitiative für die Schweiz und eine friedlichere Welt» und am 25. November 2025 einen Text mit dem Titel «Anmerkungen zur Schweizer Neutralität».
Er kämpft mit seinem Institut für die Initiative und war bei deren Einreichung beim Bundeshaus in Bern dabei. In seinem Lebenslauf schreibt er: «Der Redaktion ‹Zeit-Fragen› bin ich immer noch sehr verbunden; so schreibe ich bis heute zahlreiche Artikel für die Zeitung und unterstütze diese Genossenschaft weiterhin.» René Roca tritt ausserdem am Kongress von «Mut zur Ethik» als Referent auf, der vom 4. bis 6. September dieses Jahres stattfindet, wie aus dem Programm hervorgeht.
Die drei Beispiele zeigen, dass sich Roca auch heute noch im Dunstkreis der VPM-Leute bewegt und ihre Ideologie teilt. Er ist auch Teil der unheiligen Allianz hinter Blochers Initiative.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
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