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FragFrauFreitag

Warum es dein Problem ist, wenn dich jemand nervt

Liebe Kafi. Ich bin im fünften Monat schwanger und ertappe mich manchmal bei dem Gedanken: Was, wenn das Kind so wird wie die Schwester meines Mannes? Ich mag seine Familie gerne, aber die Schwester geht mir echt und fast immer, wenn ich sie sehe, auf die Nerven oder macht mich wütend. Und was, wenn das mit meinem Kind auch so sein wird, weil es mich ständig an sie erinnert? Talaya, 33
03.07.2017, 12:1504.07.2017, 08:23

Liebe Talaya

In der Schwangerschaft passieren gspässige Dinge mit einem, die man nicht rational ganz nachvollziehen kann. Das ist normal, Hormonen sei Dank. Allerdings scheint bei Ihnen das Thema grösser zu sein, als dass man es nur auf diesen hormonellen Ausnahmezustand schieben könnte. Ich gehe davon aus, dass Sie die gleichen Gefühle ihr gegenüber hatten, als Sie noch nicht schwanger waren. Und nun werden diese noch grösser und betreffen plötzlich auch noch Ihr ungeborenes Kind.

Es ist also höchste Zeit, dass Sie das Problem angehen, schliesslich leidet sonst Ihr Kind unter der Spannung und das wäre ja auch nicht gerade fair. Vermutlich haben Sie sich beim Lesen der Worte ‹Problem angehen› schon mit der Schwägerin an einem Tisch gesehen oder zumindest in einer ähnlichen Situation, in der Sie sie stellen. Aber das meine ich nicht, wenn ich vom ‹Angehen› spreche. Im Gegenteil.

Sie können und müssen das Problem mit sich selber lösen. Weil es bei Ihnen liegt und nicht bei der Schwägerin. Wann immer jemand einen so triggert, liegt das Thema nämlich bei einem selbst. Ihre Schwägerin ist nicht das Problem, es geht vielmehr darum, was sie bei Ihnen auslöst. Es scheint da ein paar Knöpfe zu geben, die gedrückt werden. Alte Themen, die getriggert werden und die Sie in einen Gefühlszustand versetzen, der mit der Schwägerin nichts zu tun hat.

Sie sind die Besitzerin Ihrer Gefühle und tragen die alleinige Verantwortung für diese. Das hören die Menschen nicht gern, ich weiss. Weil es einem verunmöglicht, die Schuld auf andere zu schieben. Und das wäre doch so schön bequem und einfach, gell. Aber glauben Sie mir: Wann immer einen etwas in den Wahnsinn treibt, liegt die Thematik bei einem selbst. Immer.

Sie können sich nun auf die Suche machen nach der auslösenden Situation. Meistens liegt diese lange zurück, ganz oft sogar in der frühen Kindheit. Im Laufe der Zeit stapeln sich dann viele ähnliche Erfahrungen darüber, sodass man nicht auf Anhieb auf die Erste kommt. Darum macht es Sinn, den Weg langsam zurückzugehen, von der Gegenwart in die Vergangenheit. Diesen Prozess durchlaufe ich mit vielen Menschen, die zu mir in ein Coaching kommen, und es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie auflösend und befreiend er wirkt. Sie können mithilfe dieser Anleitung versuchen, selber auf die Antworten zu kommen. Manche Menschen haben einen guten Zugang zu diesen Gefühlen, andere benötigen die Unterstützung durch eine Begleitperson, um an sie heranzukommen. Aber seien Sie versichert, liebe Talaya: Wir alle haben einschränkende Glaubenssätze und es ist nur eine Frage der Zeit, sich damit auseinanderzusetzen.

Fragen Sie sich einmal, was die letzte Erfahrung war, bei der Sie sich genau so gefühlt haben. Wenn Sie diese bewusst gemacht haben, dann gehen Sie einen Schritt weiter und fragen sich, welche die letzte davor war. Das machen Sie so lange, bis Sie bei der Situation angekommen sind, welche sich als letzte (resp. erste in Ihrem Leben) zeigt. Diese werden Sie dadurch erkennen, dass Sie noch viel stärkere Gefühle auslöst als die, die Sie in der Konfrontation mit Ihrer Schwägerin fühlen. Der Kontext dieser Erfahrung kann ein komplett anderer sein, aber die Emotionen sind exakt die gleichen.

Wenn Sie diese Erfahrung gefunden haben, dann können Sie diese bearbeiten. Manchmal reicht es schon, sich darüber im Klaren zu sein, wo genau der Hund begraben liegt. Und manchmal muss man sich dann etwas stärker damit befassen und die darunterliegenden Glaubenssätze auflösen. Bei fast allen Themen liegt ein beschränkendes Glaubenssystem vor, welches einem dermassen prägt und leitet, dass man immer wieder ähnliche Erfahrungen machen muss, die einen darin bestärken, dass es wirklich so ist.

Menschen, die mit dem bewussten oder unbewussten Glaubenssatz ‹ich werde immer ausgenutzt› durch die Welt gehen, werden immer wieder genau diese Erfahrungen machen und sich darin bestätigt fühlen, dass ihr Glaubenssystem das richtige ist. Jemand, der tief in sich daran glaubt, nichts wert zu sein, wird immer wieder mit Menschen konfrontiert, die ihn mit ihrer blossen Existenz aufs Blut provozieren und ärgern. In den meisten Fällen sind sich die Menschen aber nicht bewusst, dass sie einen derart beschränkenden Glaubenssatz in sich tragen. Der Verstand legt sich schützend über solch schmerzhafte Erkenntnisse und will einem weismachen, dass das nicht stimmt. Aber die Gefühle reden eine andere Sprache und man merkt, dass – obwohl man sich einredet, dass man nicht wertlos ist – etwas mit einem passiert, was man nicht steuern kann. Man fühlt sich angegriffen und man verteidigt sich. Aber gegen was genau?

Es klingt für Sie jetzt sicher paradox und vielleicht sogar zynisch. Aber Sie dürfen Ihrer Schwägerin eigentlich dankbar sein. Denn sie zwingt Sie dazu, sich mit einer alten Thematik auseinanderzusetzen. Da liegt irgendwo eine Verletzung begraben, die nun sogar Ihre Gefühle zu Ihrem Baby tangiert. Es wäre aus meiner Sicht wichtig, dass Sie sich diesen Fragen stellen, damit Sie sich befreit auf Ihr Kind freuen können.

Sie können selber am besten entscheiden, ob Sie imstande sind, sich diesen Fragen selber zu stellen. Manche Menschen haben einen guten Zugang zu diesen Gefühlen, andere benötigen die Unterstützung durch eine Begleitperson, um an sie heranzukommen. Es ist vollkommen egal, welchen Weg Sie wählen. Wichtig ist nur, dass es Ihnen gelingt, zu den richtigen Verletzungen vorzudringen und diese zu heilen. Damit machen Sie sich und Ihrem Kind ein grosses Geschenk.

Alles Liebe. Ihre Kafi

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Kafi Freitag (41!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 12-jährigen Sohn in Zürich.

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