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Wie das gehypte YouTube-Format «Survival Squad» im Debakel endete

Szene aus «Survival Squad».
Hätte, hätte, Fahrradkette. Fabio Schäfer (r.) und Otto Karasch haben grosse Erwartungen geweckt – und konnten diese nicht erfüllen.Screenshot: YouTube
Analyse

Wie das gehypte YouTube-Format «Survival Squad» im Debakel endete

Zwei deutsche Influencer begeistern mit ihren Abenteuern in Kanadas Wildnis das Internet. Dann nimmt das Projekt ein unerwartetes Ende.
14.12.2023, 03:34
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«Wir sind euch etwas schuldig»: So lautet der Titel der zehnten und letzten Folge der YouTube-Serie «Survival Squad».

In den vorangegangenen Folgen hat ein Millionenpublikum verfolgt, wie sich die Influencer Otto Karasch und Fabio Schäfer gemeinsam durch die kanadische Wildnis schlagen. Und nun soll es also ein grosses Finale geben. Doch leider bleiben die Serien-Macher dem Publikum vieles schuldig.

Das am 6. Dezember veröffentlichte Video legt nicht nur die Schwächen der Teilnehmer, sondern des ganzen Projekts an sich schonungslos offen. Tatsächlich könnte die letzte Folge als abschreckendes Schulungsvideo für angehende YouTuber verwendet werden. Sie zeigt eindrücklich, welche Fehler bei einer solchen Produktion zu vermeiden sind.

Obacht: Dieser Beitrag enthält Spoiler!

Clickbait und Lügen statt offener Worte

Ein Kommentator brachte es bei Reddit auf den Punkt: Die YouTube-Serie «Survival Squad» und vergleichbare Formate lebten im Gegensatz zu Fernsehen und Kino «von authentischen, nahbaren Protagonisten». Dem Publikum werde ein Gefühl von Nähe vermittelt, weil man viel über die Akteure und ihr Leben wisse, ihre Erfolge feiere, Einblicke in ihre Gedankenwelt erhalte und somit Sympathien hege und sich gut in die Personen hineinversetzen könne.

Authentizität lebe aber auch davon, mit schwierigen Situationen transparent umzugehen. Und genau das sei zu einem Problem geworden, das bei vielen Fans und Zuschauern mindestens einen faden Beigeschmack hinterlasse.

Ehrliche Kommunikation ist bei solchen YouTube-Projekten entscheidend. Das hat zuletzt schon «7 vs. Wild» bewiesen. In negativer Hinsicht.

Für die Macher solcher YouTube-Formate, die vom Engagement eines überwiegend jungen Publikums leben, ist es eine Gratwanderung. Es gilt die Vorfreude zu schüren und dann die interessierten User bei der Stange zu halten.

Die «Survival Squad»-Verantwortlichen haben mit Ankündigungen und YouTube-Titeln grosse Erwartungen geweckt – und schliesslich alle gesteckten Ziele verfehlt.

Otto und Fabio wollten laut Intro in 30 Tagen 300 Kilometer zu Fuss absolvieren und schafften 70 km, bevor sie aufgaben. Wobei ihnen auch diese verkürzte Strecke nur dank der mitgenommenen Packrafts (Gummiboote) gelang.

Ein angeblicher «Bärenangriff» mit Schussabgabe entpuppte sich als überdramatisierter Zwischenfall, der bis heute nicht aufgelöst wurde, weil die Serien-Macher offenbar entschieden haben, nicht alles Videomaterial zu veröffentlichen.

Der Umgang mit diesem Vorfall illustriert, dass die beiden «Helden» nicht erkannt haben, dass eine absolut transparente Kommunikation entscheidend ist. Ob sie sich bewusst dagegen entschieden haben oder aus einem unbewussten Gefühl heraus zu brenzligen Situationen schwiegen, weil sie dachten, sie dürften keine Schwäche zeigen, ist offen.

Und damit sind wir beim grundlegenden Problem von «Survival Squad». Der kritische Reddit-User gibt zu bedenken:

  • Authentisch wäre gewesen, zu kommunizieren, dass es sich um einen Versuch handelt, wie weit man kommt.
  • Authentisch wäre gewesen, zu kommunizieren, dass man nicht vorhat, alles zu Fuss zu absolvieren.
  • Authentisch wäre gewesen, zu kommunizieren, wie es um den aktuellen Fortschritt steht, also auch mal Schwäche zu zeigen, statt alles schönzureden.
  • Authentisch wäre gewesen, zu kommunizieren, dass man es sich mit dem schweren Gepäck (fast 40 kg) leichter vorgestellt und sich überschätzt hat.
  • Authentisch wäre gewesen, zu kommunizieren, dass man die Nahrungsverfügbarkeit falsch eingeschätzt hat.
Abgemagerter Teilnehmer von Survival Squad
Fehlende Einsicht: Fabio war offenbar nicht bewusst, dass er kurz vor einer lebensbedrohlichen körperlichen Verfassung stand.Screenshot: YouTube
«Das Format hat superstark angefangen, aber zum Ende dann mehr abgebaut als Fabios Körper, was unter anderem auch daran liegt, dass man unbedingt zehn Folgen haben wollte, obwohl das Material offenbar nur so etwa acht hergab.»
Kommentar bei Reddit

Und zum Schluss kam es ganz dick ...

Das grosse Finale, das zum Debakel wurde

Niemand macht Otto und Fabio einen Vorwurf, weil sie nach 14 Tagen Strapazen mit wenig Nahrung vorzeitig aufgaben und sich per Helikopter evakuieren liessen. Ihre Outdoor-Erlebnisse vor bzw. in der wunderschönen Kulisse Kanadas waren längst zu «Hunger Games» mutiert. Und so kam das jähe Ende auch für die Zuschauerinnen und Zuschauer auf dem warmen Sofa einer Erlösung gleich.

Abgemagerter Teilnehmer von Survival Squad
Auch Otto Karasch hat viel Körperfett verloren, glaubt aber immer noch, sich keine Blösse geben zu dürfen.Screenshot: YouTube
Die letzte Folge ist bezüglich Dramaturgie und Inhalt eine einzige Enttäuschung – und leider bleibt so ein bitterer Nachgeschmack.

Es soll hier nicht auf jedes Detail eingegangen werden. Dies hat etwa der erfahrene deutsche Outdoor-Influencer und «7 vs. Wild»-Initiator Fritz Meinecke getan (siehe unten).

Die wichtigsten Kritikpunkte im Überblick:

  • Der inhaltliche Aufbau der letzten Folge ist eine Katastrophe. So wird zwar die Rückkehr der ausgehungerten Abenteurer gezeigt, aber von ihrer ersten Mahlzeit und den Reaktionen darauf bekommen wir nicht viel mit.
  • Eine selbstkritische Einschätzung der eigenen Outdoor-Fähigkeiten lassen Otto und Fabio vermissen.
  • Dafür wollen die «Survival Squad»-Verantwortlichen unbedingt noch eine angeblich bärensichere Notunterkunft im Blockhaus-Stil bauen mit ihrer mehr als dürftigen Holzer-Ausrüstung – und scheitern kläglich.
  • Schliesslich stellen sie mithilfe einer Extra-Säge und einer Axt (und trotz Planungsfehler) ein entsprechendes Konstrukt mit Mühe und Not fertig.
  • Der Bau einer solchen Behausung war schon während der ersten zehn Tage in der Wildnis als Überraschung angeteasert worden. Warum, bleibt ein Rätsel. Wer mit schwerem Gepäck 300 km absolvieren will, hat keine Zeit und keine Energie für ein solches Vorhaben.
Szene aus Survival Squad, Folge 10.
«Hier wäre alles zu gewesen»: Die Hüttenbauer müssen zum Konjunktiv greifen, als sie die aus Zeitgründen nicht fertiggestellte Konstruktion vorstellen. Bild: Screenshot: YouTube
«Nach dieser Folge habe ich mich ähnlich gefühlt wie nach dem Finale von ‹Game of Thrones›. Obwohl insgesamt immer noch ganz gut, fallen mir im Nachhinein so viele Dinge auf, die mich die ganze Staffel über schon abgefuckt haben.»
Kommentar bei YouTube

Die Survival-Fails nehmen kein Ende

watson hat bereits kritisch über die Survival-Kenntnisse und praktischen Fähigkeiten der beiden Teilnehmer berichtet. Leider geht es in der letzten Folge im gleichen Stil weiter.

Zu erwähnen ist etwa der höchst fahrlässige Umgang mit der Axt. Es besteht grosse Verletzungsgefahr durch eine falsche Positionierung. Ganz grundsätzlich wird so ziemlich alles falsch gemacht beim übereilten Hüttenbau.

Und bitte, liebe Outdoor- und Survival-Serien-Teilnehmer: Lernt richtig zu fischen! Ohne dieses tierische Protein ist es fast unmöglich, mehrere Wochen zu bestehen. Und wenn wir schon beim Thema sind: Den gefangenen Fisch gilt es sofort (durch einen massiven Schlag auf den Kopf) zu betäuben und anschliessend mittels «Kiemenschnitt» zu töten.

Ebenfalls in der letzte Folge erfährt das Publikum auch noch, warum die beiden Teilnehmer, die beide eine Jagdausbildung und die nötige Lizenz besassen, sich bewusst dagegen entschieden hätten, ein Karibu (Rentier) zu schiessen. «Das wäre zu einfach gewesen», sagt Otto – offenbar eine weitere Fehleinschätzung bzw. Selbstüberschätzung.

Tatsächlich wäre es extrem schwierig gewesen, ein solches Tier, das – je nach Grösse – deutlich mehr als 100 Kilogramm wiegen kann, zeitnah zu verwerten. In der hochalpinen Landschaft während der ersten Tage des Abenteuers fanden sich keinerlei Bäume. Die beiden Jäger hätten ihre Beute also zerlegen und dann während Tagen mitführen müssen, bis sie tieferliegendes Gelände mit Bewaldung erreichten.

Wie konnte das passieren?

Das ist den meisten Leuten ein Rätsel.

Es gebe nur eine logische Erklärung, spottete der erfahrene Outdoor-Influencer Fritz Meinecke: Es müsse sich um Langzeitfolgen des Pilzkonsums der beiden handeln.

Zwar haben Otto und Fabio relativ schnell nach der Veröffentlichung der letzten Folge weitere Videos hochgeladen, in denen sie ihre Sicht der Ereignisse schildern. Doch erneut mangelte es an Selbstreflexion und ehrlichen Worten.

Sicher ist: Die beiden outdoor-erfahrenen Männer haben ihre eigentliche Mission aus den Augen verloren und sich verfranzt. Oder dann haben sie schlecht geplant und die entsprechenden Versäumnisse unter dem Deckel gehalten.

Trotz der vielen Schwächen ist zu hoffen, dass es eine Fortsetzung (Staffel zwei) von «Survival Squad» geben wird. Die beiden vor Männlichkeit strotzenden Helden hätten dann die Chance, den schlechten letzten Eindruck zu korrigieren. Und das Publikum zu Hause bekäme mehr geniale Naturaufnahmen und neuen Diskussionsstoff fürs Sofa-Survival.

Wo gibt's das zu sehen?

Gleich hier:

Oder noch besser: Du schaust dir die gesalzene «Reaction» von Fritz Meinecke an

Quellen

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117 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Wolf von Sparta
12.12.2023 11:57registriert Februar 2019
Irgendwie wird es völlig kritisiert und irgendwie aber gleichzeitig voll "beworben". Woran liegt das?
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Mr. Brainwash
12.12.2023 12:23registriert Mai 2015
Die trendigen urbanen Tattoos, das Muskelquerschnittstraining im Fitnessstudio und die Hochqualitätskameras haben ihnen in der echten Wildnis nichts gebracht???
Fassungslose pure Überraschung! 😱
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Schlaf
12.12.2023 11:24registriert Oktober 2019
Die beiden sind doch nicht Outdoor-erfahren, dass haben sie mit ihrer Serie top aufgezeigt.

Die beiden sind Meister der Selbstüberschätzung und auch noch gleich Meister in schädlicher Uneinsicht.

Auf dem Papier sieht das schon machbar aus, 10km pro Tag mit fitten Kerlen sollte schon drinn liegen. Hätten sie lieber mal ein Wild geschossen und sich gestärkt.
Aber wenn das Ego zu gross ist, ist halt vieles zum Scheitern verurteilt.
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