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Anonymous rückt dem russischen Bären auf den Pelz.
Anonymous rückt dem russischen Bären auf den Pelz.

Cyberkrieg gegen Kreml-Propaganda: Anonymous hackt sich durch halb Russland

Das globale Hacker-Kollektiv Anonymous versetzt der Kreml-Propaganda täglich neue Nadelstiche. Eine Übersicht.
24.03.2022, 16:0525.03.2022, 18:01

Mit grösseren und kleineren Aktionen beschäftigen mutmasslich hunderte oder tausende Anonymous-Aktivisten seit Wochen die russische Cyberabwehr: In der Nacht auf Donnerstag meldeten sie den Hack der russischen Zentralbank. «Mehr als 35'000 Dateien mit geheimen Vereinbarungen werden in den nächsten 48 Stunden veröffentlicht», schreiben die Hacktivisten auf Twitter.

Noch ist also unklar, ob es sich um vertrauliche Daten mit Zündstoff handelt, oder bloss um alte, wertlose Dokumente, die auf irgend einem schlecht gesicherten Server herumlagen.

Fakt ist aber: Das weltweite Hacker-Kollektiv versetzt Russland laufend neue Nadelstiche. Auch diese Woche sehen russische Behörden-Webseiten beispielsweise so aus.

Gehackte Behördenseite am Dienstag in Russland.
Gehackte Behördenseite am Dienstag in Russland.

Stets aufs Neue werden auch Webseiten von russischen Online-Shops gehackt. Statt der neusten Mode bekommen die Shop-Besucher unversehens in Russland zensierte Kriegsbilder zu sehen. Wer am Mittwoch die Webseite des Online-Shops für Kinderbekleidung kids-centr.ru aufrief, wurde mit dem Foto des bombardierten Kinderspitals in Mariupol begrüsst.

Anonymous vs. russische Kassen

Pro-ukrainische Hacker finden immer neue Wege, ihre Anti-Kriegs-Botschaften an Putins Medien- und Internetzensur vorbeizuschmuggeln. So wurden in der russischen Grossstadt Belgorod offenbar Kassenterminals von Restaurants gehackt. Auf den Kassenzetteln stand plötzlich die Botschaft «Stoppt den Krieg! Rettet eure Kinder

Gehackte Kassenterminals in Russland spuckten Quittungen aus, die ein Ende des Krieges fordern.
Gehackte Kassenterminals in Russland spuckten Quittungen aus, die ein Ende des Krieges fordern.bild: @PucksReturn

«Ein einfacher, aber sehr effektiver Hack, um Nachrichten an die Menschen zu bringen», kommentierte ein Anonymous-Aktivist die Aktion auf Twitter.

Ins gleiche Schema passt der folgende Angriff: Mehrere Hackergruppen versenden anscheinend über kompromittierte Drucker Botschaften an Russen, die über die Geschehnisse in der Ukraine informieren. Gehackte Drucker spucken auch Anleitungen aus, wie man in Russland die staatliche Internetzensur per Tor-Browser umgehen könne, um sich unabhängig zu informieren.

Wenn das Staatsfernsehen plötzlich die Wahrheit zeigt

Letzte Woche wurde Putins öffentlicher Auftritt im Moskauer Luschniki-Stadion vom Staatsfernsehen abrupt unterbrochen – offiziell wegen eines technischen Fehlers. Anonymous-Aktivisten behaupten, sie hätten die Finger im Spiel gehabt und eine technische Störung provoziert.

Gesichert ist dies nicht. Laut der britischen BBC bestätigt ist hingegen, dass es Anonymous-Aktivisten bereits kurz nach Kriegsbeginn gelang, das russische Fernsehen zu hacken und für zwölf Minuten das Programm zu übernehmen. Der Hack wurde in einem kurzen Videoclip festgehalten, in dem das normale Programm durch Bilder von Bombenexplosionen in der Ukraine unterbrochen wird und Soldaten über die Schrecken des Konflikts sprechen. Die BBC stöberte die Frau auf, die das Video zuerst in den sozialen Medien veröffentlicht hatte. Sie lebt in den USA und erhielt es von ihrem in Russland lebenden Vater.

Die Frau erzählte der BBC: «Mein Vater rief mich an, als es passierte, und sagte: ‹Oh mein Gott, sie zeigen die Wahrheit!› Also habe ich ihn dazu gebracht, es aufzunehmen und ich habe den Clip online gestellt.»

Das besagte Video:​

Anonymous vs. das russische Facebook

Angeblich gehackt wurde auch VK, das grösste soziale Netzwerk in Russland. Dies berichtete unter anderem das unabhängige russische Online-Newsportal Meduza, das inzwischen in Russland gesperrt ist. VK-User erhielten demnach eine in russischer Sprache verfasste Nachricht, in der unter anderem über die zivilen Opfer des Krieges informiert wird. Gleichzeitig wurde russischen VK-Nutzern in der Nachricht gedroht, dass die Unterstützung der Invasion als Verbrechen ausgelegt werden könne und dereinst eine Verfolgung durch Interpol drohe.

Als Reaktion darauf schrieben zahlreiche Twitter-User, dass solche Drohungen kontraproduktiv seien und die Menschen noch mehr in Putins Hände treiben würden.

Anonymous vs. Öl-Konzerne

Bereits vergangene Woche veröffentlichten Anonymous-Aktivisten laut Eigenaussage 79 GB Daten des russischen Erdöl-Pipeline-Giganten Transneft. Der Leak könnte Einblicke geben in die undurchsichtigen Verflechtungen zwischen russischen Öl-Konzernen und dem Kreml.

Mitte März hackten deutsche Anonymous-Aktivisten die deutsche Tochterfirma des Kreml-nahen Mineralölkonzerns Rosneft. Rosneft Deutschland bestätigte den Cybervorfall. Der Konzern sei nicht angegriffen worden, um «Pipelines an und auszuschalten», sondern weil er «im Zentrum von Putin und seinem engsten Zirkel» stehe, schrieben die Hacker. Das Unternehmen sei zentral für den russischen Energielobbyismus in Deutschland und Europa.

Anonymous vs. Nestlé und Co.

Am Mittwoch sorgte ein angeblicher Nestlé-Hack für Schlagzeilen. «E-Mails, Passwörter, Firmenkunden und mehr» sollen erbeutet worden sein, schrieben Anonymous-Aktivisten. Der Konzern dementierte und schrieb watson: «Jüngst erhobene Behauptungen eines Cyberangriffs gegen Nestlé und ein damit verbundenes Datenleck entbehren jeder Grundlage.»

Es handle sich um einen Vorfall von Februar 2022. Damals waren «einige randomisierte und vorwiegend öffentlich verfügbare Testdaten für Business-to-Business-Anwendungen unbeabsichtigt für einen kurzen Zeitraum online zugänglich», so der Konzern.

Erste Analysen der geleakten Daten zeigen, dass es sich wohl tatsächlich um Testdaten handelt, was nicht ausschliesst, dass auch einige echte, produktive Daten betroffen sind. Im Minimum ist der Vorfall für Nestlé peinlich, da die Testumgebung nicht richtig geschützt war.

Der Schweizer Nahrungsmittelriese zögerte lange mit strengen Boykottmassnahmen, was ihm international Kritik, Schelte von Selenskyj und Drohungen von Anonymous einbrachte. Erst am Mittwoch konnte sich Nestlé durchringen, Produkte, die nicht zu den Grundnahrungsmitteln zählen, in Russland aus dem Sortiment zu nehmen.

Anonymous attackiert derweil weitere Unternehmen, die sich nicht aus Russland zurückziehen. In der Schweiz müssen sich unter anderem die Credit Suisse, der Sanitärtechnik-Konzern Geberit und der Rohstoffkonzern Glencore auf Aktionen von Anonymous gefasst machen. Diese Unternehmen seien weiter in Russland aktiv und figurieren auf der Schmäh-Liste der Yale-Universität.

Ein anderes prominentes Opfer von Anonymous ist die russische Zensurbehörde Roskomnadzor. Laut eigenen Angaben wurden 360'000 Dateien in einem Datenumfang von 820 Gigabyte erbeutet und veröffentlicht.

Künftige Cyberangriffe sind seitens des Hacker-Kollektivs bereits angekündigt: «Anonymous wird seine Angriffe auf russische Regierungssysteme fortsetzen, bis sie die Ukraine verlassen», schreibt der mit 7,9 Millionen Followern grösste Anonymous-Account auf Twitter.

Weitere Nadelstiche werden also unweigerlich folgen: Anonymous sei «für Putin die Internetversion eines Trittes auf ein Legoklötzchen», schreiben die Haktivisten.

Anders gesagt: Die Störaktionen sind nicht kriegsentscheidend, aber ein ständiger Stachel im Fleisch des Kreml.

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61 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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sansibar
24.03.2022 16:26registriert März 2014
Den mit den Kassenzetteln finde ich geil 😂😂
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Daniel Pünter
24.03.2022 17:05registriert April 2021
Irgendwie bin ich zwischen Stuhl und Bank.... eigentlich ist hacken ein no-go, andererseits überwiegt in diesem Falle die Schadenfreude. Ja, ich geb es zu, Schadenfreude.
Hacks wie das Fernseh oder die Kassenzettel find ich zudem voll genial, davon bitte mehr.
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Salvatore_M
24.03.2022 16:31registriert Januar 2022
Hacker sind mir normalerweise nicht sympathisch. Was die Anonymous-Hacker gerade in Russland machen, sind Nadelstiche. Was die russische Armee jedoch unter der Führung eines Wahnsinnigen in der Ukraine anrichtet, geht weit über die Definition von Nadelstichen hinaus.
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